Wahre Kunst

13. Juli 2015 - 14:38 | Patrick Bellgardt

Das Werk des Augsburger Fotografen Helmut Hien sucht seinesgleichen. Seine analogen Porträtfotografien faszinieren in klassischem Schwarz-Weiß.

Ein großer Ansturm herrscht an diesem Donnerstag im Mai bei der Vernissage in der Galerie MZ. Dicht an dicht stehen die Kunstinteressierten zusammen, nach und nach drängen weitere Gäste herein. Galerist Martin Ziegelmayr kommt aus dem Händeschütteln gar nicht mehr heraus, die bereitgestellten Weingläser reichen längst nicht mehr aus. Eröffnet wird die Ausstellung »Künstlerporträts« des Augsburger Fotografen Helmut Hien.

Wenige Tage später treffe ich die beiden Hauptprotagonisten dieses Abends in der nun fast schon andächtig ruhigen Galerie MZ. Von der Wand blickt eine illustre Reihe in den Raum, eine Art Hall of Fame der Musik-, Film und Kunstgeschichte. Frank Zappa, Mick Jagger und Manfred Mann sind hier ebenso vertreten wie Lord Yehudi Menuhin, Jeanne Moreau, Jörg Immendorff oder Markus Lüpertz. Gut und gerne 300 erstklassige Porträtfotografien hätte Hien zeigen können. 30 sind es letztendlich nach gemeinsamer Auswahl mit Ziegelmayr geworden. Der Galerist war maßgeblich an der exzellenten Zusammenstellung beteiligt.

»Photographenmeister« Hien – diese »historische« Schreibweise wählt er nicht ohne Grund – ist nach seinem Studium an der Bayerischen Staatslehranstalt für Photographie in München von 1972 bis 1977 im elterlichen Betrieb »Foto-Ruess« am Obstmarkt tätig. Nach dem Tod seines Vaters 2010 gibt er das Geschäft auf. Diese Tätigkeit, so erklärt er heute, »war die Pflicht, die Porträtfotografie die Kür«. Viele der in der Galerie MZ gezeigten Bilder sind Auftragswerke von Fachzeitschriften wie dem Musikexpress, mit dem er lange Jahre intensiv zusammenarbeitete. Andere wiederum sind freie Arbeiten, Selbstbeauftragungen sozusagen.

Doch warum gerade Musiker, Maler, Schriftsteller, Schauspieler? Mit Künstlern zu arbeiten ist für Hien grundsätzlich interessanter als mit Politikern oder Managern. Die künstlerischen Leistungen, die Passion, das Außergewöhnliche, das ist es, was ihn an diesen Menschen interessiert. Beim Fotografieren beobachtet er die Personen genau, Regieanweisungen gibt er nur, wenn er es unbedingt für nötig hält. Ein Großteil seiner Werke entsteht dort, wo er die Künstler trifft. Kleine Details der Umgebung bezieht er mit ein, im Mittelpunkt steht jedoch die porträtierte Person. Die Schwarz-Weiß-Fotografie bietet hierfür perfekte Voraussetzungen – eine Reduktion auf das Wesentliche. Alles Bunte, Grelle, Glatte, Verschnörkelte ist seinen Arbeiten fremd.

Mit seiner Kamera, einer Hasselblad 500C/M Mittelformat, ist Hien dem Analogen bis heute treu geblieben. Damit stellt er sich gegen eine – wie er es nennt – starke Verarmung der Medienlandschaft durch die Digitalfotografie: »Wenn ein Bildreporter nach 90 Minuten Bundesligafußball circa drei Stunden damit beschäftigt ist, Tausende von Aufnahmen zu löschen und zu sortieren, stimmt das Verhältnis einfach nicht mehr. Zum anderen bin ich ein konservativer Mensch: Ich bleibe bei dem, was sich bewährt hat.« 

»Danke für das großartige Foto! Fotos müssen wahr sein, und dieses ist wahr«, schrieb ihm Janosch 1994. Hien gelingt es, das Innenleben der Menschen in seiner minimalistischen Bildsprache zu erfassen. Ästhetik ist für ihn Anspruch und Verpflichtung zugleich. Wenig verwunderlich, dass das Werk der beiden großen Fotografen Robert Mapplethorpe und Cecil Beaton zu seinen persönlichen Favoriten zählt. Eine Liste an Wunschkandidaten für zukünftige Porträts hat Hien indes nicht. »Die Menschen, die ich gerne noch fotografiert hätte, weilen leider nicht mehr unter uns, beispielsweise Käthe Kollwitz, Salvador Dalí oder Pablo Picasso.« Was auf ihn zukommt, was sich ergibt, werde er prüfen, sagt er in seiner ruhigen, fast schon zurückhaltenden Art. Die Geschichten hinter seinen Bildern könnten derweil Bände füllen.

Foto: Je nach Stimmung hört Hien klassische Musik, Blues und – nicht zu vergessen – Hardrock. Der Fotograf ist Motörhead-Fan. Erstmals live sieht er die britische Band 1991 in der Augsburger Schwabenhalle. Vor dem dortigen Konzert entsteht ein erstes Porträt von Lemmy Kilmister. Das hier abgebildete Foto schießt Hien jedoch erst Ende der 90er-Jahre vor einem Gig in Kaufbeuren, wo er die Gelegenheit wahrnimmt und auch die Bandkollegen des Rockstars ablichtet. Arrangiert ist bei diesem Foto nichts, es ist einfach ein perfekter Moment, den er hier einfängt. Hien erinnert sich gerne zurück: »Lemmy Kilmister ist fotografisch sehr interessiert. Außerdem hat er einen sehr festen Händedruck – den intensivsten, den ich kenne.«

Auf Seite 4 unserer aktuellen Ausgabe präsentieren wir Ihnen nicht nur drei ausgewählte Künstlerporträts, sondern auch die Geschichten dahinter. Herzlichen Dank an Helmut Hien, der uns die Fotografien ohne Zögern zur Verfügung gestellt hat.

 

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