The Show Must Go On

30. Juni 2020 - 14:08 | Renate Baumiller-Guggenberger

Premiere auf der Freilichtbühne: Der aus der Corona-Not geborene Gala-Abend als Alternative zum ursprünglich geplanten Musicalklassiker »Kiss me, Kate« sowie den Vorstellungen des wiederaufgenommenen »Herz aus Gold« überzeugte künstlerisch nicht in jedem Moment.

Tänzerisch und vokal von einem homogenen und engagierten Ensemble unterstützt, bemühte sich das  Solist*innen-Quartett nach Kräften, den Musicalfunken im Laufe der Premiere doch noch ins »maskierte« Publikum überspringen zu lassen.

Wie muss sich das wohl aus der Perspektive der sechzehn Mitwirkenden angefühlt haben? Der Blick von der Bühne auf die vielen zwangsweise leeren Sitzreihen – in die rund 400 mit Mund-Nasen-Schutz vermummten Gesichter? Und auch als Zuschauer*in konnte man sich bei aller Freude, dass unter »verschärften« Konditionen endlich doch wieder Showtime am Roten Tor war, der nüchternen, fast bedrückenden Corona-Atmosphäre nicht gänzlich entziehen – da halfen am ehesten die zur Mitnahme erlaubten Spirituosen.

Verhalten muteten entsprechend auch die Beifallsbekundungen an, so dass die ans Auditorium gerichtete Bemerkung von Susanna Panzner »Freut Ihr Euch denn auch so, dass wir für Euch spielen?« fast schon resigniert klang und dazu motivierte, den Applauspegel nach Kräften hochzufahren. Deutlich stark fiel dafür nach gut 90 Minuten der Schluss-Beifall aus, der allen Mitwirkenden der Gala galt, die auch von der einnehmenden Zugabe »You'll Never Walk Alone« profitierte. Dafür war Opernsängerin Kate Allen als Überraschungsgast »eingeflogen«, die sich von der Showtreppe aus ihren Weg entlang des mit Lichterketten-Schirmen chorisch verstärkten Ensembles bahnte.

Ganz ohne Frage: Dass die Premiere der großen Musical-Gala mit Arrangements von Stephan Kanyar unter der königlichen Headline »The Show Must Go On« am Samstag auf der Freilichtbühne überhaupt stattfinden konnte, ist ein kleines Wunder, eine Besonderheit und somit als Kraftakt »von unbedingter Willensbekundung« – so Alexander Franzen in seiner Begrüßungsmoderation – von Seiten des Staatstheaters und seines Intendanten André Bücker zu würdigen. Eine faire Kritik zu einer Theaterpremiere, die trotz und mit zahlreichen, bestimmt beschwerlichen Pandemie-Einschränkungen und unter Probenkonditionen, die jede Kreativität beschneiden, auf die dezent illuminierte und mit vier Stellwänden samt Fuggertreppe ausgestattete Freilichtbühne gebracht wurde, muss entsprechend andere als die üblichen Maßstäbe anlegen.

»Absolut« betrachtet wäre der Abend, der mit zwölf Musiknummern aus bekannten und weniger bekannten Musicals wie »Chicago«, »Les Misérables«, »Mamma Mia«, »Jekyll & Hyde«, »Einstein«, »Jesus Christ Superstar« oder »Dreamgirls« stilistisch einen Bogen von jazzig über rockig bis seicht-POPulär spannte, künstlerisch nicht in Summe überzeugend oder gar mitreißend gewesen – selbst wenn Justin Pambianchi am Dirigentenpult mit den in kleinerer Besetzung mit fülligem Sound spielenden Augsburger Philharmonikern sehr gute Arbeit leistete.

Für die intensiven sängerischen Momente sorgte insbesondere Katja Berg, etwa im Song »Milady ist zurück« (»3 Musketiere«), im gefühlvoll und stark intonierten Abba-Welthit »The Winner Takes It All« und später gemeinsam mit der jungen Katharina Wollmann im packenden Mutter-Tochter-Duett/Duell aus dem Fuggermusical »Herz aus Gold«. Auch der in Augsburg als charismatischer  Bühnen-Fugger gefeierte Chris Murray zeigte, wie vertraut ihm die musikalische Handschrift des Musicalkomponisten Stephan Kanyar ist. Er ließ nicht allein den Titelsong des Fuggermusicals, sondern auch den romantischen »Sternenstaub«-Song aus »Einstein« mit Vibrato und eindrucksvoller vokaler Emphase funkeln. Bewegend und stark interpretierten auch Manuel Dengler und Janina Moser ihr Duo »A Whole New World«.

Die musikalische Klammer um das Musical-Potpourri setzte zu Beginn das leicht holprig wirkende »Kiss Me, Kate«-Medley mit einschlägig berühmten Evergreens wie »Wunderbar« und die ans Finale gestellten großen »Herz aus Gold«-Nummern. Nicht ganz nachvollziehbar war die Idee, dem Musicaldarsteller Alexander Franzen die Doppelrolle von Sänger und Moderator zuzumuten, die ihn hörbar unter Stress setzte. Im »Normalfall« hätte er mit der Partie des Fred Graham gemeinsam mit Susanna Panzner als Lilli Vanessi die Hauptrollen in Cole Porters »Kiss me, Kate« übernommen und darin möglicherweise sein Potenzial als schauspielender Sänger besser präsentieren können. Weder im Medley noch im Solo »This Is The Moment« (aus Jekyll & Hyde«) überzeugte er stimmlich und insbesondere seine »Sweet Transvestite«-Version geriet nicht allein mit der unfreiwilligen Kostümpanne zur eher peinlich wirkenden Fehlbesetzung. Und auch bei Susanna Panzner verlor selbst ein so starker Song wie »All that Jazz« im konzertanten Gala-Format ein wenig an Strahlkraft, weil sie ihn trotz Rotlicht-Ambiente und Verstärkung durch das Ensemble allzu brav verkaufte.

Wer also für diese »Ausnahme«-Produktion knapp 50 Euro für sein Onlineticket auszugeben gewillt ist, leistet damit sicher einen wichtigen und solidarischen Kulturunterstützer-Beitrag, muss aber damit rechnen, dass der Entertainment-Faktor dem nicht in vollem Umfang entspricht oder bereit sein, sich auch für eine auf Pandemie-Sparflamme gekochte Musical-Kost zu begeistern.

Alle Termine und weitere Infos unter:
www.staatstheater-augsburg.de/the_show_must_go_on

Foto: Alexander Franzen und Ensemble (© Jan-Pieter Fuhr)

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