Transatlantisches Feedback

12. September 2014 - 12:22 | Jürgen Kannler

Wu Han und David Finckel im Gespräch mit Jürgen Kannler.

Die Pianistin Wu han und der Cellist David Finckel sind seit vielen Jahren künstlerisch wie privat ein Paar. Zentrum ihrer Aktivitäten ist New York. Dort haben sie gemeinsam die künstlerische Leitung der »Chamber Music Society of Lincoln Center« inne, eines der bedeutendsten Kulturzentren Manhattans. Die gefeierten Künstler sind Kosmopoliten und zählen zur musikalischen Elite in den USA. Am 14. September sind sie im Rokokosaal zum dritten Mal zu Gast bei mozart@augsburg. Sie haben bisher also keines der Festivals ausgelassen. a3kultur nutzte bei ihrem letzten Aufenthalt die Gelegenheit, mit dem Künstlerpaar im Herrenhaus Bannacker bei einer schönen Tasse Tee zu plaudern.

In diesen Tagen findet zum dritten Mal das bemerkenswerte Klassikfestival mozart@augsburg statt. In drei Jahren haben es die Festivalmacher geschafft, an der Schwelle vom Sommer zum Herbst ein von den Musikfans mit Vorfreude erwartetes kulturelles Glanzlicht zu setzen. Unterstützt von großartigen Künstlern aus aller Welt rütteln sie unsere sonst um diese zeit doch arg verschlafene Stadt zwischen den Flüssen wach und sorgen dafür, dass auch Klassikfans aus der Nachbarstadt am Isarstrand den Weg in unsere wunderbaren Konzerthallen finden.

Wu Han und David Finckel sind Teil dieser Community. Ihre Freundschaft zum Pianisten und Festivalleiter Sebastian Knauer führte sie vor drei Jahren zum ersten Mal nach Augsburg. Damals war Finckel noch Teil des legendären Emerson String Quartet und präsentierte wenige Tage nach Dvoáks »amerikanischem« Streichquartett mit den Emersons gemeinsam mit Wu Han ein großartiges Konzert, das mit Schostakowitschs Sonate für Cello und Klavier seine abschließende Krönung fand.Ein Jahr später treffen wir die beiden im Pavillon einer hübschen Jugendstilvilla auf dem Landgut der Familie Boecker in Bannacker. Sie kommen gerade von den Proben. In wenigen Stunden werden sie gemeinsam mit Benjamin Beilman (Violine), Paul Neubauer (Viola) und dem Festivalchef Sebastian Knauer das Publikum mit Mozarts Klaviersonate zu vier Händen bezaubern.

 
a3kultur: Frau Han, Sie bilden zusammen mit Ihrem Mann die künstlerische Leitung der »Chamber Music Society of Lincoln Center« (CMS). Was sollten unsere Leser über diese Institution wissen?

Wu Han:Das Lincoln Center ist die wichtigste Organisation für Kammermusik in Nordamerika. Wir dürfen jährlich zwischen 150 und 200 Künstler auf unserer Bühne begrüßen und organisieren rund 250 Veranstaltungen. Es handelt sich also um eine sehr bedeutende Organisation und um eine große Verantwortung für uns.

Warum findet Kammermusik gerade in New York City ein so fruchtbares Umfeld?

David Finckel: Weil die Stadt niemals schläft, wie wir spätestens seit Frank Sinatra alle wissen. Meiner Meinung nach haben die Menschen in New York fast schon zu viel von allem: Energie, Lärm, Eile, einfach alles. Die Kammermusik bietet dann so etwas wie eine Therapie gegen das schnelle Leben in New York. Auch die Orchester und die Oper in New York sind gewaltig, riesig, voll von Menschen und über alle Maßen spektakulär. Alle berühmten und großartigen Künstler der Welt treten hier auf, und das ist mit dem entsprechenden Trubel verbunden. Kammermusik dagegen ist sehr persönlich, sie ist intim, sie bringt dich deinen Zuhörern nahe. Große Komponisten drückten ihre persönlichsten Ideen und Gefühle durch sie aus. Ich denke, Kammermusik bringt die New Yorker zusammen, um auf eine besondere Art zuzuhören. Das ist für die Stadt von großer Bedeutung.

Han: Die CMS arbeitet seit mehr als 40 Jahren und hat in dieser Zeit nicht nur für New York, sondern für das gesamte Land sehr viel bewirkt. Bevor sie ihre Arbeit aufnahm, gab es fast keine Kammerkonzerte in den Staaten. Für die Stars der Szene spielten die USA keine Rolle. Wir waren quasi ein weißer Fleck auf der weltweiten Landkarte der Kammermusik. Und dann gab es auf einmal diese wunderbare Musik im Zentrum von Manhattan, aber auch in anderen Städten. Denn die CMS lud die Stars zu Konzerten in die USA. Es wurde über all die Jahre auch viel stille Arbeit geleistet, zum Beispiel wurden Aufträge an junge Komponisten vergeben und die Kontakte zwischen den Künstlern in Amerika, Europa und Asien verbessert.

