The masked Singer

29. Mai 2020 - 9:42 | Martin Schmidt

Corona hat Augsburgs Livemusiker in digitale Existenzen verwandelt: zwischen Surrogat und Prekariat, zwischen Existenzangst und Künstlersozialkasse

Wer hätte je gedacht, dass der Titel des trashigen TV-Formats »The masked Singer« einmal prophetische Weissagungskraft entfalten könnte? Corona verhagelt der Musikszene leib- und livehaftig das Bühnenleben. Die Clubs und Live-Venues müssen kämpfen und setzen bisher auf Streams – wie aber geht es den Musiker*innen selbst? Und wie dem Rest der Infrastruktur, erst recht in der Region – Veranstaltungstechnik-Verleih, Masteringstudios, Musikfachhandel? Zu Wort kommen die »Roy«-Preisträger 2019 John Garner und Ala Cya, die Loop-Cellistin Ruth Maria Rossel, der Musikerprivatier Karl Poesl sowie das Mastering- &Vinylschnittstudio Duophonic, die Music World und der Königsbrunner Technikverleih Cab.

Ala Cya wurde von der Corona-Krise einen Tag vor ihrer Tour mit dem »Songs from her(e)«-Fempop-Kollektiv erwischt. Ala lebt ausschließlich von der Musik, sie ist Mitglied in der Künstlersozialkasse (KSK). Sie nimmt die Zwangslage als Herausforderung an. »Allerdings plagen mich ab und an auch Existenzängste, wenn ich daran denke, dass dieser Arbeitsstopp bis Ende des Jahres gehen könnte.« Unterstützung erfährt sie durch viele ihrer Zuhörer, durch Familie und Freunde. »Das sind diejenigen, die mir aktiv helfen.« Zur Absicherung hat sie eine Crowdfunding-Kampagne für ihr Debütalbum »Reflection« (2021) gestartet.

»Ich hatte erst mal ein zwei Wochen anhaltendes Psychotief mit Depressionen sowie Existenz- und Zukunftsängsten«, erzählt Ruth Maria Rossel. »Dann dachte ich mir: Weitermachen. Einfach weitermachen – positiv denken!« Die klassisch ausgebildete Musikerin, die in Pop und Klassik gleichzeitig zu Hause ist, lebt hauptsächlich von Liveauftritten. Alle Konzerte bis Oktober wurden gecancelt, vieles auf zunächst 2021 verschoben. Das neue Album »Back2TheRuth« war gerade in der Promo-Startphase. Ruth ist in der KSK, alle drei Monate rieselt etwas Geld durch GEMA-Einnahmen und den Musikverlag herein. Ihre Familie unterstützt sie. Aber auch hier: »Ich habe zwei Kids, da ist es jetzt noch schwieriger, Beruf und Familie irgendwie unter einen Hut zu bekommen.«

Ins Blaue

Bei der Band John Garner sind alle Mitglieder hauptberuflich Musiker, der Großteil in der KSK. Zum Interviewzeitpunkt, Mitte Mai, hatten sie immer noch keine Notfallhilfe bekommen. Am 13. März, drei Tage vor Corona, war der Release der neuen EP. 30 Konzerte – die Musiker buchen größtenteils selbst – mussten abgesagt werden, die EP ging im Nachrichtenstrudel zunächst unter. »Wir klammern uns an den Herbst«, sagt Lisa Seifert. Die Reise geht: ins Blaue.

Gut geht es dem Augsburger Solomusiker Karl Poesl. »Ich bin aber auch privilegiert, weil ich bereits in Pension bin.« Damit falle natürlich die persönliche Existenzangst weg – »die Angst und die Verzweiflung meiner professionellen und semiprofessionellen Musikerkollegen und anderer Selbstständiger empfinde ich aber genauso.« Gitarrist Poesl ist ein Mann der fairen Gesten: Oft spiele er dort unentgeltlich, wo er sicher sein könne, keinem professionellen Künstler einen Auftritt wegzuschnappen. »Und deshalb erteile ich auch trotz vieler Anfragen keinen Instrumentalunterricht privat. Das soll den Profis vorbehalten bleiben.«

Dream-Team Screen-Stream?

