Viele kleine Schritte

26. Oktober 2018 - 10:53 | Jürgen Kannler

Ein Besuch bei Landrat Martin Sailer, der Kunst und Kultur für sich als Arbeitsfeld entdeckt hat.

Martin Sailer steht seit den Kommunalwahlen im Jahr 2008 an der Spitze des Landkreises Augsburg und lenkt seitdem die Geschicke des drittgrößten Landkreises in Bayern. Auch seine Chancen, im November seinen CSU-Parteifreund Jürgen Reichert als schwäbischen Bezirkstagspräsidenten beerben zu können, sind nicht die schlechtesten. Die Wahl zu diesem bedeutenden Regionalgremium lief parallel zu den Landtagswahlen Mitte Oktober und die CSU sicherte sich mit knapp 37 Prozent der Stimmen 13 von insgesamt 36 Sitzen im schwäbischen Bezirkstag. Der Doppelbelastung, neben seinem Beruf als Landrat auch das arbeitsintensive Ehrenamt des Bezirkstagspräsidenten zu stemmen, sieht sich Martin Sailer gewachsen. Im Frühjahr begründete er dies im Rahmen eines Pressegesprächs anlässlich seiner Kandidatur mit bald frei werdenden Zeitfenstern, die er der Umwandlung des Zentralklinikums in ein Uniklinikum zu verdanken hätte. Derzeit ist der Landrat Vorsitzender des Krankenhauszweckverbands Augsburg. Eine Stelle, die es mit dem 1. Januar 2019 nicht mehr geben wird, wenn die Geschicke des Klinikums dann von München aus geleitet werden.

In seiner möglichen neuen Funktion als Bezirkstagspräsident hätte er neben zahlreichen Verantwortlichkeiten im sozialen Bereich auch das Thema Kultur ganz groß auf seiner neuen Aufgabenliste stehen. Mit Jürgen Reichert an der Spitze entwickelte der Bezirk über Jahre ein starkes kulturelles Profil. Dieses stützte sich nicht zuletzt auf die gute Arbeit an bedeutenden Museumsstandorten wie Oberschönenfeld, Illerbeuren oder Maihingen. Auch im Bereich des internationalen Kulturaustauschs kann der Bezirk auf eine lange und erfolgreiche Tradition zurückblicken. Ebenso gut aufgestellt ist Schwaben in der Brauchtums- und vor allem in der Heimatpflege. Zudem gilt Reichert als wichtiger Impulsgeber in Sachen tim, Bahnpark oder Parktheater – allesamt Einrichtungen, die ohne die Unterstützung des Bezirks kaum denkbar wären und sich eine zum Teil beachtliche Strahlkraft erarbeitet haben. Auch hier müsste sich der Landrat an der Arbeit seines aus dem Amt scheidenden Vorgängers messen lassen.

Grund genug, Martin Sailer im Landratsamt am Prinzregentenplatz zu besuchen und mit ihm ein Gespräch über Kulturförderung in seinem Verantwortungsbereich zu führen. In der Tat hat er das Thema in den letzten Jahren verstärkt für sich als Mandatsträger entdeckt, zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung. Zum Beispiel, als es im Sommer 2016 darum ging, das Projekt Weiherhof im Herzen der Westlichen Wälder vorzustellen. Der Bezirk beabsichtigt, dort ein Depot für den Nachlass verdienter Künstler*innen einzurichten, verbunden mit einer Forschungseinrichtung und einem großzügigen Veranstaltungsbereich. Diesen Teil der Aufgabe versprach der Landrat zu übernehmen. Gegenwärtig scheint es, als stocke die Entwicklung des Projekts. Was natürlich an der erst im Sommer erfolgten Fertigstellung der neuen Dauerausstellung im benachbarten Museum Oberschönenfeld liegen kann oder an der Neubesetzung des Präsidentenpostens.  

Der Weg zu Martin Sailers Büro führt durch einen Gang, der mit markanten Ölbildern von Harry Meyer gesäumt ist. Lokalen Künstlern in seinem Haus eine Plattform einzurichten, gehört zum neuen Selbstverständnis des Amtes. Das nächste Selbstverständnis heißt Liv Reinacher. Als frische Masterabsolventin der Kunst- und Kulturgeschichte ist sie seit dem Frühjahr das neue Gesicht neben Kreisheimatpflegerin Claudia Ried in der Abteilung Kultur- und Heimatpflege des Landratsamtes und damit die Ansprechpartnerin für die Kulturarbeiter*innen im Haus. Nach der ersten Einarbeitungsphase will sie sich vor allem auch der kulturellen Zusammenarbeit und dem Austausch der Kulturorte im Landkreis kümmern. Schon heute arbeitet sie Martin Sailer in Kulturfragen zu und betreut auch Projekte wie »Landrat trifft Kultur«, das schon 2015 gestartet wurde. Es handelt sich dabei im Wesentlichen um Atelierbesuche, die Sailer regelmäßig im gesamten Landkreis unternimmt. Eines der ersten Treffen galt Norbert Kiening, Künstler und als Vorsitzender des regionalen BBK der wichtigste Funktionär des Berufsstandes Künstler*in auf lokaler Ebene.

