Was für den Kunstsommer

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26. Juli 2019 - 8:25 | Bettina Kohlen

Nach München, an den Chiemsee oder einfach in der Region: Gute Kunst kann man an vielen Orten erleben. Hier kommen ein paar Vorschläge für die nächsten Wochen.

Im Münchner Bermudadreieck der Kunst zwischen Königsplatz und Maxvorstadt gibt fast immer mindestens eine gute Ausstellung. Das Münchner Lenbachhaus hat im unterirdischen Kunstbau eine Begegnung der Werke von Maria Lassnig und Martin Kippenberger arrangiert. Für beide Künstler*innen ist der eigene Körper und dessen Inszenierung zentraler Punkt ihres Schaffens. Dabei gehen sie – oft ironisch – auf Distanz zu ihrer Hinfälligkeit und Verletzlichkeit. Hierzu gehört auch die Auseinandersetzung mit Gender-Zuschreibungen. Aber keine Spur einer Ichbinhochbedeutend-Attitüde … Keinesfalls versäumen.

Das Museum Brandhorst agiert seit zehn Jahren, es war also Zeit für einen neuen Blick auf und in die stetig wachsende Sammlung, die derzeit etwa 1.200 Arbeiten umfasst – beinahe doppelt so viel wie zu Beginn. Staatliche oder kommunale Häuser können davon nur träumen … Unter dem Motto »Forever young« werden nun Arbeiten von 44 Künstlerinnen und Künstlern gezeigt, manche waren bereits zuvor an Ort und Stelle, andere sind erstmals zu sehen. Das Obergeschoss bleibt wie bisher Cy Twombly gewidmet, doch in den beiden unteren Etagen hat sich die Perspektive politically correct deutlich verschoben, ist globaler und weiblicher geworden. Frauen wie Cady Noland und Louise Lawler rücken in den Fokus und nichtweiße Männer wie der kürzlich mit dem Goldenen Löwen der Venedig-Biennale geehrte Arthur Jafa.

Wer genug vom Urbanen hat, reist eben aufs Land, an den Chiemsee vielleicht? Wem da der Sinn nicht (nur) nach weiß-blauer Tradition und König Ludwig steht, wird auf der Insel Herrenchiemsee fündig. Im dortigen Schloss zeigt die Pinakothek der Moderne während des Sommers Gegenwartskunst. Schauplatz sind die nicht mehr fertiggestellten Räume mit ihren rohen Ziegelwänden. Hier lässt sich eine Kunsterfahrung machen, die sich deutlich von der im üblichen White Cube unterscheidet. Beeindruckend und alle Sinne ansprechend sind Wolfgang Laibs monumentale Bienenwachsskulpturen »Ohne Anfang und ohne Ende«. Auch Dan Flavins Lichtskulpturen interagieren wunderbar mit der rauen Umgebung. Da es ab dem nächsten Jahr wohl erst einmal mit diesem Erlebnis vorbei sein wird, sollte man diese letzte Gelegenheit nutzen, oder?

Auch Aichach sollte man auf dem Schirm haben. Der dortige Kunstverein bespielt regelmäßig den Köglturm und das SanDepot mit bemerkenswerten Ausstellungen. Aktuell zeigt die Berliner Künstlerin Isabel Kerkermeier dort Planen, Skulpturen und Collagen. Sie arbeitet vor allem mit vorgefundenen Materialien und Objekten. Aus zierlichem Stahlrohr-Gartenmobiliar entstehen raumgreifende und raumbildende durchlässige Skulpturen, die sich je nach Standpunkt und Lichteinfall verändern. Das Metall wird gebogen, mit Schnüren und Drähten zusammengehalten und in Balance gebracht. Kerkermeiers Objekte erlauben Durchblicke, haben aber zugleich eine zeichnerische Komponente, sie spielen als Vexierbilder mit Fläche und Raum. Aus gebrauchten Werbeplanen entwickelt Kerkermeier in Anlehnung an Traditionen des textilen Arbeitens durchscheinende Systeme aus waagerechten und senkrechten Linien. Sie zieht Fäden, schneidet Löcher, zerfasert das widerborstige Material, sodass nicht nur die ursprüngliche Materialität transformiert wird, sondern auch die ehemalige Werbebotschaft. Kerkermeier zeigt in ihren Arbeiten die Vielschichtigkeit und Durchlässigkeit nicht nur der Materialien, sondern bezieht auch die Geschichte der Objekte in den Schaffensprozess ein. Von Bedeutung ist aber ebenso die Zeit des Schaffens selbst. Sehr schlüssig, sehr sehenswert.

