Wie viel Schwejk steckt in uns?

24. Februar 2020 - 13:25 | Jürgen Kannler

Der Schauspielabend »Švejk / Schwejk« ist eine gelungene Kooperation zwischen den Städtischen Bühnen Prag und dem Staatstheater Augsburg.

Technisch gesehen basiert diese Uraufführung im martini-Park auf drei etwa halbstündigen Modulen. Das erste beschreibt die Verehrung Bertolt Brechts für das Romanfragment »Der brave Soldat Schwejk« von Jaroslav Hašek. Die tschechische Schauspielerin Eva Salzmannová gibt den in Augsburg geborenen Dichter im grauen Kittelanzug und rauchend – wunderbar in Tschechisch. Zweisprachigkeit zieht sich durch das gesamte Stück, zum großen Gewinn für alle. Außer Salzmannová steht nur noch Tomás Milostný auf der Bühne. Ebenfalls ein Gast vom Kooperationspartner Prague City Theatres, verbringt er die meiste Zeit bewegungslos, wie ein »angebazter« Golem mit speckiger Lehmhaut. Er hat Präsenz, er ist Schwejk und verfolgt Brechts vorgetragene Korrespondenz mit Kurt Weill, Erwin Piscator und Ruth Berlau mit großen Augen und offenem Mund, staunt wie sich der andere Meister ohne Erfolg an ihm abarbeitet.

Der zweite Teil der Inszenierung beschäftigt sich in sieben Filmsequenzen, ergänzt zuweilen durch echtes Theater, mit dem Leben Hašeks. Schön war es nicht. Das ist auch Armin Petras klar, der diesen Abend in Szene setzt und dem Publikum im ersten Clip eine Vorstellungsrunde seines Teams gewährt, bevor er sich in die Welt des großen Autors aufmacht, der früh stirbt ohne das 40. Lebensjahr zu erreichen. Bis zu 14 Liter Bier sollen täglich durch die Kehle des ewig durstigen Hašek gerauscht sein. Unvorstellbar. Aber er hinterließ der Welt seinen Schwejk und einige wunderbare Tierarten, die nur er sehen konnte.

Nach einer Stunde das Finale: Im dritten Teil des Abends spinnt Petra Hůlová eine herrliche Trash-Story. In einer Reality Show kämpfen die Kandidat*innen um die Chance, als neuer Schwejk das Gesicht einer Wurstmarke zur werden. Es geht um die Frage, wie viel Schwejk in uns allen steckt. Nicht ohne Reiz, die Antworten darauf aus erster, tschechischer Hand zu erleben. Direkt aus der mit »Watte ausgeschlagenen Streichholzschachtel«, wie die Autorin ihr Land nennt. Die Macht- und damit vorherrschenden Geschlechterrollen in den Medien gedreht, lässt diese Episode zum großen Glück und Spaß für Akteur*innen und Publikum nur wenige Allgemeinplätze aus. Hier hat Tomás Milostný seinen nächsten großen Auftritt, unterstützt von einem vielstimmigen Chor im bunten Trainingsdress. Ihnen gegenüber die drei von der Spielleitung, Jonas Koch, Katja Sieder und Eva Salzmannová. Auch hier überzeugendes Ensembletheater. Die Kooperation zwischen Prag und Augsburg geht auf.    

Man fragt sich, was aus diesem ebenso in ruhigen wie in aufgekratzten Momenten überzeugenden Abend geworden wäre, wäre er über die angekündigten drei Stunden gelaufen – und eben nicht als verkürzte Version. So verlässt man das Theater in famos aufgedrehter Stimmung.

www.staatstheater-augsburg.de/svejk_schwejk_ua

Foto (Jan-Pieter Fuhr): Eva Salzmannová, Tomáš Milostný

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