Verzweiflungsschuss als Lösung?

5. Februar 2019 - 12:24 | Dieter Ferdinand

Das Staatstheater Augsburg bringt im martini-Park die Oper »Werther« von Jules Massenet zur Aufführung.

Goethe löste mit seinem Briefroman »Die Leiden des jungen Werther« eine »Freitod«-Welle unglücklicher Männer aus. Mit dem Roman bearbeitete er seine unerfüllte Liebe zu der schon verlobten Charlotte Buff. Sein Werther scheidet aus dem Leben, sein Roman wird zum Welterfolg.

Die Oper »Werther« des Franzosen Jules Massenet (1842–1912) ist angelehnt an Goethes Roman. Charlotte ist mit Albert verlobt. Davon erfährt Werther durch sein Liebesgeständnis. Nach weiterer Zurückweisung flieht er überstürzt. Charlotte gesteht sich selbst ihre Liebe ein. Werther erscheint, Charlotte sagt ihm Lebewohl, er bittet um zwei Pistolen von Albert, erhält von ihm eine. Charlotte stürzt aus dem Haus. Sie eilt zu Werther und findet ihn tödlich verletzt. Werther bittet sie um Verzeihung, sie gesteht ihm ihre Liebe, er stirbt. Goethe schloss seinen Roman ohne Charlottes Liebesgeständnis: »Man fürchtete für Lottens Leben. Handwerker trugen ihn. Kein Geistlicher hat ihn begleitet.«

Schwarze Vorhänge, Rokoko-Kostüme in Schwarz, schwarze Vögel wie Scherenschnitte aus Papier und als Video sowie verschiebbare Bauteile aus beigem Karton dominieren die Szene. Auf einem steht groß: »Fragile«, Zerbrechlichkeit andeutend. Die Personen bewegen sich teils stockend.

Natalya Boeva ist Charlotte mit ihrem Nein zu Werther; sie fürchtet, sich selbst zu verlieren, schwankt spät. In Gesang und Mimik beherrscht sie alle Stimmungen. Xavier Moreno verkörpert den zögerlichen, melancholischen und drängenden Werther, der seine Gefühlsausbrüche meisterlich aussingt. Wiard Witholt als Albert gibt den aristokratischen Freund Werthers und wird zu seinem Rivalen. Olena Sloias als Sophie kann Charlotte nicht aufheitern. Sänger der Domsingknaben intonieren Weihnachtsgesänge.

Die Philharmoniker wachsen über sich hinaus. GMD Domonkos Héja zaubert orchestralen Glanz: ergreifende Vor- und Zwischenspiele, zartes Violinsolo und düstere Stimmung bei Werther, ein Saxophon unterstreicht Charlottes Entsetzen und Trauer.

Zu erleben ist ein fein ausziseliertes Gesamtkunstwerk, als hätte die Aufwertung zum Staatstheater den Akteur*innen Flügel verliehen. Gratulation an André Bücker für seine bisher stimmigste Augsburger Inszenierung. Wer nicht hingeht, versäumt Wesentliches.

Begeisterungsstürme mit Hand und Fuß am Ende eines herausragenden Abends.

Die nächsten Termine unter:
www.staatstheater-augsburg.de/werther


Foto © Jan-Pieter Fuhr (bitte anklicken): Natalya Boeva als Charlotte und Xavier Moreno als Werther

Weitere Positionen

22. April 2021 - 15:23 | Renate Baumiller-Guggenberger

MAN Energy Solutions zieht sich aus der Partnerschaft mit den Augsburger Philharmonikern zurück – wie bitter! Ein Kommentar von Renate Baumiller-Guggenberger

21. April 2021 - 6:34 | Gast

Aus der Erde geboren: Vor unserer Haustür erwacht zum Leben, was uns kulinarisch verwöhnt. Wild wachsende Kräuter sind wahre Schätze. Von Björn Kühnel

20. April 2021 - 10:15 | Dieter Ferdinand

Zum 100. Geburtstag von Sophie Scholl schrieb Robert M. Zoske eine neue Biografie: »Sophie Scholl: Es reut mich nichts – Porträt einer Widerständigen«

16. April 2021 - 9:13 | Martin Schmidt

Augsburgs Indie-Tankstelle Kleine Untergrundschallplatten veröffentlicht eine 10" von Bart & Friends. »Tolmie Wild Thymes«, so der Titel des Mini-Albums, präsentiert Jangle/Indie-Pop erster Güte.

14. April 2021 - 9:08 | Martin Schmidt

Auf »Wasserstoff« (CD/Digital/Stream) setzt der Augsburger Komponist Stefan Schulzki Gedichte von Unica Zürn, Daniel Graziadei und Joseph von Eichendorff in Tonbilder um. Mit dabei, als zentraler Baustein, ist Sängerin und Vokalkünstlerin Beatrice Ottmann.

13. April 2021 - 14:03 | Martin Schmidt

»Knospen des Frühlings« (Digital/Stream/MC) ist das bemerkenswerte Debüt von Special Snowflake. Der 23-jährige Augsburger Nikita Nakropin führt einzigartig Liedermachertradition mit Elementen aus Hardcore und Emo zusammen.

12. April 2021 - 8:28 | Juliana Hazoth

Diversität ist keine momentane Laune des Marktes, sondern schlicht der Wunsch, Realität abzubilden. Lesebedarf – die a3kultur-Literaturkolumne

11. April 2021 - 13:53 | Gudrun Glock

Gibt es Pflanzen, die Schnecken fernhalten? Was hilft wirklich bei Bienenstichen? Andreas Barlage gibt Auskunft in seinem Buch »Wie kommt die Laus aufs Blatt? Wissenswertes und Kurioses rund um die Tiere in unserem Garten«

9. April 2021 - 9:44 | Juliana Hazoth

»Als wir uns die Welt versprachen« – Romina Casagrande erzählt in ihrem neuen Roman vom Schicksal der Schwabenkinder.

7. April 2021 - 8:43 | Thomas Ferstl

»Projektor«, die a3kultur-Filmkolumne, über die Rückkehr von Filmfestivals, Johnny Depp, einer leichten Dame und eines Streamingdienstes.