Umstände der Vergangenheit

6. Mai 2017 - 7:52 | Iacov Grinberg

»›… zäh, genial, unbedenklich …‹ – die Schriftstellerin Paula Buber (1877–1958)« in der Museumsdependance Ehemalige Synagoge Kriegshaber

Die Aufgabe eines Museums beinhaltet auch, von Zeit zu Zeit einige Personen und Tatsachen aus dem Naphthalin herauszuziehen und dem heutigen breiten Publikum zu präsentieren. Die Ausstellung »›… zäh, genial, unbedenklich …‹ – die Schriftstellerin Paula Buber (1877–1958)« in der Ehemaligen Synagoge Kriegshaber entspricht vollständig dieser Aufgabe.

Die Hauptfigur der Ausstellung ist eine vergessene Schriftstellerin: Nicht umsonst hat der LIT Verlag mit ihrem Roman »Muckensturm« 2008 seine Reihe »Vergessene Schriftstellerinnen« begonnen. Dies ist das einzige ihrer Werke, das relativ bekannt wurde. Es ist in schöner, heute etwas altmodisch klingender Sprache geschrieben und konnte kaum die Aufmerksamkeit eines breiten Publikums gewinnen. Als Frau von Martin Buber teilt sie das Schicksal vieler Frauen von Prominenten, die ewig im Schatten des Ruhms ihrer Gatten bleiben.

Die Ausstellung hat nicht nur akademisches Interesse, sie ist in erster Linie deshalb interessant, da sie einen Blick in das gesellschaftliche Leben jener Zeit erlaubt, einer Zeit der Emanzipation, als die eigene Religion als eine Sammlung von Geschichten, Riten und Feiertagen, auch als ein Objekt der Forschung, betrachtet wurde, aber nicht unbedingt praktiziert wurde. Viele dargestellte Einzelheiten erlauben uns, das damalige Leben besser zu verstehen.

Paula Buber wurde 1877 in einer wohlhabenden streng katholischen Familie geboren und absolvierte schon früh eine kurze Ausbildung als Lehrerin. Danach begann sie 1899 Germanistik an der Universität zu studieren. Nicht in Deutschland, da dort für eine Immatrikulierung bis Ende des Ersten Weltkrieges ein Abitur notwendig war, Gymnasien für Mädchen existierten aber nicht. Sie studierte in Zürich, da die Schweiz seit den1880er-Jahren auch Frauen immatrikulierte. Dort traf sie Martin Buber. Am 9. Juli 1900 kam ihr erster Sohn Rafael zur Welt.

Uneheliche Kinder waren damals keine Seltenheit, aber von Gesellschaft und Kirche keinesfalls erwünscht und willkommen. So folgte 1901 ihr Austritt aus der Katholischen Kirche und die Geburt ihrer Tochter Eva. Die Heirat erfolgte viel später. Nach Aufenthalten in Österreich und Florenz konnten sie 1907 nach Berlin übersiedeln, als der Erfolg von Bubers »Rabbi Nachman« ihre finanziellen Verhältnisse gesichert hatte. Dort ist sie in der Synagoge an der Oranienburgerstraße zu einem liberalen Judentum konvertiert. Nun hatte das Paar die Möglichkeit einer religiösen Heirat. Die Familie lebte in Berlin, wo die Bubers in das Literaturleben aktiv involviert waren, bis sie 1916 in die kleine Provinzstadt Heppenheim übersiedelten. Paula (jetzt trug sie den jüdischen Namen Judith) kümmerte sich um die Familie und publizierte daneben unter dem Pseudonym Georg Munk 1912 die Novellensammlung „Die unechten Kinder Adams“, die viel Lob von Kritikern erhielt.

Nach der Übersiedlung in die Provinz verlief ihr Leben in der Sorge um die Kinder und Enkelkinder, für Literatur blieb wenig Zeit. Das ruhige Leben endete mit der Machtergreifung Hitlers. 1935 wurde sie aus der „Reichsschrifttumskammer“ ausgeschlossen, 1938 emigrierte die Familie nach Palästina. Hier stießen sie auf für Emigranten typische Probleme: Paula hatte Schwierigkeiten mit Hebräisch, kommunizierte meistens mit Deutschsprachigen, es gab keinen deutschsprachigen Verlag. Aber mit der Zeit kam alles in Ordnung und sie besuchten ab 1947 sporadisch Europa.

In der Ausstellung gibt es viele kleine Details, die wie Gewürze in einem Gericht den Geist der Zeit wiedergeben. So hatte sie in der Familie den Kosenamen »Maugli«, eines Kindes, das zwischen Wölfen aufwuchs. Studentinnen sollten ihre Briefe aus der Schweiz nach Deutschland per Einschreiben schicken, damit sie sicher ankamen. Bei der Erteilung eines Visums für 20 Tage nach Deutschland 1948, in der Zeit der Rationierung, bekam sie zusammen mit dem Visum 100 Mahlzeit-Coupons: beim Frühstück sollte man einen Coupon abgeben, beim Mittag- und Abendessen zwei Coupons.

Das alles gibt mir das Recht, Ihnen einen Besuch dieser Ausstellung zu empfehlen, auch wenn Sie kein großes Interesse an Literatur und Schriftstellern der Vergangenheit haben. Ein Besuch ist bis zum 28. Mai möglich.

www.jkmas.de

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