Verzweiflung an vier Saiten

22. September 2012 - 0:00 | Gast

Das Sensemble feiert die Wiederaufnahme von »Der Kontrabass«

Was sieht aus wie ein fettes altes Weib, ist unhandlich und schöne Töne kommen auch nicht heraus? Richtig. Ein Kontrabass. Zumindest in Patrick Süskinds gleichnamigen Werk aus dem Jahr 1981. Das Sensemble Theater hat sich in dieser Saison abermals dem Ein-Mann-Stück angenommen und inszeniert noch an drei Terminen die satirische Hommage an das Musikinstrument.

Der Kontrabassist am 3. Pult kann nicht mit aber auch nicht ohne seinen Bass. Im abgeschotteten schallgedämmten Zimmerchen schweift er von einer anfänglich selbstbewussten Huldigung seines Instruments schnell ab zum wahren Gesicht seiner Beziehung zum Kontrabass: eine festgefahrene Hassliebe, die sein Leben bestimmt und die eigene Unzufriedenheit schürt.

Wie im Leben des mittelmäßigen Musikers überragt der Kontrabass auch in der Bühnenmitte alles andere. An einem Seil nicht nur festgebunden, sondern in der Schlinge regelrecht stranguliert, hängt das Monstrum da und bekommt wie ein echter Mensch die Hasstiraden seines Spielers ab. Dieser wird souverän gemimt von Heiko Dietz, der dem Bassisten ein aberwitzig neurotisches Gesicht verleiht. In der 80-minütigen Vorstellung philosophiert, säuft, hasst und liebt er, immer am Rande des Wahnsinns und mit einer großen Portion Ironie. Das Bühnenbild von Sebastian Seidel, der auch für die Regie verantwortlich ist, besticht durch zwei integrierte Kameras, eine im Spiegel, eine im altertümlichen Kühlschrank voller Bier – so wird die Mimik des frustrierten Kontrabassisten im Großformat auf das als Leinwand umfunktionierte Fenster projiziert und dem Publikum vor Augen geführt.

Ob sich der gequälte Einzelgänger am Ende mit einem Verzweiflungsschrei von seiner Profession und seinem unförmigen Klotz lösen kann, bleibt zum Schluss dieses wunderbar komischen und kurzweiligen Theaterabends offen. »Der Kontrabass« ist noch am 22., 28. und 29. September zu sehen. (ran)

www.sensemble.de

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