Ausstellungen & Kunstprojekte

Viel Welt, und wo bleibt die Kunst?

Manuel Schedl
2. August 2022

Eine Doppelausstellung im H1 befasst sich mit den Folgen von Kriegen. Es ist die dritte aktuell laufende Fotoausstellung in Augsburg zu gesellschaftlichen und politischen Themen. Wie viel »factual content« vertragen die Kunsthallen?

Kunst, das ist in diesen unsteten, hochpolitisierten Zeiten in dieser Stadt auffällig oft Fotografie, nicht selten dokumentierend und Missstände anklagend. So auch in der neuen Ausstellung »Hiroshima Black Rain Hibakusha / Shelters« in Halle 1 – Raum für Kunst im Glaspalast, ganz im Dienste des nahenden Augsburger Friedensfests am 8. August.

Das macht in der Friedensstadt natürlich immer irgendwie Sinn, und es gehört auch zur Tradition des Fests, dass man die aktuelle Weltlage analysiert und Beiträge ins Programm aufnimmt.

Man kann sich allerdings die Frage stellen, ob es sein muss, die städtische Kunsthalle H1 mit einer weiteren Fotoausstellung über Missstände in dieser Welt zu bespielen (parallel gibt es noch »European Trails« direkt nebenan im H2, und »Fokus Ukraine« im Höhmannhaus) zumal bei den Werken von Thomas Damm und Manar Bilal der künstlerische Aspekt im Sinne einer Verfremdung oder Weiterverarbeitung und der Möglichkeit eines mehrdimensionalen Zugangs, im Gegensatz zu großen Teilen z. B. von »European Trails«, fast ganz fehlt.

Hat die Bildende Kunst gerade so wenig zu melden, dass Kunstorte zu Dokumentationszentren umgewidmet werden müssen? Findet sich niemand Geeignetes?

Die Chronist*innen dokumentieren die Welt. Wäre es nicht die Aufgabe der Kunst, sie im zweiten Schritt zu interpretieren? Schaffen sie es etwa gerade nicht mehr, diesem nachzukommen, sodass man erst gar nicht mehr sie, sondern andere mit dieser Mission betraut?

Künstlerinnen und Künstler aus allen Disziplinen, Malerei, Bildhauerei, Installation und Performance sind seit über zwei Jahren auf Gammelfahrt, schaffen dennoch unermüdlich und hofften, diesen Sommer wieder ausstellen, Publikum finden und Werke veräußern zu können – und werden jäh erneut ausgebremst vom tagesaktuellen Geschehen und dem dadurch ausgelösten Stimmungswandel und einem Kulturbetrieb, der den Ball reflexartig  aufnimmt und darüber mitunter den künstlerischen Aspekt vernachlässigt.

Das ästhetische Moment ist sicher auch in den Werken von Thomas Damm und Manar Bilal vorhanden. Das Porträt ist schließlich eine künstlerische Teildisziplin mit langer Tradition.
Das, was zeitgenössische Kunst ausmacht, die inhaltliche Ambivalenz, der Einsatz künstlerischer Mittel und die von Walter Benjamin beschworene »Aura« des Kunstwerks, sie blitzen leider nur in wenigen inszenierten Aufnahmen auf, wie der Serie »Lara« von Manar Bilal.

Bildung ist gut, Bildung ist wichtig. Das Wissen über den jeweils anderen kann Gewalt und Kriege verhindern. Doch vergesst bei aller Wissensvermittlung nicht die Kunst und die Künstler*innen! Auch sie erweitern den Horizont.

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