Was du brauchst, ist Stille

28. Juli 2017 - 8:44 | Janina Kölbl

Ein Gespräch mit Oleg Melnichuk, dem AiR17 der Reihe »Welcome in der Friedensstadt«

Oleg Melnichuk ist ein umtriebiger Künstler. Zwischen drei Wohnsitzen pendelt der Regisseur, um seine Projekte zu verwirklichen. Als diesjähriger Artist in Residence des Vereins Hoher Weg lebt der Regisseur rund vier Wochen in Augsburg. Hier ist das Dachappartement des Sensemble Theaters Melnichuks Arbeits- und Wohnstätte auf Zeit. Janina Kölbl sprach mit ihm über seine Heimat Czernowitz, Inspirationsquellen und die deutschsprachige Literatur.

Oleg, du bist zum ersten Mal in Deutschland.
Ja. Im Gegensatz zu meinem Dolmetscher habe ich erst wenig von Deutschland gesehen. Während meines bisherigen Aufenthalts war ich zum Beispiel schon in München und Ingolstadt unterwegs und habe mir unter anderem die Audi-Werke angeschaut.

Du kommst aus der Bukowina, einer Grenzregion zwischen Rumänien und der Ukraine. Wie war es, dort aufzuwachsen?
Es ist schon sehr spannend, dort groß zu werden. Man tritt mit so vielen unterschiedlichen Menschen in Kontakt. Wenn ich etwas über meine Kindheit erzähle, dann erzähle ich unweigerlich etwas über Czernowitz – die Stadt, in der ich aufgewachsen bin und heute noch lebe. Czernowitz ist in etwa so groß wie Augsburg und äußerst multikulturell und polyethnisch. In dem Haus, in dem ich aufgewachsen bin, wurden mehrere Sprachen gesprochen. Da hörte ich täglich unter anderem Ukrainisch, Russisch, Rumänisch, Jiddisch oder Polnisch.

Beherrschst du all diese Sprachen?
Nein, leider nicht. Auch wenn wir aufgrund unserer Grenzlage so viele multikulturelle Einflüsse haben, spreche ich nur Ukrainisch und Russisch wirklich fließend. Rumänisch verstehe ich allerdings sehr gut.

Siehst du große Unterschiede zwischen Deutschland und der Ukraine?
Eine schwierige Frage. Menschen sind Menschen. Wenn man Unterschiede sucht, würde ich das Geistige weglassen. Menschen können hier wie dort über etwas lachen, sich ärgern, sie können gutmütig sein, sie lieben ihre Kinder oder sie weinen, wenn sie einen Verwandten verlieren. Das ist überall gleich. Überhaupt: Ich kann nicht sagen, dass ich eine Person eines Staates bin – ich bin ein Kosmopolit.

Wie bist du zum Theater gekommen?
Im Alter von zehn Jahren habe ich angefangen, an einem Kindertheater zu spielen. Danach war ich immer wieder für die unterschiedlichsten Rollen an verschiedenen Theatern beschäftigt.

Du warst also Schauspieler. Wieso wolltest du dann ausgerechnet Regisseur werden?
Ich fühlte mich nach einiger Zeit nicht mehr wohl als Darsteller. Ich wollte nicht mehr etwas spielen, mit dem ich mich selbst nicht vollkommen identifizieren konnte. So kreierte ich irgendwann meine eigenen Stücke und studierte fünf Jahre lang Regie am Theaterinstitut in Kiew.

Woher nimmst du die Inspiration für deine Arbeit?
Das erste was du brauchst, ist Stille. Nur wenn du Stille erreichst, beginnst du alles, was um dich ist, zu fühlen. Du fängst an zu verstehen, was um dich herum passiert. Es gibt ein paar wenige Sekunden im Leben, da verstehst du, dass du eins mit der Welt bist. Du verstehst in diesem Moment alles, was auf der Welt geschieht.

Wie kommt man zu diesem Lebensgefühl?
Irgendwann macht man einfach diese Erfahrung.

Während deiner Zeit in Augsburg teilst du dir das Appartement mit deinem Dolmetscher Marko Kulyk.
Das ist für mich kein Problem. Es ist dort oben unter dem Dach des Sensemble Theaters sogar sehr romantisch (lacht). Wir kannten uns zuvor nicht. Uns verbindet jedoch eine Art von Seelenverwandtschaft, das habe ich gleich gemerkt. Als wir uns das erste Mal trafen, hatte ich den Eindruck, dass wir uns schon seit einer Ewigkeit kennen.

Gefällt dir Augsburg?
Es ist eine Stadt mit einer eigenen Aura. Ich könnte mir durchaus vorstellen, hier zu leben.

Man kann daraus schließen, dass du keine Familie hast?
Doch, die habe ich. Ich bin verheiratet und habe zwei Kinder. Da ich aber viel am Pendeln bin, sehe ich sie leider viel zu wenig. Ich würde sagen, dass ich in drei verschiedenen Städten lebe: Czernowitz, Kiew und Berehowe – dort arbeite ich an verschiedenen Theatern. Bei mir ist es nämlich so: Wo ich arbeite, da bin ich auch zu Hause.

Was machst du, wenn du nicht gerade als Regisseur arbeitest?
Ich versuche, viel Zeit mit meinen Kindern zu verbringen. Leider ist diese Zeit sehr begrenzt. Meine Interessen sind sehr breit gefächert und reichen über Musik und Literatur bis hin zur Malerei. Es ist jedoch immer so: Wenn ich mich mit etwas beschäftige, beeinflusst das auch die Komposition meiner Theaterstücke. In letzter Zeit lese ich ziemlich viel von deutschsprachigen Autoren wie Paul Celan, Thomas Bernhard, Ingeborg Bachmann oder Rose Ausländer.

Welche Musik hörst du?
Ich habe einen großen Bezug zur deutschsprachigen Literatur, und das spiegelt sich bei mir auch in der Musik wider. Ich höre sehr viel klassische Musik von Gustav Mahler bis hin zu Mozart – der darf in keiner guten Musiksammlung fehlen. Trotzdem mag ich auch Ethnosounds oder die Minimal Music von John Cage.


Der AiR 2017 heißt Oleg Melnichuk und ist Theatermacher. Er lebt vorwiegend in den ukrainischen Städten Kiew und Czernowitz und wurde vom Sensemble Theater als Artist in Residence für die Reihe »Welcome in der Friedensstadt« der Initiative Hoher Weg ausgewählt. Folgerichtig produziert unser AiR als Regisseur gemeinsam mit und in diesem freien Theater das Projekt Traumwäscherei. Die Inszenierung ist im Rahmen des Hohen Friedensfestes am 2. und 3. August im Sensemble Theater zu sehen. Beginn ist jeweils um 20:30 Uhr.

www.sensemble.de
www.welcome-in-der-friedensstadt.de

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