Das Ufer

4. Oktober 2014 - 6:00 | Jürgen Kannler

Die Ufer sollten für die Menschen ein einladender Zugangsbereich zu den Gewässern sein. Noch ist das nicht so.

Die meisten Menschen verbringen ihre Ferien an den Ufern von Flüssen und Seen, wahlweise auch an den Küsten der Meere. Der Grund dafür dürfte in der beruhigenden Wirkung des Anblicks von Wassermengen liegen, die sich in der Regel still, aber nicht reglos vor einem ausbreiten und dem Reisenden eine Ahnung von Weite vermitteln. Ich selbst verbrachte die Tage zwischen Ende August und Schulbeginn zuerst an dem slowenischen Flüsschen Soa, das vor genau 100 Jahren Frontlinie zwischen den k. u. k. Armeen und italienischen Kampfverbänden war. Das Flussbett birgt noch heute Relikte des Wahnsinns. Die Soldaten an den beiden Ufern des Flusses, der in einem von mir so noch nie erlebten wundersamen Türkis aus dem Hochgebirge in die Ebenen des Karstes rauscht, hackten und sprengten tiefe Schützengräben in die Felsen. Wie sinnlos ihre Plackerei war, belegen die Beinhäuser und Friedhöfe nicht nur in dieser Gegend.

Touristen wie ich durchwandern heute diese Gänge, paddeln in Plastikkanus durch das schnelle Wasser oder springen einfach von einer der hier zahlreichen Hängebrücken mit einem lauten und dumpfen Platschen in die Tiefe der Schlucht. Später, an der kroatischen Adria, schwimme ich schon vor dem Frühstück hinaus, rudere nachmittags zu den vorgelagerten Inseln, blicke abends nicht ohne Wehmut in den immer wieder hinreißenden Sonnenuntergang und bedauere, dass die Ufer zu Hause mit diesem Zauber nicht mithalten können.

Und dann lerne ich einen Wohnmobilbesitzer aus Traunstein kennen. Dieser freundliche Mann berichtet voller Begeisterung von seinen Augsburgfahrten mit der ganzen Familie. Erstes Etappenziel ist ein Wohnmobilstellplatz auf einer eigens zu diesem Zweck auf Höhe der ehemaligen Goggelesbrücke errichteten Terrasse über der Wertach. Von hier aus starten diese regelmäßigen Gäste aus dem Chiemgau zu ihren Tagesaktivitäten, vornehmlich in eines der beiden Spaßbäder der Region. Ich zeige mich überrascht und beschließe, nach den Ferien eine Visite beim Kurzurlaubsziel meiner neuen Bekanntschaft zu unternehmen.

Tatsächlich erledige ich dieses Vorhaben schon in der ersten Arbeitswoche. Die Sonne steht an diesem freundlichen Herbstmorgen noch tief und setzt die Flusslandschaft in ein faszinierendes Licht. Die ersten Stadtcamper sitzen schon vor ihrem Wohnmobil, trinken Kaffee und blicken auf die Wertach. Kein Kaffeehaus der Stadt bietet seinen Gästen eine solche Aussicht. Für den Pauschalpreis von acht Euro erkaufen sich die Reisenden 24 Stunden Bleibereicht mit Flussblick. Fast jeder auf dem Platz hat ein Fahrrad im Gepäck und macht davon Gebrauch.

Aus eigener Erfahrung kenne ich die Radwege, die von hier aus in Nord- und Südrichtung durch die Stadt führen. Während die Wertach durch Pfersee und Göggingen bereits fröhlich vitalisiert plätschert und von den Bürgern als reizvolle Stadtnaturlandschaft angenommen wird, ist sie in dem von weniger gut situierten Menschen bevölkerten Oberhausen noch immer das, was sie war, seit es Erinnerungen gibt. Eine unansehnliche und unzugängliche Schneise, die unsere Stadt eher trennt als verbindet. Nicht einmal zu einem durchgehenden Radweg entlang des Wassers hat es Oberhausen bis heute gebracht. Zugang zu den Flüssen ist in Augsburg ein Privileg, das bisher nur an die Besserverdienerviertel verliehen wurde, und das, obwohl die bayerische Verfassung allen Bürgern freien Zugang zum Wasser verspricht.

Wer noch Zweifel an dieser These hegt, dem sei eine Wanderung durch die Stadt entlang des Lechs ans zögernde Herz gelegt. Die Böschung ist in der Regel so arg zugewachsen, dass der Fluss über weite Strecken eher zu erahnen als zu erkennen ist. Zugang zu den bei Sonnenanbetern so beliebten Kiesbänken zwischen Lechhausen und der Firnhaberau erschleicht man sich über steile, von Scherben übersäte Trampelpfade. Da verwundert es auch nicht weiter, dass für Wanderer, Spaziergänger, Schwimmer und Radler weit und breit keine Erfrischungsoase auszumachen ist. Kein Kiosk, kein Biergarten, keine Dönerbude, nichts. Wie soll eine Stadtgesellschaft eine Flusslandschaft wahrnehmen, wenn sie nicht zu erfahren ist? Es ist höchste Zeit für Augsburg, sich auf den Weg zu neuen Ufern zu machen.

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