Ausstellungen & Kunstprojekte

Eine ungewöhnliche Ausstellung

Iacov Grinberg
11. Februar 2016

Die neue Ausstellung im zweiten Stock des Schaezlerpalais präsentiert mehr als 30 Bilder deutscher Meister aus der zweiten Hälfte des 19. und vom Beginn des 20. Jahrhunderts, die mit einer Ausnahme dem breiten Publikum bisher nie gezeigt wurden. Sie stammen aus der Sammlung von Hermann Hugo Neithold (1862–1939), einem Kaufmann und Kunstfreund.

Das Wort »Sammler« lässt uns an eine Gestalt denken, die sich leidenschaftlich um die Vergrößerung oder Vervollständigung ihrer Sammlung kümmert und ständig mit dem Erwerb beschäftigt ist bzw. die erworbene Kunst als eine lukrative Geldanlage betrachtet und in diesem Sinne tätig ist. Neithold, der bis zum Eintritt in den Ruhestand 1915 über ein beachtliches Vermögen verfügte, gestaltete dagegen mit den erworbenen Bildern auch sein tägliches Lebensumfeld. In Dresden, wo er seit 1916 lebte, war nicht genug Platz für alle Bilder, in der Schweiz, wohin er 1929 wegen einer Augenkrankheit übersiedelte, konnte er alle Bilder in seiner Villa aufhängen. Natürlich kümmerte er sich als Kaufmann auch um eine sichere Geldanlage und achtete die Meinung von Kunsthändlern, in erster Linie handelte er aber nach seinem Geschmack. Üblicherweise zeigt eine Ausstellung Arbeiten eines Künstlers, einer Kunstrichtung oder einer Kunstschule. Diese demonstriert uns den etwas konservativen Geschmack des deutschen Großbürgertums dieser Periode.

Die Sammlung enthält Landschaften, Porträts, Stillleben und Genrebilder. Die Namen vieler Maler sind heute beim breiten Publikum meist in Vergessenheit geraten und nur Spezialisten bekannt. Manche Bilder wurden auch von unbekannten Kopisten geschaffen. Sie wissen, dass eine Kopie einem Original nicht gleich ist, sie trägt die Handschrift des Kopisten, und manchmal ist diese sogar ausdrucksvoller als das Original. Neithold war durchaus in der Lage, die Originale zu erwerben, kaufte jedoch manchmal Kopien, die ihm besonders gefielen. Das aber hilft dem Zuschauer heute, der nicht durch berühmte Namen befangen gemacht wird. So kann man diese Bilder allein nach ihrer künstlerischen Qualität einschätzen. Denn alle Bilder übertragen nicht nur Details der einen oder anderen Landschaft oder die Gesichtszüge der einen oder anderen Person, sie übertragen Stimmungen und Gefühle.

Die ausgestellten Werke haben einen nicht ganz einfachen Weg bis in die Ausstellungsräume hinter sich. Nach dem Tod von Neithold gelangte die Sammlung durch Neitholds Nachfahren nach Bayerisch-Schwaben und wurde hier in Tresoren eingelagert. Nur dank der Bemühungen des Hamburgers Dr. Uwe Heckmann in Zusammenarbeit mit Dr. Tilo Grabach, dem Kurator der Ausstellung, ist es gelungen, die Bilder aus den Tresoren zu befreien, zu attributieren (viele waren nicht signiert und nicht datiert) und anschließend dem Augsburger Publikum zu präsentieren. Die Ergebnisse dieses lobenswerten Engagements können Sie bis zum 5. Juni bewundern.
(Iacov Grinberg)

www.kunstsammlungen-museen.augsburg.de

Foto: Max Liebermann – Colomierstraße

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