Übermütig

12. Oktober 2020 - 11:47 | Renate Baumiller-Guggenberger

Das Mozartfest Augsburg wurde mit frühen Mozartsinfonien sowie einer mehr als gelungenen Überraschung als Dreingabe eröffnet.

Man wird sich noch daran gewöhnen: Die gebotene Corona-Etikette vereitelte natürlich auch jeglichen Festival-Eröffnungs-»Pomp«, so dass am Freitagabend das in den Herbst verlegte Deutsche Mozartfest in Evangelisch St. Ulrich lediglich mit einer knackig kurzen Begrüßung durch den Mozartbüro-Chef Simon Pickel startete. Glanz und Gloria verströmte umso mehr das Festprogramm »Mozart in Italien«, das mit dem brillanten Residenzorchester aus Berlin tief in den galanten sinfonischen Klangkosmos der frühen Italienreisen eintauchte. Zum Ende hin gab es mit der betörenden Beethoven-Arie »No, non turbati… Ma tu tremi, o mio tesoro?« (WoO 92a) sowohl den Vorgeschmack auf ein jüngst eingespieltes Album und für das ohnehin zutiefst beeindruckte Publikum einen sehr besonderen Überraschungscoup dank des Auftritts der namhaften Sopranistin Christina Landshamer, die ausdrucksstark den Liebreiz betörender Schäferstunden nachempfand.   

Auf den Kontra-Punkt gebracht: Verblüffend, wieviel Inspiration, insbesondere aber welche handwerkliches Kompositionskönnen der junge Mozart aus der Begegnung mit den Altmeistern des Barock schöpfte! Schon die nur knapp zehn Minuten seiner vermutlich 1770 im Rahmen der ersten Italienreise entstandene G-Dur Sinfonie KV 74 offenbart die Palette an sprühenden Einfällen, den kühnen kompositorischem Übermut des gerade einmal 14-Jährigen, der mit seinem kleinen großen Werk schnell die Hörerseelen für sich einnahm. Die in Begleitung des Vaters angetretenen Reisen dienten ja nicht allein der Präsentation des virtuosen Wunderkinds, sondern erfüllten gleichermaßen den Zweck, sich Stile, Gattungen und das Lokalkolorit des musikalischen Zeitgeschmacks gewinnbringend für das eigene Schaffen anzueignen. Wie gut dieser Plan aufging, bewies am Ende, bzw. mit ihrem sinnlichen Piano-Einstieg insbesondere die weitaus bekanntere A-Dur Sinfonie KV 201, in deren so sanglichen, in Imitationen ausgebreiteten Themen sich immer wieder ein hörbares Selbstbewusstsein des jungen Genies zu formulieren scheint.

Großartig, dass mit den Werken von G.B. Sammartini und G.B. Martini zwei dieser Impulse setzenden, theatralisch anmutenden »Referenz«-Sinfonien das Auftaktprogramm ergänzten und ganz »nebenbei« die instrumentale Expertise z.B. der beiden Akamus-Hornisten hervorhoben. Einmal mehr lehrte die ebenso kontrast- wie kenntnisreiche Interpretation durch die 20 Ensemblemitglieder der Akademie für Alte Musik Berlin das Publikum das Staunen über das Wunder Mozart. Kein Wunder auch, dass die Fangemeinde der  historisch informierten Musizierpraxis konstant wächst. Die Rückbesinnung und forschende Aneignung des Originalklangs Alter Musik ermöglicht eine immer wieder aufs Neue erstaunliche, Ohren und Herz tief ergreifende und dennoch hellwach machende, komplett andersartige Hörerfahrung, deren Faszination die ideale Raumakustik der evangelischen Ulrichskirche noch zu steigern schien. Funkelnde, transparente, warme und rundum ausgewogenen Fülle des Wohlklangs also zum Auftakt, der die Freude auf noch viel mehr von und mit »MZRT & BTHVN« schürte.

www.mozartstadt.de

Foto: Fabian Schreyer

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