Theatermacher üben Schulterschluss

17. Juni 2016 - 13:40 | Patrick Bellgardt

Die freien Theater fordern ein größeres Stück vom Förderkuchen. Höchste Zeit, den Kulturetat-Stillstand zu beenden! Ein Kommentar von Patrick Bellgardt

Wenige Tage nach Veröffentlichung der Ergebnisse des Bürgerbeteiligungsprozesses »Zukunft der Theaterlandschaft Augsburg« meldete sich am 13. Juni eine Gruppe zu Wort, die bis dato in dieser Form nicht geschlossen auftrat: die freien Theater der Stadt. Zwei wesentliche Punkte sind der gemeinsamen Pressemitteilung zu entnehmen: Ja zur Theatersanierung, Nein zu einem »Weiterso« in Sachen Kulturförderung.

»Um zeitgemäß weiterarbeiten zu können, fordern die freien Theater eine Erhöhung ihrer Zuschüsse um 400.000 Euro. Dies entspricht 2,5 Prozent der Höhe des Zuschusses an das Stadttheater,« heißt es in der Nachricht. Elf bedeutende Kulturinstitutionen – Bluespots Productions, Das Märchenzelt, Faks Theater, Klexs Theater, Moussong Theater mit Figuren, Junges Theater Augsburg, Sensemble Theater, Theaterwerkstatt Augsburg, Theater Fritz und Freunde, theater.interkultur, theter ensemble – ergänzen damit einen fehlenden, aber wesentlichen Punkt in der just vorgestellten Ergebnisdokumentation des Bürgerbeteiligungsprozesses.

In den letzten 20 Jahren wurden die Zuschüsse um keinen Cent erhöht

Zwar ist in dem rund 60-seitigen Dokument folgerichtig die Rede von der Notwendigkeit einer »Überarbeitung der bestehenden städtischen Kulturförderrichtlinien mit dem Ziel, zeitgemäße Kriterien und Evaluationsverfahren einzuführen« – die seit Jahren von den unterschiedlichsten Akteuren geforderte Erhöhung des Kulturetats wird jedoch nicht erwähnt. Solange dieser finanzielle Aspekt ausgeblendet wird, gestaltet sich das Prozessergebnis als nicht zielführend. In den letzten 20 Jahren wurden die Zuschüsse für die freie Theaterszene um keinen Cent erhöht. Gleichzeitig zählen allein die oben genannten Ensembles etwa 160.000 Zuschauer jährlich. Zahlreiche weitere Initiativen wie Amateurtheater und studentische Gruppen sind hier noch gar nicht eingerechnet. Das Stadttheater erreicht rund 240.000 Besucher. Während das Haus am Kennedy-Platz eine Förderung von 16 Millionen Euro erhält, um arbeitsfähig zu sein, wird die freie Theaterszene mit 235.000 Euro abgespeist.

Nur 0,9 Prozent des gesamten Kulturetats ist der Stadt die Arbeit der Szene Wert. Dabei gehen die Theater in die Stadtteile, besuchen Schulen und Kindergärten, erreichen bildungsnahe und -ferne Schichten, Alt und Jung gleichermaßen. Sie setzen mit interkulturellen und partizipativen Projekten wichtige Impulse in der Stadtgesellschaft. Aspekte, die im Bürgerbeteiligungsprozess gefordert wurden, von vielen Vertretern der freien Szene aber schon längst gelebt werden. Dabei arbeiten die Kreativen nicht selten als Schauspieler, Regisseur, Autor, Bühnentechniker, Buchhalter und Pressereferent in Personalunion. Höchste Zeit also, um nach vielen Jahren des Etat-Stillstands selbstbewusst nach vorne zu preschen, den Schulterschluss zu üben und ein größeres Stück vom Förderkuchen einzufordern.

»Theater Augsburg« ist mehr als das Stadttheater

Klar ist aber auch: Das Ja zur Theatersanierung steht für die Elf aktuell nicht zur Diskussion. Diese Position teilen sie mit weiten Teilen der kulturinteressierten Stadtgesellschaft, einschließlich der meisten Initiatoren des Bürgerbegehrens zum Thema. Wie dieses Mammutprojekt jedoch genau umzusetzen wäre, dazu geben die Theatermacher zum jetzigen Zeitpunkt keine gemeinsame Stellungnahme ab. Vielmehr plädieren sie für Wertschätzung, Anerkennung und Respekt für die Arbeit, die sie als »Freie« gemeinsam mit dem Stadttheater für unsere Stadt leisten.

»Theater Augsburg« ist eben mehr als nur die Bühnen am Kennedy-Platz und der Kasernstraße. Vielleicht ist die von der Politik verantwortete Schließung des Großen Hauses auch der richtige Zeitpunkt, um aus dem so betitelten »Theater Augsburg« wieder das »Stadttheater Augsburg« zu machen. Dieser symbolische Akt könnte einige Positionen gerade rücken und ein weiterer Schritt in eine gemeinsame Zukunft als »Theaterlandschaft Augsburg« sein.

Die Kulturmacher brauchen endlich eine verlässliche Größe

In Puncto Etatplanung sollte die Rathauspolitik möglichst bald ein klares Zeichen pro Kultur setzen. Gelegenheit dazu gäbe es beim Kulturausschuss im Juli, zu dem die freien Theater geladen sind. Die Kulturmacher, nicht nur die Theaterleute, brauchen endlich eine verlässliche Größe, wie sich der Etat in den kommenden Jahren entwickeln wird. Augsburg zählt nicht zu den Kommunen, in denen Kreative wirklich auf städtische Förderung bauen können, rangiert es in Sachen Kulturausgaben pro Kopf doch weiterhin hinter vergleichbaren Städten. Nicht umsonst hat auch Kulturreferent Thomas Weitzel in der Vergangenheit immer wieder eine Korrektur nach oben gefordert.

Wohin die Reise in den nächsten Jahren geht, ist längst nicht klar. Wie werden Neuentwicklungen in der Theaterlandschaft vom Etat abgefangen? Gibt es in der Stadt überhaupt noch Platz für neue Ensembles? Wie soll ein – als Ergebnis des Bürgerbeteiligungsprozesses gefordertes – »Büro für Theater- und Kulturkooperation« konkret aussehen? Welche (Raum-)Angebote hält ein »offenes« Stadttheater für die freien Theater bereit? Zu welchen Tarifen? Was passiert mit dem Theaterneubau auf dem Gaswerkgelände nach der Interimszeit? Wer soll diese Räume im Anschluss bespielen? Wer kann sich das überhaupt leisten? Es sind bei weitem nicht alle Fragen zur Zukunft der Theaterlandschaft beantwortet.

Bereits im Spätsommer 2013, lange vor der aktuellen Diskussion, vollzog a3kultur eine umfangreiche Recherche zur »Augsburger Theatergalaxie«. Unsere Redaktion stieß damals auf rund 30 Institutionen, Gruppen und Vereine mit insgesamt fast 500.000 Besuchern jährlich – Amateurtheater und studentische Initiativen inklusive. Download hier.

Ebenso verglichen wir im Rahmen unserer Wahlprüfsteine zur Kommunalwahl 2014 die Kulturausgaben verschiedener deutscher und österreichischer Städte. Download hier.

Die Ergebnisdokumentation zur Bürgerbeteiligung »Zukunft der Theaterlandschaft Augsburg« finden Sie online unter: www.augsburg.de/kultur/theatersanierung/

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