Eine unerwartete Assoziation

5. Mai 2019 - 9:27 | Iacov Grinberg

Die israelisch-amerikanische Künstlerin Noa Yekutieli zeigt im Holbeinhaus »Degrees of Separation«.

Die vom Augsburger Kunstverein organisierte Ausstellung hat uns mit zahlreichen Trümmerstücken begrüßt, die offensichtlich von alten Gebäuden stammen. Sie sind sowohl in flachen Rechtecken und Trapezen am Boden als auch in einigen kleinen und großen Stapeln vor den Wänden angeordnet. Wir schauten sie zusammen mit Kollegen an und versuchten zu verstehen, was die Künstlerin damit uns Zuschauern sagen möchte. Wir hatten bereits die Einführungsrede des Vorsitzenden des Vereins Herrn Christian Thöner gehört und wussten, was er dort sieht. Da Kunst und Schönheit bekanntlich im Auge des Betrachters liegen, sahen wir etwas anderes. Plötzlich sprang uns geradezu eine Arbeit ins Auge: Das war ein Trümmerhäufchen, über dem an der Wand eine Silhouette platziert wurde. Die Silhouette eines Piedestals, an dem nur die Beine einer Figur erkennbar waren. Das war für uns wie eine unerwartete Fortsetzung eines Gespräches beim Philosophischen Café.

Dieses Gespräch hatte die positive Rolle von Religion in der Gesellschaft zum Inhalt, von einer beliebigen Religion in einer beliebigen Gesellschaft. Sie besteht in der Festsetzung einiger unerschütterlicher Regeln, die durch Autorität bestätigt sind. In den westlichen Gesellschaften sind das die Zehn Gebote, von der göttlichen Autorität bestätigt. In der ehemaligen Sowjetunion versuchte man die Zehn Gebote des Erbauers des Kommunismus durch die Autorität der Partei festzulegen, in China waren es die Gebote von Mao Zedong, in Japan ist es der durch jahrhundertealte Tradition geheiligte Kodex Bushidō. Man verstößt natürlich gegen diese Regeln, man verspottet sie (meist heimlich), aber sie bleiben als moralische Orientierung und halten dadurch die Gesellschaft zusammen. Auch feurige Atheisten nehmen sie in der Kultur dieser Gesellschaften als »natürliche Moral« wahr.

Besonders schwer ist es, das Volk in einer relativ jungen Gesellschaft zusammenzuhalten, die auf Nationalismus basiert, wie es heute in vielen Ländern und neuen Republiken des ehemaligen Ostblocks passiert. Diese Gesellschaften brauchen einige Figuren, die die neuen Tugenden dieser Gesellschaft verbildlichen und die Ideologie dieser Gesellschaft verfestigen, einige Figuren auf Piedestalen mit den entsprechenden Legenden über diese Personen. Falls die Gesellschaft eine lange Geschichte hat, kann man dort einige Figuren oder Ereignisse auswählen, ohne großes Risiko, dass die Legenden über diese Person/dieses Ereignis widerlegt werden: In Russland ist dies der 4. November als »Tag der Einheit des Volkes«, ein staatlicher Feiertag, eingeführt aufgrund eines Sieges im Jahre 1612, der in sowjetischer Zeit meistens nur Geschichtswissenschaftlern bekannt war. Aber für junge Gesellschaften ist so etwas schwer. Figuren sind für Massenpropaganda notwendig. Auch in den Ländern der Ex-UdSSR erscheinen auf Piedestalen zweifelhafte Personen. In Estland marschieren ehemalige SS-Legionäre als Helden und angebliche Kämpfer für Unabhängigkeit. In Lettland sind sogenannte »grüne Brüder« und andere Nationalisten, deren Händen bis zum Ellenbogen in jüdischem Blut stecken, neue Helden. In der Ukraine werden heute die Mitglieder der Organisation Ukrainischer Nationalisten heroisiert, was schwere Proteste in Polen hervorruft: Diese Organisation war durch die brutale Vernichtung der polnischen Bevölkerung auf ukrainischem Territorium berüchtigt. In Polen werden dagegen die Kämpfer von Armia Krajowa heroisiert, obwohl diese an der brutalen Vernichtung der ukrainischen Bevölkerung der Dörfer Sahryn und Pavlokomka verantwortlich waren. Nicht umsonst sagt man, dass in diesen Republiken heute diejenigen Kräfte zur Macht gekommen sind, die dort 1945 verloren haben.

Das Kunstwerk der »Degrees of Separation«-Ausstellung war nach unserer Sicht eine passende Metapher dazu: Über einem Trümmerhäufchen ist ein Piedestal errichtet und es ist nicht wichtig, wer auf diesem Piedestal aufgestellt wird. Die Beine stehen, man kann auf ihnen beliebige Rümpfe mit beliebigen Gesichtern in Position bringen.

Für uns lohnte sich der Besuch dieser Ausstellung zweifelsohne, wir haben etwas für uns Wichtiges und Interessantes gefunden. Schauen auch Sie, liebe Leser*innen, diese Ausstellung an. Vielleicht finden Sie dort einige andere, nicht weniger interessante Assoziationen. Das ist noch bis 7. Juli möglich.

www.kunstverein-augsburg.de

Thema:

Weitere Positionen

18. August 2019 - 18:13 | Martin Schmidt

Schneidemaschine, Jazz, Neues aus Noise – hochqualifizierte Verstöße gegen die allgemeine Pop-Verordnung. Das Augsburger Duo Schnitt legt das Album des Jahres vor. Eine Rezension von Martin Schmidt.

14. August 2019 - 9:08 | Patrick Bellgardt

Am 24. August gastiert Purple Schulz im Wittelsbacher Schloss in Friedberg. Die 80er-Jahre-Ikone präsentiert ihr neues Album »Nach wie vor« open air im Innenhof. Ein Interview

12. August 2019 - 14:02 | Dieter Ferdinand

Im griechischen Theater Heretsried wurde am 9. August Nestroys »Das Mädl aus der Vorstadt« aufgeführt

7. August 2019 - 12:48 | Jürgen Kannler

Der vielbeschworene Schulterschluss zwischen Bayerischer Staatsregierung und Rathaus Augsburg zeigt Auflösungserscheinungen. Ein Kommentar von Jürgen Kannler

6. August 2019 - 12:54 | Gast

a3kultur-Autorin Marion Buk-Kluger im Interview mit Lisa Maria Potthoff. Die Schauspielerin präsentiert am 11. August die Krimikomödie »Leberkäsjunkie« beim Kino-Open-Air »Lechflimmern«.

4. August 2019 - 8:04 | Gast

Leberkäsjunkies und Saumenschen – Quergelacht, die a3kultur-Kabarett-Kolumne. Von Marion Buk-Kluger

2. August 2019 - 8:45 | Thomas Ferstl

Projektor – die a3kultur-Film-Kolumne im August

31. Juli 2019 - 9:04 | Jürgen Kannler

Ein Gespräch mit Vea Kaiser über ihren aktuellen Roman, kulinarische Aspekte des Lebens und den Balkan.

28. Juli 2019 - 8:54 | Jürgen Kannler

Jürgen Kannler im Gespräch mit dem Medienkünstler Reinhard Gupfinger, Artist in Residence des Projekts »Welcome in der Friedensstadt«

isabel_kerkermeier_diaphane_kunstverein_aichach_2019_foto bettina kohlen.jpg
26. Juli 2019 - 8:25 | Bettina Kohlen

Nach München, an den Chiemsee oder einfach in der Region: Gute Kunst kann man an vielen Orten erleben. Hier kommen ein paar Vorschläge für die nächsten Wochen.