Von Verstrickung und Verführung

11. April 2017 - 9:10 | Renate Baumiller-Guggenberger

Glühende »Carmen«, sportiver »Bolero«: Abschied von der Ballettcompagnie unter Robert Conn

Ein rot leuchtendes Rosenblütenmeer, das die mit vier großen Tischen flexibel bestückte Bühne des Kongresses am Park erweiterte, symbolisierte die unheilvolle Allianz von glühender Leidenschaft und Freiheitswillen, von Eros und Tod. Mit einer tänzerisch überwältigenden Leistung triumphierte die Solis-
tin Eveline Drummen, die als »Carmenissima« noch lange in Erinnerung der Augsburger Ballettfans bleiben dürfte. Valentina Turcu ließ ihre choreografische Finesse in den knisternden, unter Hochspannung getanzten Dialogen der »Carmen«-Protagonisten aufblitzen. Sie bewies zudem enormes Gespür für die emotionale Tragweite der von Rodion Schtschedrin für Streicher und Schlagwerk adaptierten Opernmusik Bizets. Selbstbewusst dominierte auch in puncto technischer Brillanz Eveline Drummens »Carmen« das erregende Macht- und Liebesspiel. Leichtfüßig und lasziv setzte sie ihre Reize in Szene, lockte und provozierte das um sie buhlende Männertrio – den eitlen Leutnant Zuniga (Robert Conn), den glühend eifersüchtigen Don José (großartig Tamás Darai!) oder den arroganten Toreador (Riccardo De Nigris) – und ließ dabei auch die sensible, verletzliche Seite dieser als personifizierte Verführung geltenden Frauenfigur durchschimmern.

Wie andernorts etabliert, stellte auch Ballettdirektor Robert Conn der Ballettsuite »Carmen« den ebenso bekannten musikalischen Geniestreich »Bolero« voran, den Maurice Ravel 1928 für Ida Rubinsteins Compagnie komponiert hatte. Hauschoreograf Riccardo De Nigris hatte dafür die thematisch reizvolle Idee, den Mythos bzw. das psychologische Phänomen Narzissmus zu beleuchten. Neben den Gefahren dieser menschlichen Haltung, die in Erstarrung, Isolation oder individuelle Ausgrenzung münden kann, packte De Nigris noch jede Menge an hinlänglich bekannten Modeaffen-, Selfie- und Fitnesswahn-Klischees samt Soundcollage mit in seine »Narziss/Bolero« übertitelte Ensemble-Choreografie hinein. Die lief auf der Suche nach einer balletttauglichen Schnittmenge von krankhafter Selbstliebe und krank machender Selbstoptimierung schnell Gefahr, im »too much information« und sportiver Dynamik zu verflachen. Anders als der konditionsstarke »Laufband-Hero« fühlte man sich bald ermüdet und fand sich damit ab, im Wettkampf der beiden Solisten (Mark Radjapov und Yun-Kyeong Lee) mit dem Ensemble, von Tänzer-Action und Bühnenprojektion den roten Faden aus den Augen zu verlieren. Bis zum stark getanzten Ende, in das alle intensiv verstrickt schienen, blieb die musikalische Sogkraft des »Bolero« im Raum, der Riccardo De Nigris leider eher misstraut hatte, als sie choreografisch lustvoll zu gestalten.

Weitere Termine: 11., 14., 18., 19., 23. und 24. Mai

www.theater-augsburg.de

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