Unbeirrbarer Überlebenswille

8. Januar 2019 - 11:57 | Dieter Ferdinand

Wie eine 13-Jährige den Holocaust überlebt und 1944/45 in Augsburg Zwangsarbeit verrichten muss.

»Eines der bewegendsten Dokumente, die ich je über den Holocaust gelesen habe.« So urteilt Elie Wiesel über das Buch von Livia Bitton-Jackson: »1000 Jahre habe ich gelebt – eine Jugend im Holocaust«. Nach einer vergriffenen kartonierten Ausgabe als Jugendbuch erschien es im Urachhaus-Verlag 2018 unverändert als gebundene Neuausgabe in der Biografiesparte des »Allgemeinen Programms«.

Livia Bitton-Jackson wird als Elli L. Friedmann 1931 im tschechoslowakischen Somorja geboren. Die Stadt liegt in der heutigen Slowakei, tschechisch ist Amts- und Schulsprache. 1938 wird Somorja von Ungarn besetzt. Lebendig und in einer schönen Sprache erzählt sie von ihrer unbeschwerten Kindheit. Aber die ungarische Militärpolizei ist »der Schrecken der Juden in den besetzten Gebieten« (S. 20). Der Vater sieht auf einer Reise nach Budapest eine Hakenkreuzfahne auf dem Dach des Parlaments. Ihre Schule, in der sie als »Judenmädchen!« verspottet wird, schließt im März 1944. Jüdinnen und Juden müssen den Stern tragen, sie dürfen keine öffentlichen Plätze mehr betreten.

Die jüdischen Menschen kommen in ein nahes Ghetto. Am 31. Mai 1944 gelangen sie mit einem Viehtransport nach Auschwitz. »Raus! Los! Metallknöpfe blitzen auf SS-Uniformen.« (S. 79) Elli L. Friedmann verdankt ihr Überleben ausgerechnet dem SS-Arzt Josef Mengele, dem »teuflischen Doktor«. Bei einer Selektion fällt ihm ihr »goldenes Haar« auf. Sie ist 13 Jahre alt. »Du bist zu groß für dein Alter.« Er befiehlt: »Geh. Und merk dir: Ab heute bist du sechzehn.« Auch ihre Mutter wird statt in die Gaskammer zur Arbeit geschickt. (S. 81)

Den Frauen werden die Haare geschoren. Das hat einen »seltsamen Effekt… Eine Last ist abgefallen. Die Last der Individualität« (S. 87). Im Juni werden sie ins Lager Plaszów bei Krakau gebracht, ein Hoffnungsschimmer. Nach dem Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 geht es wieder nach Auschwitz. Elli Friedmann erlebt alle Gräuel, denen die Insassen ausgesetzt sind, auch sie bleibt nicht verschont, behält aber ihren Glauben an das Überleben. Erst spät realisiert sie, was es mit dem aufsteigenden Rauch auf sich hat.

Ende August werden Überlebende mit unklarem Ziel in einen Zug verfrachtet. Am 3. September 1944 sind sie am Ziel: Augsburg. Mit der Straßenbahn fahren sie nach Kriegshaber und steigen aus bei den Michelwerken. Von deutschen Soldaten werden sie gut behandelt: »Wir sind im Himmel.« (S. 169) Doch mit »der Ankunft eines SS-Offiziers aus dem unweit gelegenen Konzentrationslager Dachau ist es um unseren Hafen der Hoffnung geschehen« (S. 175). Es beginnen neue Leiden. Trotz der Zwangsarbeit siegt letztlich der Lebenswille.

Am 3. März werden Frauen und Kinder von Augsburg nach Dachau und von dort in Viehwaggons nach Mühldorf am Inn in ein Internierungslager (»Waldlager«) gebracht. Dort findet Elli Friedmann ihren Bruder Bubi wieder. Auf offenen LKWs werden die drei durch die SS mit vielen anderen zum Mühldorfer Bahnhof gefahren und von dort aus in einem Zug mit Hunderten Güterwaggons weiter transportiert. »Ein ganzes Meer von Gefangenen wird der nahenden Befreiung entzogen.« (S. 202) Unterwegs greifen bei Poing amerikanische Flugzeuge den Transport an. Es gibt sehr viele Opfer. Am 30. April 1945 ist die Fahrt beendet. Amerikaner befreien die Überlebenden in Seeshaupt am Starnberger See endgültig.

Zwei Monate später sind Mami, Bubi und Elli wieder zu Hause. Die Stadt hat jetzt den slowakischen Namen Šamorín, in der Schule unterrichten tschechische und slowakische Lehrer*innen. Was sie dort mit Mutter und Bruder erlebte, hat Livia Bitton-Jackson in dem Buch »Brücken der Hoffnung« geschildert, das 2018 in deutscher Sprache erschienen ist. Darüber folgt eine weitere Rezension. »1000 Jahre habe ich gelebt« ist gerade heute mit seiner unmittelbar ans Herz gehenden Sprache ein unentbehrliches Dokument für Erwachsene und Schüler*innen.

Livia Bitton-Jackson: 1000 Jahre habe ich gelebt – eine Jugend im Holocaust, Neuausgabe (4. Auflage), übersetzt von Dieter Fuchs, 256 Seiten, Verlag Urachhaus, ISBN: 978-3-8251-5158-4

www.urachhaus.de


Fotografien auf dieser Seite (Klick auf das Bild zum Vergrößern):

Im tschechoslowakischen Somorja: Elli L. Friedmann auf den Armen ihrer Mutter und ihr Bruder Bubi mit dem Dreirad. (Foto: privat)

Die ehemaligen Michelwerke in Augsburg-Kriegshaber, Ulmer Straße 160a sind heute Gewerbehof. Im 2. Stock wurden am 7. September 1944 etwa 500 ungarische Jüdinnen aus Auschwitz einquartiert. Mehr als 250 von ihnen mussten in den Michelwerken in zwölfstündiger Schicht Stecker und Relais für Elektrogeräte zusammensetzen. Unter den Frauen war auch die 14-jährige Elli Friedmann. Ihre Mutter arbeitete in der Putzkolonne. Bis heute erinnert keine Info-Tafel daran, dass in diesem KZ-Außenlager von Dachau Frauen Zwangsarbeit leisten mussten. (Foto: VVN-BdA Kreisvereinigung Augsburg, 2012)

Am 30. April 1995, genau 50 Jahre nach ihrer Befreiung durch die Amerikaner am 30. April 1945, war Livia Bitton-Jackson wieder in Deutschland. Achtzehn Überlebende, darunter auch sie, waren auf Einladung der Gemeinde Seeshaupt zusammengekommen zur Enthüllung eines Mahnmals für die Opfer des Holocaust. Im Vorwort des Buches »1000 Jahre habe ich gelebt« beschreibt sie, was sie dabei erlebte. Sie beendet das Vorwort mit dem Aufruf: »Gebt niemals auf.« (S. 13) Seit diesem Tag findet alljährlich in Seeshaupt eine Gedenkfeier am Mahnmal statt. Hier zu sehen im Jahr 2006. Die über zwei Meter hohe Eisensäule ist gekrönt mit den Worten der Antigone: »Zur Liebe, nicht zum Hasse bin ich.« (Foto: Gemeinde Seeshaupt)

 

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