Dieser kennt Sailer als Spross einer kunstsinnigen Familie schon lange. Vater Sailer, ein angesehener Arzt, Kunstsammler und praktischerweise Nachbar von Norbert Kiening, fragte ihn zuweilen um Expertise und praktischen Rat. Der Sohn ist ihm aus dieser Zeit als zwar durchaus an Kunst interessierter, allerdings nicht komplett vom Thema begeisterter junger Mann in Erinnerung geblieben. Das Treffen mit dem Landrat in seinem Atelier lief dennoch erfreulich und Martin Sailer zeigte großes Interesse an der Arbeit und den Aufgaben des Künstlers und Funktionärs Kiening. Es war wohl beiden klar, dass die Hängefläche im Amt und Atelierbesuche allein nicht ausreichen, um der Bedeutung des hiesigen künstlerischen Schaffens auch nur im Ansatz gerecht zu werden. Doch Martin Sailer hat etwas mehr zu bieten als diese Serviceleistungen. Zum Beispiel einen – wenn auch mit rund 20.000 Euro eher bescheidenen – Einkaufsetat für Gegenwartskunst. Dieselbe Summe lobte er für die Förderung der Baukultur im Augsburger Land aus. Das sind vorerst kleine Schritte, wie er im Gespräch selbst bestätigt, aber es sind Schritte. Es ist Bewegung im Spiel. Würden sich der benachbarte Landkreis Aichach-Friedberg und die Stadt Augsburg diesem Vorbild anschließen, läge der Gesamtetat additiv schon im sechsstelligen Bereich. Doch in der Stadt und in den Nachbarlandkreisen gibt es überhaupt keine geregelten Etats für den Ankauf von Gegenwartskunst und Kunst am Bau.

Am 16. November ist Martin Sailer ein Impulsgeber beim Panel »kunst-bau-kunst« im Rahmen des Vernetzungskongresses art3kultursalon.
www.art3kultursalon.de

Foto: Martin Sailer und Mitarbeiterin Liv Reinacher vor einer Arbeit von Christofer Kochs im Büro des Landrats. Hätten wir die Aufnahme vor der Wand rechts daneben gemacht, hätte sich ein Bild von Norbert Kiening im Hintergrund gefunden.

Weitere Positionen

12. Dezember 2018 - 12:16 | Jürgen Kannler

Mit Tilo Grabach gewinnt das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg einen hervorragenden Wissenschaftler und erfolgreichen Ausstellungsmacher. Und Augsburg hat das Nachsehen. Ein Porträt

zauberfloete_staatstheater augsburg 2018_foto_jan-pieter fuhr
8. Dezember 2018 - 14:18 | Bettina Kohlen

Drei Damen in Blaumann sitzen in einem engen Technikraum und stricken emsig an einer gewaltigen Schlange. So geht es los mit der Zauberflöte, dem Opern-Dauerbrenner, den das Staatstheater Augsburg jetzt zeigt.

8. Dezember 2018 - 8:04 | Patrick Bellgardt

Lange bevor der Serienhit »Babylon Berlin« ein ungeahntes Interesse an der Weimarer Republik entfachte, sorgte Max Raabe für eine musikalische Renaissance der Zwanziger- und Dreißigerjahre. Ein Interview

6. Dezember 2018 - 10:36 | Dieter Ferdinand

Das Jüdische Kulturmuseum Augsburg-Schwaben setzte am 27. November seine Reihe »Die europäische Dimension des Holocaust« mit dem Vortrag über Italien fort.

5. Dezember 2018 - 9:24 | Thomas Ferstl

Projektor, die a3kultur-Filmkolumne im Dezember

4. Dezember 2018 - 10:50 | Susanne Thoma

Wie kann man die Grundlagen demokratischer Meinungsbildung lebendig und begreifbar machen? Ganz klar: Durch die verantwortungsbewusste Teilhabe an politischen Entscheidungen.

3. Dezember 2018 - 15:18 | Iacov Grinberg

Ausstellung »Petit Fours. Kleine Besonderheiten der bildenden Kunst und Kunstschmuck« in der Maxgalerie

3. Dezember 2018 - 15:08 | Michael Friedrichs

Was beim Jubiläum 500 Jahre Luther/Cajetan leicht übersehen wird.

29. November 2018 - 9:48 | Martin Schmidt

Das Buch »Potzblitz« versammelt Lieblingserklärungen an die Popmusik. Der Mitherausgeber und Augsburger Musiker Sebastian Schwaigert klopfte bei Musiker-Prominenz und Freunden nach Berichten, Beichten und Erinnerungen an.

28. November 2018 - 13:44 | Renate Baumiller-Guggenberger

In der Vorweihnachtszeit laden allüberall Konzerte zur Einstimmung auf die Festtage samt Jahreswechsel ein. Ganz klassisch! – eine Kolumne von Renate Baumiller-Guggenberger