Tiefe Trauer

3. April 2018 - 10:24 | Renate Baumiller-Guggenberger

Premiere der Romanadaption »Das Ungeheuer« von Terézia Mora in der alten Orchesterprobebühne des Theaters Augsburg

Im alten Lastenfahrstuhl des Verwaltungsgebäudes findet eine Art »Mini-Prolog« statt: Eine Viertelstunde vor Spielbeginn werden jeweils sieben der im Gang wartenden Zuschauer in den dritten Stock zur Orchesterprobebühne des Theaters befördert. Definitiv nichts für Fahrstuhl-Klaustrophobiker! Abschließend ertönt dort eine kurze Passage über den Mythos von Orpheus und Eurydike.

An diesem ergreifenden Theaterabend, der die »Plan A«-Serie fortsetzt, geht es schließlich um die nicht gänzlich undurchdringbare Grenze zwischen »Oben« und »Unten«. Thematisiert wird auch der schmerzhafte, nicht zu enträtselnde Verlust des geliebten Partners. Die Trauer scheint zu dominieren, aber auch die am Ende offensichtlich zum Scheitern verurteilte Suche nach deren Bewältigung. Die archaisch anmutende Klangcollage (live generiert von Ellen Mayer) und kurze Videoeinblendungen verdichten die nebulöse Atmosphäre in diesem düster beleuchteten Raum zwischen Diesseits und Jenseits, in dem der Protagonist Darius Kopp endlich wieder Bodenhaftung zu finden sucht.

Mit erheblichem Aufwand und viel echter Erde wurde die Orchesterprobebühne zum Spielort, in dem Klaus Müller eindringlich und intensiv in die Rolle des in seinem ohnehin eher glücklosen Leben zurückgelassenen, arbeits -und leicht verwahrlosten IT-Experten Darius schlüpft, dessen Frau Flora sich vor einem Jahr im Wald erhängt hat. Lange abgetaucht, bricht er in seinem kleinen Auto zu einer Reise auf, die ihn auf der Suche nach dem richtigen Platz für Floras Urne bis ins aggressiv-chaotische Athen führt, auf der er im besten Fall wieder zu sich selbst finden will. Über die von Flora hinterlassenen Tagebücher will Darius auch den Gründen für den Selbstmord nachspüren, will erkunden, woran ihre Liebe zerbrochen ist, die er trotz aller Krisen als Erholung und Einheit empfand.

Zu erleben ist ein hoch emotionaler »Roadtrip«, ein Seelenstriptease, der in Abgründe führt und  dem Zuschauer rasch unter die Haut geht. Die poetische Wucht der Monologe trifft, berührt und befremdet gleichzeitig. Der Text, bzw. das szenische Geschehen birgt aber immer wieder auch kurze Momente der Komik, wie etwa die auf Englisch geführte Begegnung mit der attraktiven albanischen Anhalterin und Studentin Oda, die Linda Elsner überzeugend spielt.

2013 erschien Teréza Moras mehrfach ausgezeichneter Roman »Das Ungeheuer« (die Fortsetzung ihres Buches »Der einzige Mann auf dem Kontinent«), den Nadine Schwitter jetzt behutsam und mit Gespür für die von der Komplexität der Realität überforderten Romanfiguren für das Theater Augsburg adaptierte. Sicher kein Nachteil, wenn man den Roman vorher gelesen hat, aber auch ohne Kenntnis der literarischen Vorlag birgt dieses Bühnen-»Ungeheuer« hinreichend Tiefgang.      

Weitere Vorstellungen:
7., 15. und 24. April, alte Orchesterprobebühne, Kasernstr. 4-6

www.theater-augsburg.de

Foto: Jan-Pieter Fuhr

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