Vom Podest geholt

22. März 2019 - 11:43 | Renate Baumiller-Guggenberger

David T. Little schrieb mit »JFK« eine Oper über die letzten Stunden des legendären Paares John F. und Jaqueline Kennedy. Nun freut er sich auf die europäische Erstaufführung am Sonntag, 24. März, im Staatstheater Augsburg, wo wir ihn im Vorfeld der Endproben trafen.

Nicht zuletzt für das gemeinsam mit Librettist Royce Vavrek geschriebene Werk wird der in New Jersey lebende Perkussionist und Komponist David T. Little (*1978) von der Presse u.a. der New York Times geradezu euphorisch gefeiert. Im Gespräch erlebte ich einen umwerfend sympathischen und offenen Künstler, der für das Potenzial von aktuellem Musiktheater steht und mit all seinen Aussagen und Bemerkungen große Neugier auf sein Werk machte.

Die Oper JFK  entstand als Auftragswerk zum 70-jährigen Jubiläum der Fort Worth Opera (Texas) gemeinsam mit der Opéra de Montréal und dem American Lyric Theater und feierte bereits im April 2016 ihre Weltpremiere. Exakt an diesem Ort Fort Worth verbrachten Präsident Kennedy und die First Lady in einer Hotelsuite die letzte Nacht vor dem Anschlag am 22. November 1963 in Dallas. Mit dem charismatischen Präsidenten starb der Hoffnungsträger einer ganzen Nation – und darüber hinaus, wenn man etwa an Kennedys enge Bindung nach Westdeutschland denkt. Little und sein Librettist Royce Vavrek fokussieren sich bewusst nicht auf das Attentat, sondern stellen das legendäre Paar ins Zentrum. Trotz auftretender Figuren wie Nikita Chruschtschow ist JFK also kein Biopic, sondern ein Werk, das in vielfacher Hinsicht durchaus als »supranatural«, so David T. Little, bezeichnet werden könnte.

Thematisiert und musikalisch einladend gespiegelt werden Emotionen, Erinnerungen und Träume, Schmerz, Hoffnung und menschliches Leid. »Zu Beginn meiner Karriere als Komponist hatte ich mir vorgenommen, niemals etwas über Könige oder Götter zu schreiben«, erinnert sich David T. Little schmunzelnd. Auch wenn Kennedy nicht wirklich unter die Kategorie »König und Gott« fällt, ist er doch zweifellos zum Mythos geworden. Und was machte Little im Dreamteam mit seinem Librettisten nach einer zeitlich intensiven und faktisch vielfach überraschenden Recherchephase? »Wir starteten unsere Oper damit, dass wir JFK in die Badewanne legen, wo er auch noch Morphium nimmt, um seine heftigen  Rückenschmerzen zu lindern.« 


a3kultur: Welche Eindrücke konnten Sie von der Probenarbeit gewinnen?

David T. Little: Ich bin in der Tat sehr begeistert von der Inszenierung durch den Regisseur Roman Hovenbitzer, die sich in vielfacher Hinsicht von der Uraufführung in Texas (und Montréal) unterscheidet. Gerade dadurch enthüllt sie aber die sehr unterschiedlichen Aspekte der Partitur. Meine Lieblingsproduktionen im Opernrepertoire sind genau diejenigen, die es mir erlauben, die Werke in einem neuen Licht zu betrachten. Genau das passiert hier bei und mit JFK. Ich bin sehr glücklich damit.

Gibt es Komponisten, die Sie und Ihre eigene kompositorische Entwicklung besonders beeinflusst und inspiriert haben?

Als Kind war ich großer Fan von Bands wie The Cure oder Nine Inch Nails. Dann entdeckte ich The Rite of Spring und wurde damit quasi in die Klassik »gefegt«. Strawinsky war für mich immer schon sehr prägend und bedeutend; erst jüngst habe ich damit begonnen,  auch sein Spätwerk zu studieren und damit ganz nebenbei die Meister, mit denen er sich spät in seinem Leben intensiv auseinandersetze: Landini, Gesualdo, Froberger und Monteverdi, um nur einige zu nenne.

