Ausstellungen & Kunstprojekte

Traurige Bilder

Iacov Grinberg
17. April 2016

Tanja Boukal beschäftigt sich künstlerisch seit vielen Jahren mit den Themen Flucht und Migration. Ihre ersten Arbeiten schienen damals wie eine Antwort auf die momentanen Probleme der Gesellschaft, man konnte vermuten, dass sie kurzlebig sind, wie es die Installation von Ai Weiwei an den Säulen des Bundestags war. Nach einigen Monaten sind solche Werke meist völlig vergessen und interessieren bestenfalls Kunsthistoriker und -wissenschaftler. Das Thema Flüchtlinge aber rückte in den letzten Jahren vom Rand Europas und der europäischen Gesellschaft in die Mitte, fast ins Zentrum des heutigen Lebens – und so entpuppen sich auch diese Arbeiten als höchst aktuell.

Zu Boukals künstlerischen Techniken gehören Fotografie, Stickerei und Strickerei. Die Ergebnisse sind – wie in der Kunst üblich – manchmal sehr überzeugend, manchmal weniger. Eine große, gleich im Erdgeschoss des Holbeinhauses zu sehende Arbeit enthält einen von ihr gestrickten Kaschmirschal mit den Zeilen von Schillers Gedicht »An die Freude« – und viele Fotografien von Menschen mit diesem Schal. Die Künstlerin reiste nach Melilla, der spanischen Enklave in Nordafrika, die heute mit einem hohen Zaun verbarrikadiert ist. Vor diesem Zaun sammeln sich Scharen junger Afrikaner, die sich dort mit der Hoffnung sammeln, in Europa leben zu können.

Die Fotografien zeigen diese Menschen mit diesem Schal. Sie hüllen sich damit ein, schmücken sich und posieren mit ihm. Auf mich wirkte dieses Bild, diese kleinen menschlichen Gesten, eigentlich sehr entmutigend. Die Künstlerin sagte mir, dass sie diesen Menschen erklärt hatte, was die Buchstaben auf dem Schal bedeuten, ein nicht eingeweihter Betrachter weiß das nicht und kann so einen ganz anderen Eindruck von dem Werk bekommen.

Viele von Boukals Arbeiten sind gestrickte oder gestickte Kopien von Fotografien, die sie auf ihren Reisen an die EU-Außengrenzen gemacht hat. Die Künstlerin erzählte, dass sie alles »Pixel zu Pixel« überträgt. Die Pixel bei den Strickereien und Stickereien sind jedoch viel größer als beieiner Fotografie. Das Ergebnis dieser »Kopien« erinnerte mich an die Stickerei, die unsere kleine Tochter nach Vorlagen bekannter Kunstwerke machte. Die Künstlerin sagt, dass diese Kunstform wesentlich langlebiger ist als die Fotografien. Kunstwissenschaftler behaupten, dass gestickte und gestrickte Objekte in Europa immer als ein Anzeichen von Gemütlichkeit betrachtet wurden. Vielleicht ist das so, die meisten dieser Arbeiten, die ungeheuer viel Zeit und Mühe fordern, hinterließen bei mir aber zunächst keinen intensiven Eindruck. Erst nach einer Erklärung und einer längeren Betrachtung änderte sich dies. Arbeiten einer solch publizistischen Richtung sollten mit ihrer Thematik den Betrachter auf den ersten Blick berühren, an seiner Seele kratzen. Das tun sie nicht.

Zwei Werke dieser Art sind jedoch sehr ausdrucksstark. Zum einen die gestrickten Stoffbahnen mit der Abbildung des Zauns rund um Melilla in seiner tatsächlichen Höhe. Sie hängen im Holbeinhaus wie harmlose Textilgardinen herunter, womit der Widerspruch zwischen dieser Harmlosigkeit und dem schrecklichen Zweck des Zauns sehr beeindruckend zur Geltung kommt. Zum anderen eine Arbeit, die einen gewöhnlichen Esstisch mit Tellern und Gabeln zeigt. Statt der üblichen Tischauflagen mit Inschriften wie »Guten Appetit« liegen dort gestrickte Bilder von Kindern, die während ihres Fluchtversuchs ertrunken sind. Ja, das Thema Flüchtlinge dringt in unsere Häuser ein – mit all seinen Schrecken.

Liebe Leser, verlassen Sie sich nicht nur auf meine Meinung, die Meinung eines einfachen Betrachters. Schauen Sie sich selbst diese Ausstellung an, das ist bis zum 4. Juni möglich. Es gibt viel zu sehen und nachzudenken, ehe man sich schließlich selbst eine Meinung über diese Ausstellung bilden kann.
(Iacov Grinberg)

www.kunstverein-augsburg.de

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