Toleranz oder Respekt

15. April 2015 - 11:22 | Gino Chiellino

Für seine Kolumne hat Gino Chiellino Begriffe gesucht, die er paarweise umschreibt, um zu zeigen, wie er sie anders versteht als seine Gesprächspartner. Der dritte Teil behandelt: Toleranz oder Respekt.

Luigi Nono muss gewusst haben, dass Toleranz eine elitäre Haltung ist, die sich diejenigen gönnen können, die der Meinung sind, dass ihnen eine solche Haltung zusteht. Denn wie sonst wäre der junge Komponist auf die Idee gekommen, sich 1960 für den Titel »Intolleranza« zu entscheiden, als er sich daranmachte, eine Oper über die unhaltbaren Ungleichheiten unter den Menschen zu komponieren?
 
Ich weiß nicht, ob es damit zu tun hat. Es könnte sein, dass sich inzwischen das Gefühl durchgesetzt hat, Andersartigkeiten seien kostbar. Sie beleben den Alltag, indem sie uns aus der Monotonie des ewigen Gleichen befreien. So hat Toleranz Handlungsmodelle wie Solidarität und Nächstenliebe überlebt und begegnet uns in allen Varianten.
 
Neuerdings gibt es sogar einen Europäischen Theatertag der Toleranz, wogegen absolut nichts zu sagen ist, und eine Toleranz-Reihe bei der ARD.
 
Obwohl selbst meine Freunde und gelegentlichen Diskussionspartner ohne Toleranz nicht auskommen, weiß ich nicht, warum es mir nicht gelingt, das empfundene Misstrauen gegen dieses Wort zu überwinden. Jedes Mal, wenn ich »Toleranz« höre oder lese, taucht bei mir ein schiefes Bild auf: Der Tolerante befindet sich eine Stufe höher und von dort aus pflegt er einen freundlichen Umgang mit Tieren, Pflanzen und Menschen.
 
Bei Betrachtung dieses wiederkehrenden Bildes frage ich mich: Wie kommt der Tolerante auf die höhere Stufe? In der Tat gibt es eine Art von strategischer Toleranz, die darin besteht, sich mit gelebter Liberalität aus der eigenen Ignoranz gegenüber dem Gesprächspartner zu retten. Sie lautet: Ich brauche nicht zu wissen, wer mein Gesprächspartner ist; ich habe nur tolerant zu sein.
 
Eine solche Strategie rettet den Toleranten nicht vor der Tatsache, dass sein Gesprächspartner ihn durchschaut, selbst wenn ihn dieser, als toleranter Mensch, nicht bloßstellt. Diese Art von gegenseitiger strategischer Toleranz offenbart sich in immer wiederkehrenden Sätzen wie »Töchter von Jerusalem, ich bin schwarz, aber schön« oder »Einwanderer und Flüchtlinge sind Menschen!«.
 
Strategische Toleranz gibt dem Toleranten das Gefühl, menschlich zu sein, denn Toleranz verlangt ihm Konstanz ab, die Mühe kostet, und er leistet sie sich, ohne eine Gegenleistung zu erhalten. Zum Beispiel toleriert er nach wie vor, dass Einwanderer sein Land betreten und sich niedergelassen haben.
 
Im Umgang mit den Einwanderern vermeiden meine Freunde und Gesprächspartner das Wort »Respekt«, das bei mir das Bild einer Wippe aufkommen lässt, wo es darum geht, im Gleichgewicht zu bleiben oder sich alternierend einzubringen. Anders als Toleranz beruht Respekt auf Gegenseitigkeit und ist sogar gesetzlich kodifiziert.
 
Den Einwanderern steht Respekt und nicht Toleranz zu, und gewiss nicht, weil sie kulturell oder religiös anders als die Einheimischen wären. Es steht ihnen Respekt zu, denn sie respektieren den Vertrag, den sie mit dem Land abgeschlossen haben, als sie eingewandert sind.
 
Sie sind unter der Voraussetzung eingewandert, die Leistungen zu erbringen, die im Anwerbevertrag standen. Diese Leistungen sind unterschiedlich messbar: als Leistungen am Arbeitsplatz, als abgeführte Beiträge zur Arbeitslosigkeit, zu Renten- und Krankenversicherungen, als Kosten für die berufliche Ausbildung der Kinder usw.
 
Respekt würde dem Toleranten gut tun, denn Respekt würde ihn von der Ausübung einer falschen Tugend befreien, und mit der befreiten Energie könnte er entspannt mit seiner Umgebung umgehen. Allerdings würde ihm die Möglichkeit weggenommen, Pluspunkte zu sammeln.
 
Wie gesagt, für Einwanderer ist es vernünftig, Deutsch richtig und gut zu lernen. Unvernünftig ist die damit verbundene Hoffnung, hinterher könne man sich mit den Staatsbürgern des Landes verstehen. In der Tat versteht man sich nicht deshalb, weil man die gleiche Sprache spricht: Gesprächspartner verstehen sich, weil sie sich verstehen wollen und dabei keine Wörter unterschlagen.
Die Kolumne erscheint im Original online in der Kultur- und Literaturzeitschrift www.interessen.org. »Deutsch richtig und gut« lautete der Titel der Fibel, mit der sich Chiellino 1970 in Düsseldorf Deutsch beibringen wollte. Der interkulturelle Literaturwissenschaftler, Dichter, Essayist, Herausgeber und Übersetzer wurde unter anderem mit dem Adelbert-von-Chamisso-Preis für sein lyrisches Werk ausgezeichnet.
 
www.chiellino.com

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