Verkäufer trifft auf Kleptomanin

31. Oktober 2018 - 13:22 | Thomas Ferstl

Projektor: Die a3kultur-Kinokolumne im November.

Ich habe noch nie etwas gestohlen. Nein, nicht einmal als Zehnjähriger einen Kaugummi am Kiosk. Das schlechte Gewissen wäre einfach zu groß gewesen. Ohne schlechtes Gewissen lassen sich diesen Monat aber zwei Filme über einen aspirierenden Trafikanten und eine Sekretärin mit zwanghaftem Trieb zum Diebstahl genießen. Warum einer der beiden sogar Ihr kulturelles Interesse erweitern könnte, erfahren Sie hier:

»Der Trafikant« (1. November, Kinodreieck) ist eine Zeitreise in zweierlei Hinsicht. 2014 las Augsburg als Projekt der Wirtschaftsjunioren Augsburg e.V. mit ihren Partnern das gleichnamige Buch von Robert Seethaler. Die Romanvorlage und Nikolaus Leytners Verfilmung nehmen den Zuschauer mit ins Wien von 1937. Der 17-jährige Franz Huchel (Simon Morzé) arbeitet als Lehrling an einem Wiener Kiosk, einer sogenannten Trafik, und lernt dort von Otto Trsnjek (Johannes Krisch) alles, was er über Tabak, Zeitungen und Pornohefte wissen muss. Doch der vom Land kommende Franz sehnt sich in der Großstadt vor allem nach Bildung und Liebe. Praktischerweise lernt er bei seiner Arbeit einen berühmten Stammkunden der Trafik kennen, Siegmund Freud (Bruno Ganz). Dies kommt ihm besonders gelegen, als sich Franz in die Varietétänzerin Anezka (Emma Drogunova) verliebt. Allerdings droht bald alles Glück wieder zu zerbrechen, da Österreich ans »Dritte Reich« angeschlossen wird. Die behutsam dramatisierte Romanvorlage entfaltet sich vor dem Zuschauer in eindrucksvollen Bildern vom düsteren Salzkammergut und vom detailverliebt ausgestatteten Wien. Vor dieser Kulisse agieren starke Hauptdarsteller, die vor allem in den surrealen Momenten des Films glänzen. Sicherlich lagen in kaum einer anderen Vorkriegsgeschichte Freud und Leid näher beieinander.

Eine Zeitreise der etwas anderen Art bietet das Kinoevent »Marnie« (10. November, CinemaxX, Cinestar, Cineplex). »Marnie« ist gleichzeitig Titel und Name der Hauptfigur von Alfred Hitchcocks Verfilmung des gleichnamigen Romans von Winston Graham aus dem Jahr 1964. Marnie Edgar (Tippi Hedren) ist Kleptomanin und wird bei einem ihrer Diebstähle von ihrem Vorgesetzten Mark Rutland (Sean Connery) auf frischer Tat ertappt. Anstatt sie der Polizei zu übergeben, will Rutland herausfinden, warum sie an der Krankheit leidet, und nutzt sein Wissen, um sie zu einer folgenschweren Heirat zu erpressen.

Seinerzeit kaum ein Erfolg, zählt der Film heute zu den herausragenden des Meisters Hitchcock. Traumhafte, nahezu halluzinatorisch anmutende Szenen lassen den Zuschauer die quälenden Emotionen der Hauptfiguren spüren. Ein Muss für alle Thrillerfans. Am 10. November bekommen Sie jedoch nicht direkt den cineastischen Klassiker auf der Leinwand zu sehen, sondern die Opernversion des Komponisten Nico Muhly. Unter der musikalischen Leitung von Robert Spano hören Sie um 19 Uhr aus der Metropolitan Opera New York die Mezzosopranistin Isabel Leonard als Marnie und den Bariton Christopher Maltman als Rutland. Die Oper, die bereits an der English National Opera Erfolge feierte, verpackt die spannende Story in eine üppige Orchestrierung und bietet dem Zuschauer einen Augenschmaus aus bonbonfarbenen Kostümen im Stil der 1960er-Jahre. Sicherlich ist eine Oper nichts für jeden Cineasten und eine eher cineastische Oper nichts für eingefleischte Freunde des klassischen Musiktheaters – aber sicherlich eine erfrischende Abwechslung oder gar eine kleine Kostprobe in die Welt des jeweils anderen für beide Seiten.

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