Funktioniert dieses transatlantische Kammermusik-Feedback heute?

Han: Oh, es ist wirklich ganz fantastisch. Das Festival mozart@augsburg ist dafür nur ein Beweis. Wichtig für diese Entwicklung war auch, dass Davids früheres Quartett – das Emerson String Quartet – sehr viel in Europa auftrat. Mittlerweile sind etliche europäische Musiker wie Sebastian Knauer oder Daniel Hope mit Künstlern aus den USA befreundet. Man besucht sich gegenseitig und unterstützt auch die Projekte der Kollegen.

Finckel:Dieser künstlerische Prozess beinhaltet für mich auch ein fortwährendes Lernen. Die US-amerikanische Ausbildung unterscheidet sich natürlich von der Ausbildung, die unsere Kollegen in Europa genießen. Das macht die Sache zusätzlich interessant. In der CMS spielen zurzeit Musiker aus 18 verschiedenen Ländern. Und es ist wunderbar.

Han: Genau, und mit ihnen tauschen wir sehr viele Ideen ganz vertraut aus.

Welches Publikum erreichen Sie mit Ihrer Musik?

Finckel: Eine gute Frage. Amerika ist ein Land, dessen Menschen entweder intensiv mit klassischer Musik aufwachsen oder aber kaum damit in Berührung kommen. Letztere sind dabei klar in der Mehrheit. Also haben wir zwei Arten von Verantwortung. Die erste ist, Musik auf höchstem Niveau zu spielen. Auf oberstem Qualitätsniveau, da die Leute, die zu uns kommen, das Beste erwarten. Aber wir versuchen auch, dass sich die Menschen, die sich nicht mit klassischer Musik auskennen, willkommen fühlen. Wir ändern deshalb nicht unser Programm, aber wir gehen in unserem Marketing neue Wege und in der Art und Weise, wie wir unsere Musik präsentieren und Dinge vorstellen. So versuchen wir, das Interesse der Leute an unserer Musik zu wecken und sie langsam mit den Dingen vertraut zu machen. Wir müssen sie davon überzeugen, dass sie Spaß haben werden bei einem Konzertbesuch.

Welche Bedeutung hat das Internet für Ihre Arbeit?

Han: Wir gehören zur ersten Generation klassischer Musiker, die das Netz für ihre Arbeit entdeckt haben. Wir verkaufen nicht nur unsere Musik erfolgreich online, sondern liefern diese beispielsweise auch über YouTube oder Livestreams von Auftritten überall dorthin, wo die Menschen keine Möglichkeit haben, uns live zu erleben. Im letzten Jahr waren das 28 Live-Übertragungen mit Musik und Lesungen. So haben wir im Laufe der Jahre sehr viele treue Anhänger gewonnen. Ich liebe das Internet. Ich finde, dass es ein toller Ort ist, um eine Gemeinschaft zu erschaffen. Andererseits wird es nie die Erfahrung eines Livekonzerts ersetzen können. Die Art, wie man mit mehreren Hundert Menschen zusammensitzt, die Stille spürt und anschließend die unglaubliche Musik, ist eine Gemeinschaftserfahrung, die das Netz nicht bieten kann.

Finckel: Wir gründeten unser erstes Label 1997 und der Hauptumsatz läuft seither über das Internet. Da liegt es doch nahe, sich mit den Social Media zu beschäftigen und zu versuchen, dabei Standards zu setzen. Dort steht aber nicht, was ich zum Frühstück gegessen habe. Ich möchte, dass die User das Gefühl haben, dass das, was man bei uns liest und sieht, die Zeit wert ist, die investiert wird. Genauso wie bei unseren Aufnahmen oder Konzerten.

Wie ist Ihr Verhältnis zur traditionellen amerikanischen Musik wie Jazz oder Bluegrass?

Finckel: Mein Vater war Jazzmusiker während der Big-Band-Ära. Es war eine völlig andere Art des Musizierens. Er spielte zwar sehr professionell, aber zuerst rein nach Gehör, er konnte überhaupt keine Noten lesen. Er war 27 Jahre alt, als er es lernte. Bis dahin notierte meine Mutter seine Kompositionen. Was glauben Sie, welch eine Befreiung dieser Schritt für ihn war.

Han: Ich wuchs mit Klassik auf und liebe Beethoven und Schubert. Ich erinnere mich, wie ich zu weinen anfing und welchen Schmerz ich spürte, als ich Schostakowitsch anhörte. Wenn ich Bluegrass oder Jazz höre, mit der ganzen Improvisation, finde ich das fantastisch und ich liebe dieses zufriedene Gefühl, das es mir gibt. Für mich ist das ein Vergnügen. Ich hatte damit aber noch nie einen vergleichbaren emotionalen Moment, wie ich sie bei den Werken der großen Komponisten erfahren durfte.

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