In Augsburg setzt die Ecke Galerie auf das große Format als gemeinsamen Nenner der aktuellen Schau. Da stehen und hängen einige spannende Arbeiten, die sich jedoch aufgrund eben dieses Formats die Luft nehmen. Warum sind gerade diese Werke zu sehen? Was bei der Reihe des »Kleinen Formats« allein durch die Fülle der Objekte schlüssige Substanz gewinnt, klappt mit diesen wenigen Großformaten nicht. Schade. Doch es gibt noch ein wunderbares Bonbon: eine kleine Sonderschau, die der viel zu früh verstorbenen Burga Endhardt gewidmet ist.

Noch was im Freien: Die Galeristen Anette Urban und Wolfgang Reichert bereichern die Augsburger Kunstlandschaft seit vielen Jahren mit Objekten im Außenraum. In diesem Sommer besiedelt eine Brecht-Kompanie von Ottmar Hörl den Park des Gögginger Kurhauses, die zwar als Conversation Piece taugt, ansonsten aber nicht überzeugt. Hörls Grundkonzept hat sich mittlerweile etwas abgenutzt und wirkt ziemlich platt. Ein Spaziergang zwischen den brechtigen Zwergen lohnt sich dennoch. Freiluftkunst bietet auch der schöne Obstgarten der Buchegger-Villa im Thelottviertel, ebenfalls inszeniert von Urban und Reichert. Guido Weggenmann entführt hier ins »Candyland«, das von bonbonartigen geometrischen Objekten bewohnt wird, eine Installation auf der grünen Wiese. Im Haus gibt es darüber hinaus kleine Arbeiten zu sehen.

Zu guter Letzt: Noa Yekutielis Schau im Kunstverein Augsburg geht erfreulicherweise in die Verlängerung. Wer also noch nicht da war, kann dies bis zum 18. August nachholen – auch im Rahmen einer Führung.

Foto: Isabel Kerkermeier »Diaphane« – Blick in die Ausstellung, Kunstverein Aichach 2019

www.lenbachhaus.de
Body Check. Martin Kippenberger. Maria Lassnig bis 15. September im Lenbachhaus Kunstbau

www.museum-brandhorst.de
Forever Young – 10 Jahre Museum Brandhorst bis 26. April 2020

www.pinakothek.de
Königsklasse IV. Gegenwartskunst in Schloss Herrenchiemsee. Von Dan Flavin bis Wolfgang Laib bis 3. Oktober im Schloss Herrenchiemsee

www.kunstverein.aichach.de
Isabel Kerkermeier: Diaphane bis 25.August im SanDepot Aichach

www.eckegalerie.de
das große format 2 bis 3. August

www.maxgalerie.de
Bert Brecht – per aspera ad astra: Skulptureninstallation von Ottmar Hörl bis 29. September im Park des Gögginger Kurhauses | Guido Weggenmann: Candyland bis 26. Oktober im Garten der Buchegger-Villa

www.kunstverein-augsburg.de
Noa Yekutieli: Degrees of Separation verlängert bis 18. August | Führungen am 1. August, 17 Uhr, und am 7. August, 18 Uhr im Holbeinhaus

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