Vielfältiger werdende Erinnerungskultur

5. Februar 2020 - 10:24 | Dieter Ferdinand

Das Jüdische Museum Augsburg Schwaben setzte seine Reihe »Die europäische Dimension des Holocaust« am 29. Januar mit dem 8. Vortrag und dem Thema »Der Holocaust in der Erinnerungskultur Weißrusslands« fort.

Nach der Begrüßung durch Museumsleiterin Dr. Barbara Staudinger wurde Referentin Frau Dr. Kristiane Janeke vom Tradicia History Service, Berlin vorgestellt. Sie ist Historikerin, Kuratorin, Museumsberaterin und Kulturmanagerin im internationalen Museums- und Ausstellungsbereich sowie Mitglied im Deutschen Museumsbund, ICOM und der Deutsch-Belarussischen Gesellschaft.

Dr. Janeke begann mit einem historischen Rückblick. Im 13.–15. Jahrhundert gehörten die Gebiete in den heutigen Grenzen Weißrusslands (heute Belarus) zum Großfürstentum Litauen, später zu Litauen/Polen. 1383 sind Jüd*innen in Brest nachgewiesen. 1551 erhielten sie das Recht, ihre Rabbiner zu wählen. Bei Kosakenaufständen im 17. Jahrhundert kamen viele ums Leben, es gab große Flüchtlingsströme von Jüd*innen. 1676 lebten 32.000 in der Region. Als Ende des 18. Jahrhunderts die weißrussischen  Gebiete im Zuge der polnischen Teilungen an Russland fielen, mussten alle jüdischen Menschen die ländlichen Gebiete verlassen und sich in dem sog. Ansiedlungsrayon ansiedeln. Sie stellten dann in manchen Städten mehr als 50 % der Einwohner.

Durch die russische Februar-Revolution 1917 wurden sie rechtlich gleichgestellt. Die Freiheiten gingen nach der Oktoberrevolution verloren, die Synagogen wurden geschlossen. 1918–1922 kam es zu Ausschreitungen mit 80.000 bis 200.000 jüdischen Opfern. In den 20er Jahren wurde Belarus in eine westliche Hälfte in den Grenzen Polens und eine östliche Hälfte in den Grenzen der Sowjetunion aufgeteilt. Im Osten war die Tendenz zur Kollektivierung stark, es gab Schauprozesse gegen Rabbiner.

1939 lebten im sowjetischen Teil 375.000 Jüd*innen. Am 17. September 1939 wurde der westliche Teil durch die Rote Armee besetzt. Nach dem Einmarsch der Wehrmacht im Juni 1941 entstand das Generalkommissariat Weißruthenien. Fast alle Städte wurden zerstört. Es gab mehr als 300 Ghettos, Zwangsarbeit, aber auch Widerstand. Ein großer Teil der Jüdinnen und Juden wurde in Trostenez bei Minsk ermordet, der größten Vernichtungsstätte auf dem Gebiet der besetzten Sowjetunion. Hier kamen insgesamt zwischen 60.000 und 206.500 Menschen ums Leben, darunter 22.500 Jüdinnen und Juden aus dem Reichsgebiet. Sie wurden in Gruben verbrannt und verscharrt. Mit dem Heranrücken der Roten Armee wurde versucht, die Spuren der Vernichtung zu beseitigen.

In Belarus besteht ein Spannungsverhältnis mit Russland. Die Republik Belarus hat die Annexion der Ukraine nicht anerkannt. 1991 erfolgte die Staatsgründung, 1994 gab es freie Wahlen, die Lukaschenko gewann. Er hält seitdem die Macht diktatorisch fest in Händen. Hauptproblem einer Annäherung zur EU ist weiterhin die Todesstrafe. (Foto links: Dr. Kristiane Janeke, klick hier zum Vergrößern, © JMAS/Ilya Kotov)

In der Erinnerungskultur der Sowjetunion und damit auch in Belarus dominierte der »Große Vaterländische Krieg« gegen Nazi-Deutschland. Der Holocaust wurde marginalisiert. Man sprach nur vom Sieg über den Faschismus, von Helden im Untergrund und Partisan*innen. In den zahlreichen Partisanengruppen kämpften auch 12.000 Jüd*innen. 2009 machte der Film »Defiance« mit Daniel Craig in der Hauptrolle die jüdische Partisanengruppe der Bielski-Brüder bekannt. In Belarus finden sich kaum Familien, die nicht vom Krieg betroffen waren. Auch nach 1991 dominiert eine staatliche Erinnerungskultur, bei der der »Vaterländische Krieg« weiterhin im Mittelpunkt steht. In Minsk wurde ein neues Museum geplant, das am 3. Juli, dem Tag der Befreiung von Minsk, eröffnet wurde. Eine geschichtspolitische, erinnerungskulturelle Debatte fand nicht statt.

Seit 2003 gibt es die Geschichtswerkstatt. Ihre Themen sind vor allem das Minsker Ghetto und die Betreuung von Zeitzeugen. Die Forschung wendet sich vermehrt dem Holocaust zu. Das IBB Dortmund und das IBB Minsk erarbeiteten eine Wanderausstellung zur Geschichte von Trostenez, die 2016 in Hamburg eröffnet wurde und in der einzelne Schicksale aufgezeigt werden. Seit 2015 ist am historischen Ort eine Gedenklandschaft entstanden. 2018 waren aus diesem Anlass auch der deutsche und der österreichische Bundespräsident, Frank Walter Steinmeier und Alexander van der Bellen in Belarus. Für Steinmeier war es »die erste Reise eines Bundespräsidenten nach Belarus, und die in seiner Rede formulierte Bitte um Entschuldigung für die im Namen Deutschlands verübten Verbrechen die erste auf dieser politischen Ebene« (Dr. Kristiane Janeke).

2019 wurde auf dem historischen Lagergelände in Trostenez das Denkmal »Massiv der Namen« (Foto links, klick hier zum Vergrößern, © Kristiane Janeke) für die 10.000 österreichischen Opfer eingeweiht. Im Wald von Blagowschtschina hängen zudem an den Bäumen auf Privatinitiative einer Wiener Bürgerinitiative gelbe Zettel mit biografischen Angaben zu einzelnen Opfern (Foto oben, klick hier zum Vergrößern, © Kristiane Janeke). Insgesamt wird die Sprache der Erinnerung vielfältiger.

Heute gibt es in Belarus 11 Synagogen, davon 2 in Minsk und 2 in Witebsk, dem Geburtsort des Malers Marc Chagall.

Kooperationspartner des Jüdischen Museums waren wiederum das Bukowina-Institut der Uni Augsburg, der Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte der Uni Augsburg, der Lehrstuhl für Europäische Ethnologie/Volkskunde und das Zentrum für Holocaust-Studien am Institut für Zeitgeschichte in München.

www.tradicia.de
www.jkmas.de

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