Trautes Heim, Glück allein

3. Mai 2017 - 13:47 | Patrick Bellgardt

Wohnst du noch oder lebst du schon? Das Sensemble Theater bringt Ingrid Lausunds Monologsammlung »Bin nebenan« auf die Bühne.

Wir lesen ihre Namen auf ausgeblichenen Klingelschildern, begegnen ihnen kurz im Treppenhaus oder riechen ihren Zigarettenrauch durch die offene Balkontüre. Sie wohnen gleich neben, unter oder über uns und doch wissen wir meist nichts von ihnen – und sie wissen nichts von uns. Menschen in ihrem Zuhause, in den eigenen vier Wänden, im Plattenbau, in der Luxusbude – diese kleinen Paralleluniversen haben es der Autorin Ingrid Lausund angetan. In ihrem Buch »Bin nebenan« gewährt sie aufschlussreiche Einblicke. In Form von zwölf tragikomischen Monologen entwirft Lausund die Schicksale von ebenso skurrilen wie verunsicherten Zeitgenossen. Vier dieser Geschichten bringt Jörg Schur nun für das Sensemble Theater auf die Bühne.

Ein schief im Raum hängender Bilderrahmen, eine senkrecht aufgestellte Badewanne und ein Bett samt gerade eingekauftem Keksvorrat bilden jeweils die Kulisse für die drei Darstellerinnen Dörte Trauzeddel, Catalina Navarro Kirner und Birgit Linner. Im Wechsel werden die Monologe erzählerisch vorangetrieben. Erscheinen die namenlosen Charaktere zunächst nur etwas verschroben, offenbaren sich zusehends die Kämpfe, die sie mit sich und ihrer unmittelbaren (Wohn-)Umgebung auszutragen haben. Während die Protagonisten den Versuch unternehmen, ihr Zuhause, ja das eigene Leben, einzurichten, verschafft sich die bedrohliche Außenwelt mit all ihren Ängsten, Sorgen und Hoffnungen unaufhaltsam Zugang in die geheiligten Hallen der Intimität.

Der überzeugenden Inszenierung gelingt es dabei jederzeit, das fragile Gleichgewicht zwischen Tragik und Komik zu wahren. Es darf gelacht werden, wenn sich die Hobby-Heimwerkerin (Catalina Navarro Kirner) die x-te Portion Duftkügelchen ins Badewasser ihrer neuen Carrara-Marmor-Idylle wirft, um die Probleme der Welt zu vergessen. Wir leiden mit einer frisch eingezogenen Frau (Dörte Trauzeddel), die sich durch den Anblick eines halb verpackten Gemäldes an ihre niemals zufrieden zu stellende Mutter erinnert fühlt. Wir sind heimlich amüsiert von der Geschichte des ehemaligen Heimkinds (Birgit Linner), das seine Gummipuppe im Schrank versteckt, und erschrecken uns, als uns sein Schicksal vollständig bewusst wird. Für einen eindeutigen und sicherlich auch die Gemüter der Zuschauer beruhigenden Schnitt sorgt der vierte Monolog, der vom Trio gemeinsam vorgetragen wird. Eine tolle (S)Ensemble-Leistung – Hut ab! Von uns gibt es jedenfalls eine klare Empfehlung: Besuchen Sie doch mal wieder Ihr Theater »nebenan«!

Weitere Termine: 5., 6., 12., 19., 20., 26. und 27. Mai sowie 2. und 3. Juni.

www.sensemble.de

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