Politik & Gesellschaft

Von der Verleumdung zur Ermordung

Dieter Ferdinand
30. Oktober 2019

Der 7. Vortrag innerhalb der Reihe »Die europäische Dimension des Holocaust« führte ins »Zentrum der Verbrechen« nach Polen. Er fand statt in Kooperation mit dem Bukowina-Institut an der Universität Augsburg, dem Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Augsburg und dem Zentrum für Holocaust-Studien am Institut für Zeitgeschichte in München.

Dr. Torsten Lattki begrüßte im Namen von Museumsleiterin Dr. Barbara Staudinger die Referentin, Frau Juniorprofessorin an der Uni Augsburg, Maren Röger (Foto oben, klick hier zum Vergrößern, Quelle: Jüdisches Museum Augsburg Schwaben), die auch Leiterin des Bukowina-Instituts Augsburg ist. Er erinnerte daran, dass vor 80 Jahren, am 1. September 1939, der NS-Staat Polen überfiel und damit den 2. Weltkrieg begann.

Frau Dr. Gaelle Fisher vom Zentrum für Holocaust-Studien am Institut für Zeitgeschichte in München stellte die Referentin vor und erwähnte die 16-bändige Edition »Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945«.

Professor Maren Röger betonte, dass Polen vor 1939 ein multiethnisch geprägter Staat war. In der Zeit zwischen den Weltkriegen wurden auch dort nationalsozialistische Stimmen laut, die Jüdinnen und Juden nicht für vollwertige Bürger*innen hielten. Mit dem Einmarsch in Polen »begann eine brutale Besatzungspolitik, die Polen und Juden traf«. Ziel war, »Polen seiner Führungsschicht zu berauben und das Land zu einem Vasallenstaat zu machen«. Todesschwadronen schwärmten aus, es kam zu Gewalt, darunter sexualisierter Gewalt; ein Täter: »Er habe seine Taten nicht für strafbar gehalten, da die Juden Freiwild seien«.


Orte des Terrors und der Vernichtung 1941–1945. Klick auf die Karte zum Vergrößern. Quelle: Institut für Zeitgeschichte, München – Berlin, 2007 / Kartographie Peckmann

Die jüdischen Menschen hatten mit dem Ausmaß von Gewalt nicht gerechnet. »Nach dem deutschen Einmarsch blieb nur die Flucht in die von der Sowjetunion besetzten Teile Polens«. Denn überall begann die Ghettoisierung der jüdischen Bevölkerung. In den überfüllten Ghettos grassierten Krankheiten, viele verhungerten, Zwangsarbeit wurde eingeführt. Trotzdem blühte anfangs noch ein lebendiges kulturelles Leben.

Unter Androhung der Todesstrafe riskierten viele polnische Helfer ihr Leben. Darum hatten bis Anfang Januar 2019 knapp 7.000 Polen den Titel »Gerechter unter den Völkern« in Yad Vashem erhalten. In den besetzten Gebieten kam es aber auch zu Pogromen wie etwa in Jedwabne.

Ab Dezember 1941 töteten die Nazis durch Kohlenstoffmonoxid wie in Chemno (Kulmhof). Die Methode mit Motorenabgasen »war zuvor im Rahmen der Ermordung von Menschen mit Behinderung erprobt« worden. In den Vernichtungslagern Belzec, Sobibor und Treblinka wurde mit Zyklon B ermordet. Im Frühjahr 1942 begannen die Massendeportationen nach Auschwitz und die anderen Vernichtungslager, die Millionen Todesopfer forderten. Manche Täter empfanden ihren Einsatz mitunter als »schöne Zeit«, so Kurt Franz in einem Fotoalbum. (Foto links, klick auf das Bild zum Vergrößern: SS-Operation in Raciaz, Quelle: Joanna Urbanek – Everyday life in the Shadow of Terror)

Es gab auch Widerstand. Bekannt ist der Aufstand im Warschauer Ghetto, »bei dem inhaftierte Juden von Mitte April bis Mitte Mai 1943 sich den Deutschen in einem hoffnungslosen Kampf widersetzten«. Vom 1. August bis 2. Oktober 1944 folgte der Warschauer Aufstand, »in dessen Folge die Deutschen weitere Teile der Stadt in Schutt und Asche legten«.

Von 3,5 Millionen polnischen Jüdinnen und Juden überlebten wenige. »Am Höhepunkt der Nachkriegszeit lebten 180.000 bis 240.000 Juden in Polen, vor allem in Warschau, Lodz, Krakau und Breslau.« Es gab einen andauernden Antisemitismus. Bei einem Pogrom in Kielce wurden am 4. Juli 1946 über 40 polnische Juden ermordet. Dies hatte eine jüdische Emigrationswelle aus Polen zur Folge. Die meisten emigrierten in die USA und Israel, nur wenige blieben auf dem Weg in Deutschland. Ein Teil der Augsburger Gemeinde wurde von polnischen Juden wieder begründet.

1968 inszenierte die kommunistische Regierung eine antisemitische Kampagne, um von inneren Problemen abzulenken. Weitere Juden wanderten aus. Nach 1990 kam es zu einer intensiven Beschäftigung mit dem Völkermord an jüdischen Menschen mit vielen auch künstlerischen Aktivitäten.

Ein Museum für den Aufstand im Warschauer Ghetto wird 2023 eröffnet, eines für Judenretter in Markowa bei Lancut im Karpatenvorland (Foto links, klick auf das Bild zum Vergrößern) besteht seit 2016. 2018 wurde »ein Gesetz erlassen, das jeden mit bis zu drei Jahren Haft bedroht, der öffentlich und faktenwidrig der polnischen Nation oder dem polnischen Staat die Verantwortung oder Mitverantwortung für Verbrechen des Dritten Reiches zuschreibt. … Die nationalkonservative Partei PIS hat gerade wieder überzeugend gewonnen, für die weitere Erinnerungskultur bedeutet das nichts Gutes«, schloss Frau Röger ihren Vortrag.

Der 8. Vortrag in der Reihe »Die europäische Dimension des Holocaust« findet am 29. Januar 2020 um 18:30 Uhr im Jüdischen Museum in der Halderstraße statt. Thema ist »Der Holocaust in der Erinnerungskultur von Weißrussland«.

www.jkmas.de

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