Was die lebenden, aktuellen Komponisten betrifft, verbringe ich viel Zeit mit den Werken von John Adams, Louis Andriessen, George Benjamin, Gloria Coates, Brett Dean, Heiner Goebbels, Michael Gordon, Gérard Grisey, Lou Harrison, David Lang, Thomas Larcher, Steven Mackey, Olga Neuwirth, Christopher Rouse, Kaija Saariaho, Valentin Silvestrov, Galina Ustvolskaya, George Walker und Julia Wolfe; und natürlich mit der Musik meiner Freunde und Kollegen in den Staaten sowie in Europa. Ebenso widme ich einen großen Teil meiner Zeit der Beschäftigung mit Literatur und Kunst, was mich immer schon sehr inspirierte – und ich höre immer mal wieder The Cure oder Nine Inch Nails.

Was steht demnächst an? Dürfen wir uns auf eine neue Oper von Ihnen freuen?

Oh ja, es gibt eine ganze Menge neuer Opernprojekte am Horizont. Vor kurzem erst schloss ich die Arbeit an der Partitur zu einem neuen Musiktheaterwerk mit dem Titel »Artaud in the Black Lodge« ab. Es ist ein metaphysisches Stück über Künstler, die sich zur Überschreitung dunkler Zeiten düsteren Themen widmen, inspiriert durch Antonin Artaud, Hermann Nitsch oder William Burroughs. Die Premiere findet im Herbst 2020 in Amerika und hoffentlich bald auch in Europa statt. Zudem entwickle ich ein neues Musiktheaterwerk für die Metropolitan Opera/Lincoln Center Theater.  Ich darf noch nicht allzu viel darüber verraten, außer dass ich die Arbeit daran wirklich extrem spannend finde.

Wie und warum würden Sie die Oper JFK in Augsburg insbesondere auch einem jungen Publikum empfehlen?

Ich denke, dass sich   JFK wirklich bestens für ein junges Publikum eignet. Man erzählte mir auch, dass ein Großteil der Zuschauer in Montreal unter 30 waren und dass dieses Publikum immer noch über JFK redet. Es ist ziemlich sicher ein Stück, das sich auch für Opern-Einsteiger eignet. Die Oper generell  ändert sich. Wir alle sind interessiert an neuen Stories, die in einer lebendigen, frischen Art und Weise erzählt werden.  Royce Vavrek und ich gingen entsprechend auch an diesen »Auftrag« heran. JFK ist bewusst nicht linear konzipiert, enthält surreale Momente und erforscht auch die dunkleren Seiten in Kennedys Leben: den Kampf gegen die Sucht, Untreue oder auch den tragischen Verlust von zwei Kindern. Wir bemühten uns darum, John F. Kennedy eben nicht auf ein Podest zu stellen, von dem aus wir ihm huldigen und ihn verehren können, sondern ihn zu vermenschlichen – indem wir Jack und Jackie auf Augenhöhe zeigen, all ihre Hausforderungen, Schwierigkeiten und die Verletzungen ihrer Herzen sehen und verdeutlichen, dass sie letztlich auch Menschen wie du und ich waren.

Wäre Trump zur Entstehungszeit Ihrer Oper JFK bereits Präsident gewesen, hätte das für Sie etwas geändert?    

Aus heutiger Sicht gefällt mir bei JFK die Tatsache, dass deutlich wird, wie wichtig und gleichzeitig kompliziert es ist, Hoffnung zu wahren; wir müssen daran arbeiten. Hoffnung zu hegen, fiel einem im  Jahr 2016 – dem Jahr der Premiere – noch leichter. Genau deshalb fühlte sich Jacks Kampf für das Publikum damals etwas befremdlich an. Jetzt, 2019, wo man, wie ich denke, ganz objektiv und jenseits von Politik von weit weniger stabilen Zeiten sprechen kann, gibt sein hoffnungsvoller Kampf den unsrigen wider. In diesem Sinn könnte uns die Oper womöglich dazu inspirieren und motivieren, nicht aufzugeben.

Komponist David T. Little und Librettist Royce Vavrek sind beide am Sonntag zur Premiere im martini-Park anwesend!

www.staatstheater-augsburg.de


Foto David T. Little: Merri Cyr
Fotos der Inszenierung: Jan-Pieter Fuhr

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