Politik & Gesellschaft

Weiße Stille

Martin Schmidt
14. Oktober 2018
Ins Licht gebaut

Seit der Wiedereröffnung der Moritzkirche im Jahr 2013 wurde der Augsburger Sakralbau mit seiner mehrfach prämierten Kirchenneugestaltung zahlreich fotografiert, auch von international renommierten Fotografen. Zum 1000er-Jubiläum der Moritzkirche erscheint nun in Zusammenarbeit mit dem Münchner Kunstverlag Hirmer ein Bildband, der den Anspruch hat, die besten Fotografien des faszinierenden Kircheninterieurs zu versammeln. Sein Titel: »Ins Licht gebaut – John Pawsons Neugestaltung der Moritzkirche in Augsburg«. Das Ergebnis: Bilder aus ungewöhnlichen Blickwinkeln, in prägnanten Ausschnitten, in ästhetisch klarer und sicherer Annäherung. Der Band präsentiert sich in einer Art noblem Platingrau – was Schutzumschlag und das edle Leinen betrifft – , zählt 120 Seiten und misst 24 x 28 cm. Die Bilder werden begleitet von Aufsätzen zu Spiritualität und Architektur der Neugestaltung. Der Band, der sich auch für den internationalen Buchhandel positioniert, ist durchgängig zweisprachig (Englisch/Deutsch).

Weiße Kirche, Fotos in Farbe
Den von reinstem Weiß geprägten Innenraum der Moritzkirche erkundet der Band in 111 Farbaufnahmen: Ein dem Bildband eingeschriebener Aufgabenkontrast, der nicht in Schwarzweiß endet, sondern der die klare Ästhetik und Farbkomposition des Kirchen-Interieurs einfängt – welches das Dunkelbraun der gebeizten Holzelemente, das Silber der Orgelpfeifen und das milchig schillernde Perlmutt der Onyxmarmors und des portugisischem Kalksteins eben mitdenkt und sich von ihm in Dialog und Schwingung versetzen lässt. Ebenso, wie die Innenraum-Akustik der Moritzkirche einen mehrere Sekunden langen Hall aufweist, so schafft es der Bildband, gekonnt visuell im Betrachter einen Echoraum für die Ästhetik des Moritzkirchen-Interieurs zu öffnen.

Raum und Aura
Erfrischend ist, wie einige Fotografien die Verortung der Kirche im Hier und Jetzt der City nicht ausklammern: Einmal tauchen, fast als Staffage, mehr oder weniger bunt gekleidete Besucher auf, hier blinkt eine Einkaufstasche auf, dort laufen Blue Jeans durch den Sakralraum. Der Mensch: Er gehört in den Sakralraum wie eben jener ihm gehört. Die Großteil der Bilder ist jedoch kontemplativ und rein wie Schnee, pur wie die Architektur Pawsons, visuelle Tore zu Innerlichkeit und Schönheit. Die Eingangseiten im Buch greifen sogar das Lichtspiel bildlich losgelöster architektonischen Formen als zarte Ornamente, grafische Elemente, auf und zeigen, wie sehr die Gestaltung des Kircheninnenraums im Zeichen von zeitgenössischem Design, von Style und modernem Minimalismus steht.

Neben all der Raum-Aura freilich auch im Fokus der Fotos: Details, Ornamente, die Skulpturen. Raum, Aura und Ästhetik der – übrigens nur von innen fotografierten – Moritzkirche entfalten sich feinfühlig unter dem klarem Blick der renommierten Fotografen Felix Bernhard, Jakob Börner Gilbert McCarragher, Oliver Jaist, Hufton & Crow und Raphaël Languillat. Das Bilderspektrum wird begleitet durch auf Freiseiten gesetze Zitate von Mystikern wie Meister Eckhart und Pseudo-Dionysius Areopagita, aber auch aus den Upanishaden.

Raumgeschehen und Transitus
Vier (kurze) Aufsätze im Anhang des Bandes illustrieren, beleuchten die in den Fotografien einfangene Bildsprache aus Architektur und Geistlichkeit. Zweisprachig, auf Deutsch und in Englisch. Die Germanistin und Theologin Sabine Stötzer skizziert den Kirchenraum als Ort des Übergangs und in Anschluss an den Philosophen Heinrich Rombach in seiner Bedeutung als »Raumgeschehen«. Wertvoll zeigt sich der Beitrag des Theologen und Philosophen Ulrich Hörwick, der nachzeichnet, wie ein sakraler Raum für sich selbst auf einen transitus, wieder also: auf eine Hindurch-Bewegung, hin angelegt ist. Über die spirituellen Kategorien-Bildern Leere, Einfachheit und Licht öffnet Hörwick die Moritzkirche für ein Hintergrundflimmern der christlichen Mystik Meister Eckharts und der Spiritualität der Zisterzienser. Pfarrer Helmut Haugg lenkt die internationale Leserschaft des Buches auf den bedeutenden Augsburger Künstler Georg Petel und dessen Christus Salvator Figur, die er als zentralen Angelpunkt der spirituellen Raumsprache der Moritzkirche entfaltet. Aufschlussreich ist insbesondere der Beitrag von Alison Morris; die Schriftstellerin und Kuratorin mit der Spezialisierung auf Architektur und Design arbeitet bereits 20 Jahre mit John Pawson zusammen – und gibt der Einblicke in Vorgespräche, Diskussionen und Besichtigungen im Vorfeld und während des Projekts der Kirchenneugestaltung. Im Buch fehlt allein: ein Beitrag des Kirchendesigners selbst.

Ähnlich einem Kirchenführer enthält der Band einen Grundriss der Moritzkirche mit nummerierten Positionen und einen Anhang, der als Bildkatalog in klein Motive, Orte und Autoren der einzelnen Fotografien aufführt. »Ins Licht gebaut« ist ein Crossover aus spirituellem Coffeetable-Book, Kunst-Bildband und Architekturkontemplation; ein Bildband, der – wie die Moritzkirche selber – Architektur, Spiritualität und Kunst gelungen zusammenführt. Erhältlich ab sofort (für 39,90 Euro) im Moritzpunkt und im Buchhandel.

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