Toll!

7. November 2017 - 14:33 | Renate Baumiller-Guggenberger

Ein im doppelten Wortsinn toller Einstieg gelang der Schauspielerin Katharina Rehn, die in der Dramatisierung von Büchners Erzählung »Lenz« ihr Augsburger Theaterdebüt feierte.

Im distanzlosen Ambiente der Hoffmannkellerbühne verlieh sie diesem Lenz, der im Wüten gegen sich und im Befragen einer nicht fassbaren Umwelt, trotz geistigen Beistands durch den Pfarrer Oberlin, verloren geht, ihre starke Stimme, ihr ungeschminktes Gesicht. Nahtlos vollzog sich der Wechsel von sachlicher Diagnose und emotionalem  Seelentrip. Rehn beschrieb und verkörperte die zeitlos spannende Figur derart intensiv, dass den Zuschauern nicht selten der Atem stockte. George Büchner wurde 1835 bei seinem Aufenthalt in Straßburg vom Schicksal des Dichters und Goethefreund Jakob Michael Reinhold Lenz (1751–1792) zu seinem Erzähl-Fragment inspiriert, das einen radikalen Blick in die seelischen Tiefen des Wahnsinns wagte. Clever montiert fügten sich kurze Textpassagen von Kate Tempest (Predigt) oder ein köstliches Extempore der Darstellerin über die Grenzen der Schauspielkunst, das den Kunstmonolog über Idealismus und Realismus ersetzte, in den Originaltext.

Physisch an die darstellerischen (Schmerz)-Grenzen gehend, schien sich Katharina Rehn die Fülle der unbezwingbaren Dämonen einverleibt zu haben, die Büchners Protagonisten umtreiben. Der steht dauerhaft am Abgrund seines Daseins, das ihn lustvoll quält, das er im eiskalten Wasser zur Ruhe bringen will. Am Ende kapituliert Lenz, der sich in religiöser Ereiferung einmal sogar auf den Weg macht, um ein totes Kind zu erwecken. Er bleibt gefangen in der Endlosschleife aus quälender Stille, Alpträumen, Langeweile und »entsetzlicher Leere«, die ihn ausweglos in die geistige Umnachtung zwingen. Folgerichtig bleibt Katharina Rehn nach diesem 60-minütigen, intensiven und kräftezehrenden »Notruf« erstarrt und gekrümmt auf dem Boden liegen – »so lebte er hin…«, heißt es im Original. Einleuchtend gelang dramaturgisch (Sabeth Braun) und inszenatorisch (Regie: Nele Weber) die Verschmelzung von Erzähler und erzählter Figur, in deren Zwist sich immer wieder die Stimme der Vernunft alias Oberlin alias Drummer Simon Popp mit seiner lautmalerischen und  raffinierten Percussion-Klang-Kollage zwischenschaltete. Ein wirklich »toller Abend«, der lange mit Beifall gewürdigt wurde und den man in keinem Fall versäumen sollte!

Weitere Termine: 10., 17., 22. und 30. November sowie 6., 15. und 22. Dezember.

www.theater-augsburg.de

Foto: Jan-Pieter Fuhr

Weitere Positionen

14. August 2019 - 9:08 | Patrick Bellgardt

Am 24. August gastiert Purple Schulz im Wittelsbacher Schloss in Friedberg. Die 80er-Jahre-Ikone präsentiert ihr neues Album »Nach wie vor« open air im Innenhof. Ein Interview

12. August 2019 - 14:02 | Dieter Ferdinand

Im griechischen Theater Heretsried wurde am 9. August Nestroys »Das Mädl aus der Vorstadt« aufgeführt

7. August 2019 - 12:48 | Jürgen Kannler

Der vielbeschworene Schulterschluss zwischen Bayerischer Staatsregierung und Rathaus Augsburg zeigt Auflösungserscheinungen. Ein Kommentar von Jürgen Kannler

6. August 2019 - 12:54 | Gast

a3kultur-Autorin Marion Buk-Kluger im Interview mit Lisa Maria Potthoff. Die Schauspielerin präsentiert am 11. August die Krimikomödie »Leberkäsjunkie« beim Kino-Open-Air »Lechflimmern«.

4. August 2019 - 8:04 | Gast

Leberkäsjunkies und Saumenschen – Quergelacht, die a3kultur-Kabarett-Kolumne. Von Marion Buk-Kluger

2. August 2019 - 8:45 | Thomas Ferstl

Projektor – die a3kultur-Film-Kolumne im August

31. Juli 2019 - 9:04 | Jürgen Kannler

Ein Gespräch mit Vea Kaiser über ihren aktuellen Roman, kulinarische Aspekte des Lebens und den Balkan.

28. Juli 2019 - 8:54 | Jürgen Kannler

Jürgen Kannler im Gespräch mit dem Medienkünstler Reinhard Gupfinger, Artist in Residence des Projekts »Welcome in der Friedensstadt«

isabel_kerkermeier_diaphane_kunstverein_aichach_2019_foto bettina kohlen.jpg
26. Juli 2019 - 8:25 | Bettina Kohlen

Nach München, an den Chiemsee oder einfach in der Region: Gute Kunst kann man an vielen Orten erleben. Hier kommen ein paar Vorschläge für die nächsten Wochen.

26. Juli 2019 - 7:08 | Iacov Grinberg

Das Grafische Kabinett beleuchtet »Augsburgs Wehr und Zier. Die Stadtmauer«.