Verschwindende Spuren

23. Januar 2019 - 9:04 | Iacov Grinberg

Ausstellung »In schwindendem Licht. Jüdische Spuren im Osten Europas« im Bukowina-Institut

Die in der Ausstellung präsentierten 24 Fotografien – nur so viele konnten Platz an den Institutswänden finden – zeigen einen kleinen Ausschnitt der Arbeit des Kölner Fotografen Christian Herrmann. Die Spuren, die mit dem Objektiv seiner Kamera aufgenommen werden, sind unterschiedlich groß und sozusagen »offensichtlich«. Es ist unmöglich, den riesigen, mit 50.000 Gräbern vernachlässigten jüdischen Friedhof in Czernowitz oder den verlassenen jüdischen Friedhof in Vadul Raşov nicht zu sehen und zu erkennen. Es ist ebenso unmöglich, einfach zu erkennen, dass auf einem gepflügten Feld in der Nähe von Krakau, das jetzt als Park dient, einst das Ghetto Plaschov zu finden war oder dass ein heutiger Bauhof in Stryj damals ein jüdischer Friedhof war. In den verlassenen Backsteingebäuden in Rodzil und Probischna ist es fast unmöglich, ehemalige Synagogen zu identifizieren, ebenso wie im heutigen Sportsaal in Horodenka oder in einem Fitnesscenter in Sambor. Einige Spuren sind nur für diejenigen sichtbar, die sie verstehen. Da ist ein Stück Stein mit hebräischen Buchstaben, das aus einer Wand ragt; ein Mühlstein, der offensichtlich aus einem Grabstein eines jüdischen Friedhofs hergestellt wurde; das alte Schild eines Hutmachermeisters, das teilweise aufgrund der schäbigen späteren Tünche, die ihn zudeckte, wieder sichtbar gemacht wurde; oder eine Aussparung für eine Mesusa in einer alten Tür.

Die Ausstellung vermittelt deutlich eine Stimmung. Ich habe nicht sofort verstanden, welche, bis ich ein Analogon fand. Unsere Oma, die Mutter meiner Frau, starb vor zwei Jahren, aber der Schmerz ist immer noch akut. In ihrer ehemaligen Wohnung wohnen inzwischen ganz andere Menschen, aber wir versuchen, nicht noch einmal an »ihrem« Eingang vorbeizukommen. Manchmal zeigt mir meine Frau in einem Laden eine bestimmte Art von Getreidemehl, das unsere Oma vorgezogen hat. Zu Weihnachten tauchen in den Läden spezielle Gebäcksorten auf und wir werden hartnäckig auf die zwei oder drei seltenen Sorten gestoßen, die die Oma liebte. Für uns ist das alles wichtig, für diejenigen, die unsere Oma nicht kannten gar nicht. Diese Ausstellung erinnert also an ein verschwundenes Volk – für die dieses Volk nicht gleichgültig ist.

Übrig geblieben sind wenige Spuren. Zuerst vernichteten die Nazis mit aktiver Beteiligung der lokalen Bevölkerung die in diesen Gegenden lebenden Juden fast vollständig, dann erlaubten die sozialistischen Regierungen den Überlebenden und den aus der Evakuierung zurückgekehrten Personen kaum, etwas wiederherzustellen. Die Hoffnung, dass sich etwas zum Besseren verändert, ist ziemlich aussichtslos. Die stolzen Behauptungen »wir sind europäische Länder« implizieren auch eine Sorge um die Erinnerung an die Juden, die hier vor dem Krieg und vor dem Holocaust lebten, aber sowohl in der Ukraine als auch in Moldawien und Rumänien, zu denen jetzt Teile der ehemaligen Bukowina gehören, gibt es zu viele andere dringliche Probleme, als sich mit jüdischen Denkmälern zu beschäftigen. Natürlich wird etwas wiederhergestellt, wie die Synagoge, die im rumänischen Botoşani mit EU-Geld restauriert wurde oder wie das Brazlawer Chassidim, die Synagoge, die in Brazlaw wiederhergestellt wurde. Die meisten Spuren werden jedoch bald verschwinden, so wie das jüdische Volk, das dieses Land früher bewohnte, in Vergessenheit geriet.

Die Ausstellung ist eindeutig ein Erfolg, man kann sie bis zum 20. Juni sehen. Übrigens, da Sie diesen Text im Internet finden, schauen Sie im Internet den Blog des Fotografen unter https://vanishedworld.blog/author/cyberorange/ an. Es gibt dort sehr viele Fotos zu diesem Thema.

Etwas problematisch war die musikalische Umrahmung der Vernissage. Zum ersten Mal trat in der Öffentlichkeit der Chor auf, der von Herrn Nicola David gegründet wurde. Etwa Dreiviertel des Chors sind Frauen. Der Chor hat einige Passagen aus Gebeten in einem Arrangement für Chor mit Polyphonie und liebevoller Stimme gesungen. Herr David selbst sang einige Lieder in seinem typischen Opernstil – er hat die Ausbildung eines Opernsängers. Aber diejenigen, an die man sich erinnerte, deren Spuren sich auf den Fotografien befinden, waren häufig Chassidim. Für sie existierte Gesang meist nur als Nigun (Melodien ohne Worte) und dies sogar nur nach dem Gebet während ihrer Zusammenkünfte (»Farbrengen«).

Beim Erinnern an Verstorbene versuchen wir normalerweise das zu tun, was für diese angenehm gewesen wäre. Die Mehrheit der Anwesenden verstand die Diskrepanz nicht. Eine solche Substitution jüdischer Volksmusik mit fröhlichen Klezmer-Konzerten im Stil von Hollywood-Musicals und Konzertarrangements moderner liberaler und reformistischer Gesänge charakterisiert allerdings die örtliche Erinnerungskultur nicht gut. Die Auswahlmöglichkeiten für die Leitung des Bukowina-Instituts ist jedoch gering. Der einzige örtliche Sänger, den ich kenne, der Lieder vorträgt, die hier auf den Punkt gepasst wären, ist Yoed Sorek. Vielleicht wird er oder ein anderer Musiker mit jüdischen Volksliedern bei der Eröffnung einer kommenden Ausstellung auftreten?

www.bukowina-institut.de

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