Und dann: das Thema Streams. Die Community, die Supporter, die Fans, sie scheinen die Streaming-Angebote der Szene gut anzunehmen. Aber wie geht es dem Performer, dem Musiker als Bühnentier selbst? Die Spender*innen eines digitalen Surrogats bleiben applaus- und interaktionslos, in sprichwörtlich steriler Atmosphäre einsam vor der Kamera. Zwar ohne Mundschutz, aber digital maskiert. Alle Interviewpartner sind sich einig: Ein Stream ersetzt kein richtiges Konzert. Poesl haut den Nagel rein: »Das Livestreamen ohne Publikum vertieft ein Gefühl der Einsamkeit und Sinnlosigkeit des eigenen Tuns, weil keine Interaktion mit dem Publikum stattfinden kann.« Anders ergeht es ihm, wenn über einen Chat und Comments eine gewisse zeitversetzte Interaktion – auch untereinander im Publikum – möglich ist. Ruth Maria Rossel, die auch einen eigenen Youtube-Kanal hat, macht die Erfahrung, dass vielen Viewern gar nicht bewusst ist, dass ein gestreamtes Konzert tatsächlich live ist. »Viele denken, es ist vorher aufgezeichnet, geschnitten, bearbeitet usw., da es aus dem PC kommt.« Manch Viewer erwarte sogar Hollywood-Qualität. Außerdem: »Es ist unglaublich schwer, ohne Publikum in einen Flow zu kommen.«. Stream ohne Flow. »Das darf kein Dauerzustand werden.« So sieht es auch Ala Cya: »Für mich ist es eine nette Übergangslösung.«

Auch Einigkeit hierin: Künstlerische Arbeit darf nicht kostenlos sein. »Kostenlose Streams finde ich für die Musikbranche existenzvernichtend«, so Rossel. Ala Cya ergänzt: »Menschen nehmen kostenlose Gesten gerne schnell als Selbstverständlichkeit an und vergessen, dass der Musiker in dem Moment auch arbeitet und damit seine Brötchen verdient.« Auch John Garner, die sich innerhalb weniger Tage nach dem Lockdown netzfit machten, sind auf Ticketverkäufe für ihre gestreamten Konzerte geradezu angewiesen.

Life is(s)t live

Blick ins Thelottviertel: Dort ist Sitz von Duophonic, Augsburgs Mastering- & Vinylschnittstudio. Knapp eine Handvoll derartiger Betriebe gibt es Deutschland. Da aktuell keine Tourneen stattfinden, gibt es spürbar weniger Pressaufträge, s agt Mitbetreiber David Jahnke. Er ist auch Musiker, Kopf des Dr. Drexler Projects (Streams? »Da lege ich lieber eine Schallplatte auf«). Kurios: In den ersten Wochen des Lockdowns habe es mehr Nachfrage nach Vinyl-Einzelanfertigungen gegeben. Die Arbeitszeiten sind gleich geblieben. »Wir haben ein Schichtsystem eingeführt und stellen unser Warenwirtschaftssystem um, sodass wir mehr Homeoffice machen können.«

Völlig kalt erwischt hat Corona den Veranstaltungstechnik-Dienstleister Cab. Ansässig in Königsbrunn, hat die Licht-, Ton- und Showtechnik GmbH ihr Arbeitsfeld zu 100 Prozent in Open Airs, Livekonzerten, Events und Kongressen und agiert deutschlandweit. Mit 16. März 2020 sind auf nicht absehbare Zeit alle Veranstaltungsaufträge weggefallen, Auftragslage: komplett null. Verunsicherte Veranstalter, Kurzarbeit bei Cab, eine kleine Büromannschaft hält die Stellung und zeigt Präsenz. Selbst wenn Großveranstaltungen wieder machbar wären, sie würden dann wohl grundlegend anders ausschauen – so Michael Prinke, einer der beiden Geschäftsführer. Er hofft auf einen Corona-Impfstoff: »Eine andere Möglichkeit sehe ich momentan nicht.«

Martin Wiesenbauer, Geschäftsführer der Music World, berichtet, dass sein Fachhandel für Musikbedarf in den Monaten März und April einen Umsatzrückgang von rund 65 Prozent im Ladenverkauf verzeichnen musste. Freilich wohl weniger aufgrund der Livemusik-Krise, sondern lockdownbedingt. Dennoch: »Wir können feststellen, dass viele Kunden aufgrund der Homeoffice-Möglichkeit mehr Zeit haben und gerade diese Zeit nutzen möchten, um ein Instrument zu erlernen«, so Wiesenbauer. Piano stehe hier hoch im Kurs, aber auch Gitarre und Ukulele. Ende April – bis dahin war die Hälfte der Mitarbeiter in Kurzarbeit – konnte wiedereröffnet werden. Ins Blaue.

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