Ausstellungen & Kunstprojekte

Wahre Menschen

Iacov Grinberg
24. November 2015

Wir Erwachsene eilen zielstrebig durch die Stadt von A nach B und bemerken selten etwas unterwegs. Nur kleine Kinder und Hunde, so der Volksmund, können viel Interessantes unterwegs finden. Es gibt aber noch eine seltene Spezies, die unterwegs in einer Stadt etwas sehen und auch anderen zeigen möchte. Das sind Straßenfotografen. Einer dieser Gattung, Fabian Schreyer, hat schon zum dritten Mal eine Ausstellung seiner Fotografien im Anna-Café eröffnet.

Straßenfotografie fordert von denjenigen, die sie betreiben, nicht nur einen sehr guten künstlerischen Geschmack, sondern auch die Fähigkeit in der flüchtigen und ständig veränderten Mischung von Menschen, Tieren und Objekten in städtischer Umgebung sehr schnell Interessantes auszusondern und in der richtigen Millisekunde auf den Auslöser zu drücken. Straßenfotografie ist auch sehr schwer, da Tiere, Objekte und Gebäude kein Interesse und keine Scheu vor der Fotokamera haben, Menschen dagegen benehmen sich eher unnatürlich, wenn sie einen Mensch, der eine Kamera auf sie richtet, bemerken. Man betreibt viele Tricks, um unbemerkt zu bleiben. Ich erinnere mich an eine Erfindung, eine Attrappe von alten zweiäugigen Rolleiflex, wo man von oben und nicht direkt auf den zu fotografierenden Menschen schaut.

Die ausgestellten Fotografien wurden in Venedig, in der Stadt, die Fabian Schreyer liebt, gemacht. Nicht auf den für eine Stadtführung üblichen Plätzen, sondern in einer lebendigen Stadt mit alten Häusern, Palästen und ihren heutigen Bewohnern und Gästen, wo es fast keine Autos, aber sehr viel Fußgänger und eine tolle Mischung aus Altem und Modernen gibt.

Straßenfotografie ist keinesfalls inszeniert, sie zeigt das von Fotografen bemerkte natürliche Benehmen der Menschen. Und ist heute deshalb in Gefahr. Nach der heutigen Gesetzgebung soll man von der abgebildeten Person ihre Zustimmung für eine Veröffentlichung einer Abbildung, auf der sie erkennbar ist, bekommen, was sehr schwer und oft fast unmöglich ist. Die auf den ausgestellten Fotografien erkennbar abgebildeten Menschen wissen nicht, dass sie in einer weit entfernter Stadt wie Augsburg erkennbar ausgestellt sind. Diese Fotografien in Venedig auszustellen könnte schon äußerst problematisch sein.

Ich selbst liebe die Straßenfotografie. Vielleicht liegt der Ursprung dieser Liebe in meinem ersten großen ästhetischen Erlebnis, der Ausstellung INTERPRESSFOTO-66, die ich als Junge gesehen habe und einige der Fotos ich bis heute in Gedächtnis habe. Die ausgestellten Fotografien erinnern mich an diese Klassik der Fotokunst. Ich empfehle Ihnen diese kleine, durch die Ausmaße der Wände des Anna-Cafés begrenzte Ausstellung anzuschauen. Das ist noch bis zum 30. Januar möglich.
(Iacov Grinberg)

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