Was würdest DU tun?

weisse_rose_theater_augsburg_pr.jpg
12. Oktober 2016 - 21:17 | Bettina Kohlen

Eine Oper als politisches Instrument: Die »Weiße Rose« gerät am Theater Augsburg zum eindringlichen Kammerspiel über die Frage von Mut und Haltung.

Hans und Sophie Scholl warten im Februar 1943 Im Gefängnis Stadelheim auf ihre Hinrichtung - diese Stunden nimmt Udo Zimmermanns Kammeroper in den Fokus. Eine Handlung gibt es nicht, das Bild entsteht aus der empfundenen Todesangst, der Verzweiflung, den Visionen und Träumen. Die szenisch miteinander verwobenen Texte entstammen vor allem Tagebucheinträgen der Geschwister.

Die beiden Protagonisten sind auf der Bühne nicht allein. Regisseurin Seollyeon Konwitschny stellt ihnen einen 15-köpfigen Bewegungschor gegenüber: eine Masse gleichgültig-brutaler Mitläufer, nicht erreichbar für die Appelle an ihre Menschlichkeit. Dazu kommen die 16 Musiker. Diese drangvolle Enge verdeutlicht umso mehr die Einsamkeit und Isolation der Inhaftierten. Die Musiker mit ihrer souveränen Dirigentin Corinna Niemeyer lassen Zimmermanns Musik an unseren Nerven zerren, Dissonanzen und schrille Überlagerungen schlagen förmlich auf den Zuhörer ein. Gleichwohl entwickelt sich in den lyrischen Parts eine seelenvolle Empathie. Gut! Giulio Alvise Caselli und Samantha Gaul als Geschwisterpaar, das den Tod vor Augen hat, lassen uns sehen, wie sie mutig und verzweifelt den Henker erwarten: Stark und lyrisch, schrill und schwach. Vor allem die ideal besetzte Samantha Gaul besticht, weicher Wohlklang gelingt ebenso wie klirrendes Strahlen, darüber hinaus verleiht sie Sophie Scholl auch in Wort und Bewegung nachdrücklich Gestalt. Hier ist ein Kammerspiel von großer Eindringlichkeit gelungen, das den Zuschauer nicht in Ruhe lässt, das ihn mit Klängen und Eindrücken traktiert, die körperlich zu spüren sind.

In Zeiten, in denen weltweit Menschenrechte verletzt werden, in denen Demokratie offenbar keinen allzu hohen Stellenwert hat, in denen Rechte mit Nazi-Jargon ziemlich ungefährdet agieren können, macht es Sinn, aufzuzeigen, wohin so eine Haltung schon einmal geführt hat. Hans und Sophie Scholl – Teil der Widerstandsbewegung Weiße Rose – versuchten mutig und überzeugt von der Notwendigkeit ihres Tuns, die Menschen in Nazi-Deutschland mit Flugblättern aus ihrer Gleichgültigkeit und Unmenschlichkeit aufzuwecken. Das Risiko ihres eigenen Todes nahmen sie in Kauf. Diese »Weiße Rose« verortet zwar das Geschehen im NS-Staat, weist aber darüber hinaus. Es geht um die Frage der eigenen Position. Wärst du Teil der gleichgültigen Masse? Oder hättest du den Mut, zu sagen: Nein?

Nächste Vorstellungen: 23. und 28. Oktober, 2. und 13. November

www.theater-augsburg.de

Weitere Positionen

18. September 2020 - 12:31 | Bettina Kohlen

Im schwäbischen Donautal sind seit 2018 ungewöhnliche Bauten am Wegesrand zu entdecken: Sieben Kapellen werden es am Ende sein – dank der Initiative der Siegfried und Elfriede Denzel Stiftung.

17. September 2020 - 9:52 | Gudrun Glock

Das Beste aus der Region vereinen: Die Genossenschaft »Herzstück Horgau« fördert Gemeinschaft, Genuss und Kultur.

15. September 2020 - 14:34 | Gast

»Leus Tierleben« – die Herbst-Ausstellung der Staats- und Stadtbibliothek Augsburg zeigt vom 16. September bis 6. November Werke des Augsburger Forschers Johann Friedrich Leu (1808–1882). Ein Gastbeitrag von Dr. Karl-Georg Pfändtner

14. September 2020 - 6:32 | Thomas Ferstl

Projektor – die a3kultur-Filmkolumne im September mit »The King’s Men: The Beginning« und »David Copperfield – Einmal Reichtum und zurück«

10. September 2020 - 13:30 | Gudrun Glock

a3regional-Buchtipp: »Asien vegetarisch. 120 Rezepte von Mumbai bis Peking« von Meera Sodha

7. September 2020 - 7:00 | a3redaktion

»Diversität« sollte längst eine Selbstverständlichkeit sein. Die Zukunft von Medien hängt davon ab. Ein Kommentar von Alfred Schmidt.

3. September 2020 - 6:43 | Bettina Kohlen

Buchtipp: »vorübergehend geschlossen«, ein Bildband des Fotografen Michael Schreiner

31. August 2020 - 6:10 | Renate Baumiller-Guggenberger

Lieber komplizierter gewordene Kulturangebote als gar kein Bühnenvergnügen. Ganz klassisch – die a3kultur-Klassik-Kolumne

28. August 2020 - 13:51 | Juliana Hazoth

In seinem Buch »Ein N**** darf nicht neben mir sitzen« schildert David Mayonga aka Roger Rekless seine Erfahrungen mit Rassismus. Juliana Hazoth traf den Rapper, Pädagogen und Radiomoderator zum Interview.

27. August 2020 - 9:38 | Marion Buk-Kluger

Auf den Spuren der Fugger in Europa und auf dem Weg zu 500 Jahren Fuggersche Stiftungen 2021.