Walzahn und Integration

29. Mai 2016 - 8:43 | Martin Schmidt

Die Ausstellung »Im Übergang« zeigt zeitaktuell jüdisches Leben in Augsburg: Selber eine Minorität, integriert die jüdische Gemeinde seit 20 Jahren eine Majorität in die eigenen Reihen.

Nach 1990 kamen in wenigen Jahren mehr als 1.200 Juden aus den Gebieten der ehemaligen Sowjetunion nach Augsburg. Und veränderten die bis dahin knapp 200 Mitglieder zählende jüdische Gemeinde und das jüdische Leben in der Stadt grundlegend. Die Ausstellung »Im Übergang. Jüdische Gegenwart, 1990 – 2010« porträtiert die Zuwanderer und fragt, wie sich die prägende biografische Erfahrung dieses Aufbruchs ausgewirkt hat. Die Schau unter der Schirmherrschaft von Dr. h.c. Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, ist der vierte und letzte Teil der Ausstellungsreihe »Jüdisches Leben in Augsburg nach der Katastrophe«, bevor die Augsburger Synagoge 2017 das 100-jährige Jubiläum ihrer Einweihung begehen wird.

»Wir möchten zeigen, mit was die Menschen im Gepäck gekommen sind«, so Museumsleiterin Dr. Benigna Schönhagen: »Was bringen sie an Erfahrungen, an Leistungen, an Biografie mit?« Die Ausstellung macht dieses unsichtbare Gepäck in einer Sammlung oft sehr persönlicher, aber hochsymbolischer und beredtsamer Exponate sichtbar. Sie erzählen die Geschichten und Schicksale jener, deren Lebenslinien sich heute im Augsburger Gemeindeleben kreuzen. Ein Gemeindemitglied kann mit einem Foto aufwarten, das ihn zusammen mit dem Kosmonauten Juri Gagarin zeigt: Der heute in Augsburg lebende, einstige Sowjetbürger arbeitete mit Gagarin auf derselben Raumstation. Ein anderer ist ein unbekannter Held Tschernobyls, er sorgte einst dafür, dass trotz der damaligen Nachrichtensperre während des Unglücks Schwangere und Kinder evakuiert wurden. Von weiteren Geheimnissen künden Ausstellungsobjekte wie ein Walfischzahn oder ein mit Orden verziertes Jackett.

Die Kuratoren der Ausstellung, Museumsleiterin Schönhagen und Marc Wrasse, Berlin profitierten hier vom direkten Draht des Museums zur Kultusgemeinde: Das Augsburger Museum ist neben dem Centrum Judaicum in Berlin das einzige Jüdische Museum in Deutschland, das in einer aktiv betriebenen Synagoge untergebracht ist; ins Museumsteam sind Gemeindemitglieder mit integriert (zum Beispiel am Empfang). 

Integration durch Wandel, Wandel durch Integration

Einen zentralen Teil der Ausstellung bilden Video-Interviews, dargebracht auf zwei Monitoren. Drei Zuwanderergenerationen kommen zu Wort – mit ihren jeweils eigenen Befindlichkeiten. Interviewt wurden auch der Rabbiner der Augsburger Gemeinde und Ehrenbürger der Stadt Augsburg, Dr. Henry G. Brandt, und der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. Josef
Schuster. Beide zu Fragen wie: Gibt es Unterschiede in der Ankunft und Integration der Gemeinden in ganz Deutschland? Wo ist es leichter, wo ist es schwerer?

Zeigten die ersten drei Teile der Ausstellungsreihe die Probleme von Ankunft und Integration einer jüdischen Minorität in Deutschland, porträtiert nun der vierte Teil, wie eine Minorität intern eine Majorität integriert. Die Gemeindezeitung »Der Anzeiger« ist zu zwei Dritteln auf Russisch, gleichzeitig finden in der Synagoge, die nicht nur Kultusstätte, sondern auch sozialer Treffpunkt ist, Deutschkurse für die Zuwanderer statt.
»Die Zuwanderer müssen wirklich eine doppelte Integration leisten«, so Schönhagen. Denn die Migranten aus Russland müssen sich als oftmals nicht religiös Aufgewachsene in einer religiösen Gemeinde integrieren – und gleichzeitig auch in die zivile, nicht jüdische, deutsche Gesellschaft. »Wir könnten auch lernen für die heutige Frage von Migration: Wie integriert man?«, so Schönhagen. »Denn wir haben hier eine Integration, die schon 20 Jahre läuft. Man kann eigentlich schon sehen: Wo hat es geklappt und wo hapert es?« Dies macht »Im Übergang« zu einer hochaktuellen wie einblicksreichen Ausstellung. Begleitend erscheint ein Katalog auf Deutsch und Russisch. (Martin Schmidt)

Die Ausstellung wird am Mittwoch, 1. Juni, 19:30 Uhr, im Foyer des Jüdischen Kulturmuseums Augsburg-Schwaben eröffnet. Die beiden Kuratoren, Marc Wrasse und Museumsleiterin Dr. Benigna Schönhagen, geben eine Einführung. Reiner Erben, Referent für Umwelt, Soziales und  Migration, und Alexander Mazo, Präsident der Kultusgemeinde, sprechen Grußworte. Ausstellungsdauer: 2. Juni – 11. Dezember. www.jkmas.de
Foto: Den Zahn eines Buckelwals verzierte Dimitri Tsoukerman während seiner Zeit auf einem Walfängerschiff. (Foto: Jüdisches Kulturmuseum Augsburg-Schwaben/Franz Kimmel)

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