Literatur

Was tat Vater in Polen?

Dieter Ferdinand
18. Februar 2020

»… vor’m Griag, em Griag, noch’m Griag«: vor, im, nach dem Krieg. So teilten Lenas Eltern ihre Zeit ein. Gertrud Scheuberth, geboren 1952 in Augsburg, berichtet und benutzt für sich den Namen Lena. Die Familie wohnt in der Gartenstadt Spickel, am Rand des Siebentischwaldes.

Lena und ihr Vater begegnen im Wald fremdartigen Tieren; »des san Luchse«. Weiter geht’s zum »Märchenschloss« Wasserwerk nahe Hochablass. In die Stadt laufen sie, am Roten Tor vorbei zum Rathaus, zum Dom – »hier im Dom versteht der Vater alles« – und auch häufig in die schöne Synagoge.

Mutter Maria bleibt meist zu Hause. Vater war Buchdrucker und nach dem Krieg nicht mehr arbeitsfähig. Mutter arbeitete als Verkäuferin beim Rübsamen. Lena geht in die Grundschule im Spickel, später zur Realschule, macht ihr Abitur, studiert in Tübingen Germanistik, Geschichte und Politik. Foto, klick hier zum Vergrößern: Gertrud Scheuberth vor dem Haus ihrer Eltern im Spickel, Augsburg 2017, © Michael Friedrichs

Manche Worte und Verhaltensweisen Vaters irritieren Lena. Beim Studium liest sie viele Bücher über die Nazizeit. Sie ist vorsichtig mit endgültigen Urteilen. Die Witwe eines Kriegskameraden sagt, der Vater war ein höheres »Viech«, habe »niemand nix dua«. Er sei aber »in der Es-Es g’wesn«. Vater spricht von »Hilfspolizei«. Diese hatte auch Verbindung zur SS.

Den Kniefall Willy Brandts vor dem Heldendenkmal im Warschauer Ghetto sieht Vater im Fernseher und weint; »darauf habe er sein Leben lang gewartet«. Lena liest vom Aufstand im Warschauer Ghetto. Wenigstens hätten sich »die Juden gewehrt, sind nicht nur Opfer gewesen!« Vater war 1942 nach Poznan (Posen) versetzt worden. Was tat er dort? Bei zuhause gefundenen Unterlagen fehlen die Jahre 1941 – 1944. »Fort mit Schad’n«, sagte Mutter häufig. Hat sie »Beschwiegenes« vernichtet? Foto, klick hier zum Vergrößern: Plan von Warschau mit eingezeichnetem Ghetto (Diasporamuseum Tel Aviv, © Gertrud Scheuberth, 1/2000)

Als Studienrätin in Tübingen zeigt Lena ihren Schüler*innen einen Film über die Augsburger Widerstandskämpferin Anna Pröll. Das Verhaftungsdokument hatte Josef Gottesgnad unterzeichnet, der Vater von Lenas Tante Marina.

»Auf den Tag genau vierzig Jahre nach der sogenannten Reichskristallnacht«, am 9. November 1978, ruft Mutter Lena, die gerade von einem Studienaufenthalt in der DDR zurückgekommen war, an. Sie müsse sofort kommen, Vater Johann liege im Krankenhaus. Nach dem zweiten Schlaganfall stirbt er kurz nach Weihnachten. In seinem Wehrpass steht: »Rottwachtmeister der Reserve«. Im Elternhaus findet Lena Kuchengabeln und einen Silberlöffel. »Angeeignet« hatte Vater dazu gesagt. Mit der Straßenbahnlinie 6 waren Mutter und Lena in die Stadt gefahren. »Die Namen Landauer und Schocken stehen nicht mehr an den Kaufhäusern«. Lena liest »Zentralkaufhaus«, daneben »Merkur«, später »Horten«. Krankheit und Tod der Mutter kamen schnell. Inzwischen hatte Lena eine Familie gegründet.

Eine Reise nach Israel bringt keine Klarheit über Vater. Vielleicht sei er gar nicht in die Kämpfe verwickelt gewesen, sondern ergänzte am Schreibtisch die Zahlen nach jedem Kampfeinsatz. Und: »Es ist gut, dass es die israelische Friedensbewegung gibt«. Lena findet das Dokument über die Einstellung des Entnazifizierungsverfahrens gegen Vater durch die Amerikaner gegen 300 Mark.

Im April 1937 heirateten die Eltern in St. Ottilien im Emminger Hof. Lena entdeckt später verwundert am Klosterfriedhof jüdische Gräber: »jüdische Grabsteine, osteuropäisch klingende Namen, hebräische Schriftzeichen, religiöse Symbole… alle starben nach 1945.« Onkel Heinrich, Vaters Bruder, Lokführer, berichtete über seine Transporte nach Osten: Im Krieg »ham mir Deidsche geg’n die Jud’n kämpft«. »Dieses Augsburg ist nicht meine Stadt«, denkt Lena. Es sei die Stadt von Johann und Marie, »die Stadt ihrer glücklichen Jahre«. Foto, klick hier zum Vergrößern: Marie und Johann 1935 (Nachlass Johann Scheuberth, 1935, © privat)

Im letzten Kapitel legt die Autorin den Namen Lena ab und wechselt in die Ich-Form. In der Bibliothek des Seminars für Zeitgeschichte der Uni Augsburg findet sie ein Buch von mehr als 1.000 Seiten. »Allein in Posen gab es über 1.000 Polizisten.« Auf einem Foto ähnelt ein Polizist ohne Waffe ihrem Vater. »So darf ich an der Fantasie festhalten, dass mein Vater kein Mörder war. Es ist möglich.« Nicht erwiesen, aber möglich sei auch, dass Vater als Polizist »an der Ermordung von 150.000 jüdischen Menschen« im Vernichtungslager Chelmno teilnahm.

Gertrud Scheuberth – Das blaue Gehwegschild, mit Nachwort von Peter Fassl (Bezirksheimatpfleger des Regierungsbezirks Schwaben), Theologischer Verlag Tübingen, 2019, 209 Seiten, 15 Euro, ISBN: 978-3929128-60-4

www.tvt-verlag.de

Am Donnerstag, 5. März, findet eine Lesung mit Gertrud Scheuberth bei Bücher Pustet in Augsburg statt. Die Autorin liest aus ihrem Buch »Das blaue Gehwegschild«, es moderiert Dr. Michael Friedrichs. Beginn: 19 Uhr, Eintritt: 5 Euro.

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