Ein Verräter in uns?

22. Mai 2019 - 11:35 | Dieter Ferdinand

Als Kooperationspartner führt das Staatstheater Augsburg zum 1.000-jährigen Jubiläum von St. Moritz auf der Westchorbühne das Ein-Mann-Stück »Judas« von Lot Vekemans auf.

Freilichtbühnen-Atmosphäre macht sich breit mitten auf dem Moritzplatz. Das Stück »Judas« der Niederländerin Lot Vekemans wurde 2007 uraufgeführt und erlebte seine deutsche Erstaufführung 2012 in München. Pirmin Sedlmeir (Foto: Jan-Pieter Fuhr, Klick hier zum Vergrößern) ist Judas: »Ich will Euch was erzählen von mir.« Er habe seinen Namen erhalten als Zeichen der Verbundenheit mit den Vorvätern. Jetzt sei er wieder da.

Seit 2.000 Jahren versuche die Menschheit vergeblich, Judas zu begreifen. »Mein Leben mit ihm dauerte drei Jahre. Ich habe ihn begrüßt mit einem Kuss, hatte gehofft, dass er geflohen war.« Dreißig Silberlinge nahm Judas an, das Geld war »verseucht«. Judas sah in Jesus Christus einen Meister und einen Freund. »Einmal sagte er zu mir: Du bist der Einzige, der sich fragt, was ich brauche. Das schmeichelte mir.« Judas wollte mit Jesus die Römer vertreiben. Er aber sei anders gewesen. »Er glaubte an Veränderung, an die eigene innere Kraft.«

»Je mehr wir uns Jerusalem näherten, desto stiller wurde er, sprach von seinem bevorstehenden Tod. Ich wollte nicht, dass er stirbt.« Er geht aufs Publikum zu: »Angenommen, Sie hätten damals gelebt: Hätten Sie dann auch gerufen: Kreuzigt ihn!«? Judas wusste nicht, dass es so viel Hass gegen Jesus gibt. »Ich hätte sterben müssen durch ihre Hand. Ich war ein falscher Ankläger. Ich habe die Schuld auf mich genommen als Einziger. Ich habe mich selbst erhängt, weil niemand anders es tun wollte.« Es gebe da nur eins, was er wirklich wissen will: »Hat er mir vergeben?«

Judas fragt das Publikum: »Will jemand von Ihnen meinen Namen tragen?« Schweigen. Pirmin Sedlmeir als Judas: »Ich bin stolz auf diesen Namen, ich spreche ihn gerne laut aus: ICH bin Judas.«

Das Stück »Judas« versucht, den »Verrat« zu ergründen. Judas half Jesus Christus, seine Aufgabe zu erfüllen. An Judas hängt das einseitige Negativbild des Verräters. Das wurde schnell übertragen auf das jüdische Volk, woraus viele antijudaistische und antisemitische Kampagnen und Gräueltaten ihr Pulver bezogen. Es ist verdienstvoll, dass das Staatstheater Augsburg zum 1.000-jährigen Jubiläum von St. Moritz das Ein-Mann-Stück aufführt. Pirmin Sedlmeir verkörpert den Judas überzeugend und ohne Pathos, als Zeitgenosse von heute. Er bietet Selbsterkenntnis an, durch seine Fragen an das Publikum verdichtet sich das beklemmende Gefühl, wir alle könnten einen Verräter in uns haben.

Minutenlanger stehender Applaus für ein erschütterndes, tief schürfendes Spiel.

Der Eintritt ist frei. Weitere Termine unter:
www.staatstheater-augsburg.de/judas

Weitere Positionen

19. Februar 2020 - 16:10 | Jürgen Kannler

Dienstagabend startete das »Heiner-Müller-Festival« seine kleine, spannende Hörspielreihe aus dem Kosmos des legitimen Erben Bertolt Brechts im Planetarium der Stadtsparkasse.

19. Februar 2020 - 12:05 | Renate Baumiller-Guggenberger

Das Best of Poetry Slam mit vier virtuosen Wortkünstlern wurde im nahezu ausverkauften Parktheater als beliebtes Brechtfestivalspecial begeistert aufgenommen.

18. Februar 2020 - 12:10 | a3redaktion

Gertrud Scheuberth sucht in ihrem Buch »Das blaue Gehwegschild – ein Vaterbild zerbricht« nach der Kriegsvergangenheit ihres Vaters Johann.

17. Februar 2020 - 10:56 | Jürgen Kannler

Am Freitag startete das Brechtfestival mit einem in manchen Teilen neuen und frischen Bauplan. Besichtigung bis 23. Februar live und auf brechtfestival.de

16. Februar 2020 - 11:16 | Marion Buk-Kluger

Die finnisch-deutsche Thriller/Krimi-Serie »Arctic Circle – Der unsichtbare Tod« über einen rätselhaften Virus startet im ZDF. a3kultur sprach mit Hauptdarsteller Maximilian Brückner.

13. Februar 2020 - 19:26 | a3redaktion

Bei seiner traditionellen Jahrespressekonferenz stellte der Bezirk Schwaben sein Programm Kultur für 2020 vor. a3kultur präsentiert einen kleinen Einblick in das vielfältige Angebot.

12. Februar 2020 - 22:00 | Iacov Grinberg

Die Ausstellung »Pressefoto Bayern 2019« des Bayerischen Journalistenverbands (BJV) gastiert in der LEW Energiewelt am Augsburger Königsplatz.

11. Februar 2020 - 13:19 | Max Kretschmann

»Er ist vernünftig, jeder versteht ihn« – dieses Motto hat sich das Brechtfestival 2020 vom 14. bis 23. Februar auf die Fahnen geschrieben. Eine Programmauswahl

ausstellungsansichtlunaxa_fotodiskurs augsburg.jpg
10. Februar 2020 - 16:42 | Bettina Kohlen

Das Projekt Fotodiskurs von Christof Rehm in der Bergstraße ist immer wieder für überraschende Erlebnisse gut – aktuell ist es eine Rauminstallation.

10. Februar 2020 - 8:04 | Renate Baumiller-Guggenberger

Wegweisende Förderungen für junge Musizierende. Ganz klassisch – die a3kultur-Klassikkolumne