Utopie, Traum und Wahnsinn im Glaspalast

3. August 2018 - 9:32 | Iacov Grinberg

Die im Glaspalast eröffnete Ausstellung »Utopie – Zwischen Traum und Wahnsinn«, von der Galerie Noah in Zusammenarbeit mit dem Kulturamt der Stadt Augsburg organisiert, zeigt 25 Arbeiten von zehn Künstlern aus Bayerisch-Schwaben.

Normalerweise schaue ich bei einer Ausstellung zuerst die ausgestellten Bilder bzw. Objekte an, ohne auf ihre Benennungen oder die Namen ihrer Schöpfer zu achten. Erst danach lese ich die Titel, sie helfen manchmal, Werke zu verstehen. Erst in dritter Reihe schaue ich auf die Namen. Schon beim ersten Rundgang sprangen mir einige Bilder von ganz unterschiedlicher Technik ins Auge. Das Diptychon »Junge Götter« und »Leibgericht oder…« von Stephan Juttner ist mit Öl und Acryl auf Leinwand gemalt, drei Arbeiten von Paul Rietzt mit Tusche auf Papier, das Diptychon »Burka« und »Burka-Portrait« (Foto) von Hansjürgen Gartner mit Übermalung als Digitalprint auf Leinwand, drei Arbeiten von Perry O’Brian sind Fotografien auf Alu Dibond.

Es gibt noch viele weitere Arbeiten zu sehen, sowohl gegenständliche als auch abstrakte. Während der Vernissage wurde über fast jede in kleinen Gruppen heftig diskutiert – im Publikum gab es viele Künstler, es wurde sowohl Lob als auch Kritik ausgesprochen. Eine Meinung aber scheint mir besonders interessant: Es wurde gesagt, dass für die Ausstellung wesentlich mehr Arbeiten vorgeschlagen wurden und die Auswahl deutliche Spuren der Vorliebe der auswählenden Personen trägt. Äußerst spannend wäre es, einen Katalog mit Aufnahmen der abgelehnten Arbeiten zu zeigen.

Ich habe mich erinnert, dass viele Jahre zuvor, als die Große Schwäbische Kunstausstellung noch in der Toskanischen Säulenhalle stattfand, mich ein mir bekannter Künstler gebeten hatte, ihm zu helfen, seine abgelehnten Arbeiten (sie waren für meinen Geschmack wirklich nicht besonders gut) nach Hause zu transportieren. Ich habe dabei viele abgelehnte Werke anderer Künstler gesehen und muss sagen, dass zwei davon sehr eindrucksvoll waren. Bis heute sehe ich sie vor meinem inneren Auge. So schien mir dieser provokative Vorschlag eines Katalogs der »Refusés« zumindest sehr interessant.

Die ausgestellten Arbeiten entsprechen zweifelsohne dem zweiten Teil des Mottos »Zwischen Traum und Wahnsinn«. Mit der »Utopie« haben sie aber meist wenig zu tun. Die Moderatorinnen versuchten während der Vernissage die Künstler zu Aussagen über ihre Arbeiten zu animieren. Die Künstler hatten ihre Aussagen jedoch bereits in einer für sie passende künstlerische Form gepackt, wieso sollten sie also noch die Kunst der Rede bemühen? Über »Utopie« spricht eine begleitende Ausstellung in Treppenhaus. Dort sind einige Plakate aus der Ausstellung »Die Kunst der Utopie« platziert, die derzeit in der Stadtsparkasse Augsburg läuft.

Die Plakate dieser Ausstellung, die vom Goethe-Institut Israel organisiert wurde, sind keine freien Schöpfungen der Künstler, sondern Auftragsarbeiten. Sie zeigen Utopie aus verschiedenen Blickwinkeln. Als Normstimmton der Ausstellung kann die Arbeit von Götz Gramlich dienen: Sie zeigt die Buchstaben von »Utopie« als Seifenblasen. Aus einer gewissen Entfernung sieht eine Utopie gut aus, man sieht das allgemeine Bild und nicht die Details, in denen sich bekanntlich der Teufel verbirgt. Danach folgt eine Sicht von oben (Anna Naumova und Kirill Blagodatskikh), wo ein üblicher Verhandlungstisch wie ein Kafkaesker Käfer aussieht, eine Antiutopie von Lech Majewski, wobei das Gehirn durch ein »Like«-Zeichen und Augen durch Brillen der virtuellen Realität ersetzt sind.

Viele Begriffe haben einen »Gegenbegriff«, der mit ihnen dialektisch verbunden ist, wie »Leben und Tod« oder »Sauberkeit und Schmutz«. Für die Utopie ist dieser Gegenbegriff nicht »Antiutopie« oder »Dystopie«, sondern ein Versuch, die Utopie zu verwirklichen. Kommunistische Utopie wird mit den bekannten Beispielen ihrer Verwirklichung gezeigt – als Nordkoreanisches Heer (David Tartakover), Blutroter Stern (Istvan Orisz) oder einem grinsenden Lenin (Billy Cove). Auch die Forderung der Palästinenser nach ihrem eigenen Staat (Yossi Lemel) wird widerwillig als eine goldene Medaille, die in der dortigen schwarzen Korruption und Misswirtschaft hoffnungslos versinkt, gezeigt. Nur der Wunsch nach einem Grundeinkommen (Jan Hamster) wird ganz rosig dargestellt.

Diese politisch akzentuierte Ausstellung läuft nur noch bis zum 8. August. Die Ausstellung im Glaspalast läuft dagegen bis zum 10. Januar 2019. Ein Abstecher dorthin lässt sich mit dem Besuch der Galerie Noah oder des H2 verbinden. Es lohnt sich!

www.galerienoah.com
www.friedensstadt-augsburg.de

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