Überirdisch!

9. Mai 2019 - 9:57 | Renate Baumiller-Guggenberger

Im 6. Sinfoniekonzert der Augsburger Philharmoniker wurde stehend und ohne Dirigent musiziert und das Publikum überwältigt.

Da war sie wieder! Mit Wucht und einmal mehr traf mich auf dem dunklen Rückweg vom Kongress am Park zum Sporthallen-Parkplatz die schmerzhafte Erkenntnis, dass man als Kritiker zum Scheitern verurteilt ist, wenn man außergewöhnlichen musikalischen Ereignissen mit Worten gerecht werden will. Die Konzertkritik wird beim Verfassen bereits obsolet. Bereits in den Momenten, in denen man mit allen Sinnen die Musik im Konzertsaal wahr- und aufnimmt werden jedwedes Beschreiben, jedes Adjektiv und gern benutzte Superlative nur (not)-dürftig und phrasenhaft. Doch was hilfts!? Am Dienstagabend war es definitiv wieder einmal soweit: Das 6. Sinfoniekonzert der Augsburger Philharmoniker, in dem die barocke Trompete auf modernen Streicherklang traf, in dem drei vom Interpreten Matthias Höfs (Foto) stilsicher für Trompete arrangierte Werke von J.S. Bach und seinem Zeitgenossen John Baston auf die »Streicherserenade in e-moll« von Edward Elgar und zwei Kompositionen für Streichorchester aus der Feder von Benjamin Britten trafen, war eine Art Wunderwerk – begünstigt durch das Zusammentreffen sich genial befruchtender Musiker, die gemeinsam Kostbares ermöglichten. So empfanden es auch die Besucher, die ihrer enormen Begeisterung mit wiederholten Bravorufen Ausdruck verliehen und sich so die exquisite Vivaldi-Zugabe sicherten.

Kredenzt wurde dieses musikalische Geschenk von zwei Gästen, dem Trompeter und »artist in residence« Matthias Höfs und der Violinistin und ARD-Preis-Gewinnerin 2017, Sarah Christian, die vom Konzertmeisterpult aus die 22 (bis auf die Celli und Kontrabassisten) im Stehen musizierenden Streicher durchs reichhaltige Programm führte. Ähnlich wie der poetische Sog, den Brittens 1934 beendete »Simple Symphonie« auszeichnet, wirkte sich ihr tonangebendes Temperament, das jede Phrase körperlich in Wellen und mit tänzerischer Anmut mittrug, hoch motivierend auf die Streicherkollegen aus. Diesem präzisen und selbstbewussten Bogenstrichs konnte und wollte sich niemand entziehen und so gab es tragfähigste Transparenz in klanglicher Fülle.

Dadurch geriet nach der Pause auch Brittens varianten wie spannungsreiche Hommage an seinen Lehrer Frank Bridge zu einem hauchzart ausklingenden Kunststück. Die Brücke zum Barock überschritt Matthias Höfs, der selbst diejenigen verblüffte, die seine facettenreichen instrumententechnischen Ausnahmequalitäten aus früheren Kostproben kannten. Eigentlich kann man so gar nicht Trompete spielen! Seine überirdische technische Souveränität kombinierte er mit einer so raffiniert-eleganten klanglichen Ausgestaltung, dass man am Ende aller drei Konzerte wünschte, sie gleich nochmal von vorne hören zu wollen. Fernab von Solistenallüren stand er dabei immer ganz im Sinne der kompositorischen Ästhetik und bezauberte nicht nur in höchst exponierten Lagen, sondern hielt sich insbesondere im galant für Trompete und Violine arrangierten »c-moll Konzert« von Bach glänzend und vornehm zurück, um als verlässlicher Partner den schmeichelhaften Dialog mit der Violone voranzutreiben. Tja, schlichtweg sagenhaft!

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