Theater & Bühne

Was wir denken, hat Folgen

Dieter Ferdinand
1. Oktober 2020

Willkommen im coronagerecht ausgestatteten psychiatrischen Sanatorium »PARK MARTINI«. Wir empfangen bevorzugt zahlungskräftige Patient*innen und sortieren sie nach Merkmalen. Frau Dr. Mathilde von Zahnd begrüßt Sie persönlich. Nehmen Sie bitte am Eingang unsere Broschüre mit.

So könnten die Besucher*innen in Friedrich Dürrenmatts »Physiker« begrüßt werden. Die Bühne ist zur weißen Heilstätte verwandelt: Desinfektion, Masken; drei Patienten waschen dreimal ihre Hände zu dem Lied »Happy Birthday«. Gemeinsamer Gesang, den Frau Doktor (Ute Fiedler) anleitet; wiederholt psychedelische Musik und nervenheilende Lichtprojektionen.

Anwesend ist ein Inspektor (Andrej Kaminsky); denn einer der Patienten, Isaac Newton (Gerald Fiedler) hat seine Krankenschwester umgebracht. Dann ein weiterer »Unglücksfall«: Albert Einstein (Klaus Müller), der Sensibelste, tötete seine Pflegerin. Nur Geigenspiel mit Klavierbegleitung durch Frau Doktor kann ihn beruhigen. Johann Wilhelm Möbius (Sebastian Müller-Stahl), der Dritte, hat sich zurückgezogen. Ihm erscheint der arme König Salomo. Dieser habe ihm befohlen, seine geliebte Pflegerin, die mit ihm fliehen will, zu erwürgen, damit sein Geheimnis nicht in die Welt kommt: die Weltformel, mit deren Kenntnis die Menschheit ausgerottet werden kann. Später sieht er ein: »Was wir denken, hat seine Folgen.«

Sicherheitshalber sind für die ermordeten Schwestern drei Pfleger gekommen, die zackig mit Stechschritt und schwarzen Stiefeln durch den Raum marschieren. Newton und Einstein gestehen sich gegenseitig, dass sie in Wirklichkeit Agenten sich bekämpfender Geheimdienste sind. Mit Mühe und aus Not gelingt es Möbius, sie zum Bleiben in der Klinik zu veranlassen. Anders könne die Welt nicht gerettet werden: »Verrückt, aber weise« – »Gefangen, aber frei« – »Physiker, aber unschuldig«.

Da kommt Frau Doktor. Sie fürchtet, die Morde könnten auffliegen: »Mein Ruf ist hin, mein Herz ist schwer ...«, singt sie traurig. Dann aber zeigt sie, wer sie ist. Sie hat alles abgehört, ihr erscheint Salomo. Einstein: »Sie ist wahnsinnig geworden.« Der goldene König habe ihr befohlen, Möbius abzusetzen und an seiner Stelle zu herrschen, sagt sie. Dieses Haus sei kein Sanatorium mehr, sondern die Schatzkammer ihres Trusts. »Ich werde das System aller Erfindungen auswerten.«

Die drei Männer stellen sich noch einmal vor, beispielsweise Einstein, geboren 1879 in Ulm. Er hatte der amerikanischen Regierung empfohlen, die Atombombe zu bauen. Zum Schluss erklingt Wagners Walkürenritt (»Apocalypse now«).

Dürrenmatt brachte sein Stück 1962 auf dem Höhepunkt der Kubakrise heraus, als ein Atomkrieg unmittelbar drohte, und ein Jahr bevor Kennedy ermordet wurde.

Diese Inszenierung von Antje Thoms ist unbedingt sehenswert. Sie stellt unter anderem die Themen Macht und Ethik sowie die Verantwortung der Wissenschaft zur Diskussion. Alle Darsteller*innen agieren auf hohem Niveau. Den Besucher*innen bleibt die Frage, welche Gefahren Menschheit, Mitwelt und Erde heute bedrohen.

Weitere Termine unter:
www.staatstheater-augsburg.de/die_physiker

Foto oben (© Jan-Pieter Fuhr, klick hier um Vergrößern):
Bitte rührt mich nicht an – von links: Ute Fiedler (Frau Doktor Mathilde von Zahnd), Klaus Müller (Einstein), Andrej Kaminsky (
Inspektor)

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