Politik & Gesellschaft

Unerschöpfliche Mehrdeutigkeit

Gast
16. Februar 2016

Vor einigen Jahren stellte der Soziologe Dirk Baecker die Frage: »Wozu Kultur?« Kultur ist demnach keine Gedächtnis- oder Archivierungsfunktion der Gesellschaft, die Ordnung, Orientierung und Identität verspricht. Im Gegenteil: Moderne Kultur »schafft eher Unklarheit als Klarheit, eher Mehrdeutigkeit als Eindeutigkeit«. Sie entsteht aus den Möglichkeiten des Vergleichs und ihrer giftigen Formel für Aufmerksamkeit. Die dafür von Dirk Baecker beschriebene Szene ist eindrücklich: Ein gläubiger Mensch »kniet nieder und beginnt ein Gebet. Ein Intellektueller stellt sich neben ihn und sagt: ›Wie interessant! Weißt du, daß andere Völker an ganz andere Götter glauben?‹« Der Stachel des Vergleichs ist platziert, wird produktiv und lehnt eindeutige Formeln oder gar nur eine Wahrheit ab. Die Kultur ist vielmehr »ein Gedächtnis, das die Vergangenheit beobachtet, kontingent setzt und mit anderen Möglichkeiten ihrer selbst konfrontiert«. Und es sind Gedächtniseinrichtungen wie Bibliotheken, die das Material dafür liefern, immer neue und ewig junge Fragen an die Sammlungen zu stellen. Damit ist jede gute Bibliothek eine Baustelle für die Kultur, freilich mit dem institutionellen Auftrag, den geeigneten Ort und Rahmen für die Hervorbringung von vielfältigen Blicken in die Sammlungen zu ermöglichen.

Mit der Verstaatlichung der Bibliothek im Jahr 2012 galt auch deshalb eine besondere Aufmerksamkeit dem Gebäude an der Schaezlerstraße, das mit Blick auf die Sicherung und Benutzbarkeit der Sammlungen einer grundständigen Sanierung bedarf. Der 1893 eröffnete Bau machte Sofortmaßnahmen erforderlich, die mit der Herrichtung von Fluchtwegen, Stromkreissanierung, Erweiterung der Einbruchsmeldeanlage und neuen sanitären Anlagen im Publikumsbereich eingeleitet wurden. Im Mittelpunkt stand aber in Zusammenarbeit mit dem staatlichen Bauamt und der Bayerischen Staatsbibliothek die Vorbereitung der Bauanmeldung für die umfassende Sanierung des Bestandsgebäudes und Errichtung eines Erweiterungsbaus. Hierzu zählen die Herstellung eines barrierefreien öffentlichen Raums mit Ausstellungs-, Veranstaltungs- und Seminarräumen sowie Serviceflächen und die Sicherung herausragender Bestände in einem Tresormagazin. Inzwischen liegen eine genehmigte Bauanmeldung und ein Planungsauftrag an die Baubehörde vor. Die Kostenschätzung beläuft sich auf knapp 25 Millionen Euro. Derzeit wird ein Architektenwettbewerb vorbereitet, der in diesem Jahr durchgeführt werden soll.

Für die Wahrnehmung der Aufgaben einer regionalen staatlichen Bibliothek für Bayerisch-Schwaben ist die bibliotheksfachliche Pflege und Vermittlung der Sammlungen als einem Reservoir für Fragen der Gegenwart unerlässlich. Das wird zum einen befördert durch bestandserhaltende Maßnahmen und die Schaffung einer Infrastruktur für digitale Sammlungen, die vor Ort oder in Kooperationsprojekten Zug um Zug aufgebaut werden sollen. Im Rahmen des Google-Projekts der Bayerischen Staatsbibliothek und in Zusammenarbeit mit der Universität Augsburg konnten bereits knapp 30.000 Titel online zur Verfügung gestellt werden. Mit Erschließungsprojekten sollen Fragen an den Bestand aktiviert werden, so durch die Rekonstruktion der Bibliothek des Klosters Irsee, die jetzt in einem eigenen Online-Katalog durchsucht werden kann. Die Exemplare werden mit ihren Provenienzmerkmalen aufgenommen, also mit Hinweisen auf Vorbesitzer, Gebrauchsspuren oder vergleichbaren Hinweisen, ein Verfahren, das nunmehr grundsätzlich im Rahmen der Erschließung angewendet wird. Zur Pflege und Nutzung des Bestands gehört die passgenaue Erwerbung, zu der antiquarische Ankäufe gehören, wie zum Beispiel zuletzt das Stammbuch des Grafen Sponeck, das dessen Augsburger Aufenthalt in den Jahren 1794/95 dokumentiert. Aber auch die Ausweitung des digitalen Angebots sowie die Einrichtung von WLAN im Lesesaal sollen ebenso Fragen an eine dauerhaft im Bau befindliche Sammlung befördern wie bestandsbezogene Veranstaltungen, Ausstellungen und Forschungsprojekte.

Ziel ist die Bewahrung unerschöpflicher Mehrdeutigkeit und damit von Humanität in den Sammlungen für Fragen in Gegenwart und Zukunft: Eine Baustelle für die Kultur Bayerisch-Schwabens.

Der Historiker Reinhard Laube, Jahrgang 1967, ist seit Ende 2013 Direktor der Staats- und Stadtbibliothek Augsburg.


In unserer Printausgabe #02/2016 präsentieren wir die wichtigsten Kulturbaustellen der Region. Insgesamt 16 Kulturmacher haben hierzu Gastbeiträge beigesteuert.

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