Theater ist sein Ding

29. April 2018 - 8:20 | Bettina Kohlen

Neue Erzählweisen, neue Spielstätten, neues Publikum: André Bückers erste Spielzeit als Intendant des Theaters Augsburg neigt sich dem Ende zu. Ein Ein- und Ausblick von Bettina Kohlen

André Bückers Büro ist ziemlich unspektakulär und recht klein. Doch es hat einen gewaltigen Pluspunkt: Es liegt im martini-Park, in unmittelbarer Nähe zur Spielstätte, der Heimat des Theaters Augsburg für die nächsten Jahre. Seit einigen Wochen arbeiten der Intendant und viele Mitarbeiter nicht mehr in der Innenstadt, sondern in der industriellen, etwas rauen Atmosphäre des Industriegeländes, die gut zu Bückers theatralem Ansatz passt.

»Ich wollte immer zum Theater«, sagt Bücker, dem bereits als Student der Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften klar war, dass er Theaterregie machen würde. Das hat er »von der Pike auf« gelernt. An großen und kleinen Häusern, auf regulären Bühnen oder an ganz speziellen Orten wie Kirchen hat er mittlerweile mehr als 80 Stücke auf die Bühne gebracht. Darunter waren Erstaufführungen ebenso wie Bewährtes, Sperriges und Klassiker, viel Goethe. Auch als Intendant in Augsburg wird er in jeder Spielzeit zwei eigene Produktionen zeigen, einmal Sprechtheater, einmal Musiktheater.

Aktuell ist im martini-Park seine Inszenierung der Verdi-Oper »La forza del destino« zu sehen. Das Geschehen hat Bücker ins Milieu lateinamerikanischer Drogenbosse verlegt. Für ihn eine logische Konsequenz, wenn man die Geschichte durchdenkt und Assoziationen zulässt: Im Kern steht eine Rachegeschichte, mit viel blutrünstiger Ehre, aus archaischen Machtstrukturen mit einer eigenen Bestrafungskultur entsteht wilde, verblendete Wut. Genau dies gibt (oder gab) es unter anderem in Kolumbien mit seiner die Gesellschaft massiv beeinflussenden Drogenmafia. Ein weiterer Aspekt ist die in der Oper vorhandene indigene Komponente.

Der neobarock-kitschige Lebensstil der Drogenbarone mit all seiner Arroganz und Enge spiegelt sich im Bühnenbild wider. Doch Kolumbien bedeutet nicht nur Gewalt, es hat auch Gabriel García Márquez und den magischen Realismus, diese spezielle Art, sich mit dem Leben auseinanderzusetzen. Und nein, die Idee, das Ganze als Traum der Leonore zu erzählen, ist für Bücker keine den technischen Gegebenheiten geschuldete pragmatische Entscheidung, sondern inhaltlich notwendig. Leonores Traum ist auch ihr Trauma – denn an der unabsichtlichen Tötung ihres Vaters ist sie schließlich nicht ganz unschuldig … Nicht jedem Zuschauer mögen sich all diese Facetten offenbaren – kein Problem für Bücker, der ein Zuviel an Erklärung im Theater immer schwierig findet. Ist schließlich keine Schule …

Eine Soap-Opera im Fernsehen heißt nicht ohne Grund so – doch neue Erzählweisen, wie sie in Netflix-Serien angewandt werden, beeinflussen auch die Erzählweisen des Theaters. Bücker weist darauf hin, dass dieser Input gerade die Theaterarbeit verändert, so wie in den Neunzigern die Filme von Quentin Tarantino. Konkret setzt er auf ein umfassendes Videokonzept im Kontext seiner Arbeit, gern auch zusammen mit Videokünstlern. Dies will er jedoch nicht als »Bebilderung« des jeweiligen Werkes verstanden wissen, vielmehr als elementaren unverzichtbaren Bestandteil. Selbst Filme drehen möchte er aber nicht, die Branche scheint ihm ein wenig suspekt. Bücker schätzt den intensiven Austausch am Theater.

Das Theater im martini-Park ist natürlich nicht mit einem konventionellen Bau zu vergleichen, doch es verfügt über eine recht große Bühnenfläche, eine erstaunlich gute Akustik und eine hervorragende Sicht auf allen Plätzen, ohne tote Winkel. Mit allem anderen muss man leben, muss, so Bücker, »auf den Raum eingehen, den man hat«. Dies beeinflusst natürlich bereits im Vorfeld Spielplan und Konzeption. Ja, der Intendant mag den Standort, auch wenn Theater und Situation nicht perfekt sind und noch an verschiedenen Schrauben gedreht wird. Mit Kritik kann er leben, »gemeckert wird immer«. Wie mancher Neubürger hat auch Bücker registriert, dass für den Augsburger in der Regel das Glas eher halb leer als halb voll ist. Ihn persönlich haben jedoch eher positiv überraschte Reaktionen zum martini-Park erreicht.

Ab dem Herbst wird auch im Gaswerk gespielt, zunächst im Kühlergebäude, bevor am 12. Januar die neue Brechtbühne eröffnet wird. Nach der letzten Vorstellung in der bisherigen Brechtbühne am 23. Juni wird die dortige Einrichtung ausgebaut und im Gaswerk installiert, der Theaterstandort in der Innenstadt hat dann für die nächsten Jahre große Pause. Das Theater konzentriert sich in dieser Zeit auf seine beiden Hauptstandorte: Musiktheater, Orchester und Verwaltung sitzen im martini-Park, Schauspiel und Ballett residieren im Gaswerk.

Mittlerweile haben sich solide Abläufe etabliert, drei Sparten werden bedient. Bücker sagt, er hätte keinen Plan B in der Schublade gehabt, war überzeugt, es würde funktionieren. Hat es ja auch. Er ist stolz darauf, dass es – zwar nicht reibungslos – geklappt hat, auch dank des Kulturreferats. Doch er wundert sich, dass öffentlich nicht gewürdigt wird, welch großartige Leistung es ist, in kurzer Zeit ein solches Theater hinzustellen. Das bedeutet enorm viel Arbeit und ist keineswegs selbstverständlich.

So reizvoll die neuen Spielstätten sind, schätzt der Intendant dennoch ein Theater im Herzen der Stadt, das, wenn es einmal fertig ist, ganz andere Möglichkeiten bieten wird. Doch zunächst freut er sich auf die neue Spielzeit (Präsentation am 15. Mai), dann wird auch das kurzfristig geschrumpfte Musiktheater-Ensemble auf zehn Sänger*innen anwachsen. Statt »Sinnsucht« lautet das Motto, das sich parallel und zusammen mit dem Spielplan entwickelt hat, nun »Geistzeit«. Die pinkfarbene Ananas, neues Logo des Theaters Augsburg, das sich schnell als guter Coup erwiesen hat, bleibt. Welche Assoziation das rosa Ding auch hervorrufen mag – Obst, Zirbelnuss oder Handgranate –, Hausherr Bücker findet das Logo perfekt: »Genau wie das Theater, außen stachelig, innen saftig. Nicht ganz glatt, aber sinnlich.«

www.theater-augsburg.de

Foto (Jan-Pieter Fuhr): Giuseppe Verdis Oper »La forza del destino« in einer Inszenierung von André Bücker ist noch am 11., 13. und 25. Mai im martini-Park zu sehen.

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