Die unsichtbare Frau

5. Juli 2020 - 10:33 | Bettina Kohlen

Die ehemalige Synagoge in Kriegshaber, Teil des Jüdischen Museums Augsburg Schwaben, wird aktuell zum Ort des Nachdenkens über die Sichtbarkeit bzw. Unsichtbarkeit der Frau im Judentum.

Frauen wurden lange Zeit – sind es teilweise noch heute – in der Synagoge separiert, in einem Extraraum oder auf der Frauenempore. Diese graduell unterschiedliche Trennung vollzog sich analog zur jeweiligen Stellung innerhalb der Gemeinde. Im Zuge der Reformen des 19. Jahrhunderts veränderte sich die weibliche Position in Gemeinde und Synagoge hin zu einer Gleichberechtigung der Geschlechter, heute sind in liberalen wie konservativen Gemeinden Mann und Frau gleichgestellt, in orthodoxen Gemeinden jedoch gelten Trennung und ungleiche Rechte bis heute.

Als Kooperation des BBK mit dem Jüdischen Museum wurde unter dem Titel »Die unsichtbare Frau« eine Ausstellung entwickelt, die sich an diesem früher religiösen Ort mit den Aspekten des Verborgenseins und dem Widerstand dagegen auseinandersetzt. Die Arbeiten der zehn Künstler*innen, neun Frauen und ein Mann, nehmen nachdrücklich Bezug auf den Raum und seine Geschichte. Der Weg entlang sparsam und präzise platzierter Arbeiten führt in den zentralen Raum mit zwei sich wunderbar ergänzenden Installationen.

In den ehemaligen Thoraschrein hat Norbert Kiening einen Spiegel gehängt, in dem sich die Besucher*in spiegeln kann und zugleich die Frauenempore erkennt, sodass hier Vergangenheit und Gegenwart aufeinandertreffen und zusammen sichtbar werden. Auch Nina Zeilhofers raumgreifende textile Arbeit nimmt räumlichen Bezug auf die Empore. Vor der Brüstung hängen drei schwarze bis auf den Boden fallende Voile-Gewänder, die vielschichtig, dabei durchlässig Oben und Unten verbinden, dabei deutlich ein Zeichen im Raum setzen. Zeilhofer bezieht sich auf eine Geschichte um den Gelehrten Raschi, der um die Wende vom 11. zum 12. Jahrhundert seinen drei Töchtern die Frauen eigentlich nicht erlaubte Gelehrsamkeit ermöglichte.

Hier ist eine ausgesprochen kluge und nachdrückliche Ausstellung gelungen, für die der/die Besucher*in sich ausreichend Zeit nehmen sollte, um den Perspektiven auf die Spur zu kommen.

Ehemalige Synagoge Kriegshaber | Die unsichtbare Frau | bis 13. September

www.jkmas.de

Abbildung – Links im Toraschrein: Norbert Kiening, ohne Titel, Spiegel, 2020. Rechts vor und auf der Empore: Nina Zeilhofer, ohne Titel (Raschis Töchter), Installation, transluzenter Gazestoff, Blei, Seife, 2020. (Foto: Jüdisches Museum Augsburg Schwaben)

 

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