Klassik

Weit entfernt und doch so nah

Renate Baumille...
2. März 2020

Clever, innovativ und überaus originell ist dieses Klavierprojekt, das die Pianistin Susanne Kessel (Foto, © Martina Vodermayer) bereits 2013 auf den Weg brachte: Honorarfrei lud sie rund 250 Komponisten (darunter auch bekanntere Komponisten wie Moritz Eggert oder Wolfgang Niedecken …) weltweit dazu ein, ein Werk für Klavier zu schreiben, das sich irgendwie auf den großen Jubilar des Jahres 2020, Ludwig van Beethoven, bezieht und damit stets auch eine sehr persönlich gefärbte Stellungnahme und Auseinandersetzung  beinhaltet. Kessel studiert dann sämtliche ihr zur Verfügung gestellten, stilistisch immens vielfältigen Kompositionen ein und stellt diese Uraufführungen seither in zahlreichen Konzertabenden in Bonn und anderswo vor. Sämtliche Werke werden zudem in einer zehnbändigen Notenedition im Verlag »Editions Musica Ferrum« veröffentlicht und so auch anderen Pianisten zugänglich gemacht – eine Auswahl der Stücke gibt es auf CD oder zum Download. Das komplette Projekt ist auch dank einer aufwändigen und gut gemachten Website begleitet und für Interessenten darüber nachzuverfolgen: www.250-piano-pieces-for-beethoven.com

Wie inspirierend und spannend dieses musikalische Megaprojekt – Kessel bezeichnete es passend auch als besondere musikalische Festschrift zum Jubiläum – auch für das Publikum ist, durfte man am Freitag dann live im Rokokosaal erleben. Technisch souverän stellte sich Kessel als Interpretin mit perkussivem Anschlag und profunder Vertrautheit mit den Stücken ganz in den Dienst der für dieses Konzert ausgewählten Komponisten. Mit Markus Schimpp, Dohun Lee, Hans-Michael Rummler und Peter Michael von der Nahmer waren vier von ihnen sogar persönlich mit nach Augsburg gekommen, um ihre Werk kurz auch (verbal) persönlich vorzustellen. Die restlichen elf Stücke moderierte Susanne Kessel selber an und so gab es manch überraschende Background-Infos, die wie meist in »Gesprächskonzerten« den Zugang bzw. das Verständnis und das unmittelbare Hörerlebnis erleichterten oder vertieften.

Nur wenig mehr als zwei Minuten etwa dauerte Ursel Quints Klavierstück »Bist du taub?«. Bestens zu verstehen war, weil man zuvor die »Entstehungsgeschichte« erfahren hatte: Der in Beethovens Geburtsstadt aufgewachsenen Grundschülerin hatte man damals die Taubheit des Komponisten mit dem Satz erklärt: »Das ist ungefähr so, als würde man am Morgen den Wecker nicht hören …«. Was Ursel Quint damals als gar nicht so schlimm empfunden hatte, um jetzt musikalisch geistreich darauf Bezug zu nehmen, indem sie ein schräges Weckgeräusch – erzeugt mithilfe des Flügelinnenlebens – mit einem kleinen Zitat aus der 5. Sinfonie verknüpfte. Flugs war es also schon wieder vorbei und wurde von den Hörern mit einem amüsierten Schmunzeln quittiert ebenso wie die Klavier-Humoreske des Wiener Komponisten Georg Nussbaumer. Der macht seine Musik gern zur Installation und ließ hier für »Beethoven durchquert die No. 2 in G-Dur« eine Beethoven-Miniaturbüste auf die Tastatur setzen, um damit weit mehr als bloßen »Schmäh« zu erzeugen.

Atmosphärisch eingeführt durch den ersten Satz der Mondscheinsonate bestachen bereits Kai Schumachers »A little moonlight music« oder York Höllers Spiel mit den Buchstaben, die sich im Namen Beethovens finden und uns allen »Weit entfernt und doch so nah« scheinen. Auch Dohun Lees »Nächtliches Gespräch« offenbarte ein raffiniertes Konzept, denn der in Deutschland lebende Koreaner berichtete von der hohen Relevanz des Titanen in seiner Heimat und hatte so beschlossen, in seiner kleinen Komposition in einen mit Sternenglanz umstrahlten nächtlichen und romantisch akzentuierten Dialog mit Beethoven zu treten. »Natur-Spuren« nannte der im Großraum Augsburg wirkende Hans-Michael Rumler sein mit Klangclustern operierendes Stück, das eigene Erfahrungen der Natur mit den in Beethovens Werk zu entdeckenden Zukunftsmerkmalen in Einklang brachte und als geerbtes Material fortgestalten wollte. Auch der in Augsburg geborene Markus Schimpp, der zudem als Klavierkabarettist unterwegs ist, blieb sich mit seiner waghalsigen und temporeichen Scherzo-Variante »Ludwig at the silent movies«  treu und erntete intensiven Beifall.

Wie stark die unfassbar zeitlose Qualität Beethovenscher Musik als Mission für zeitgenössisches Komponieren aufgefasst wird, machte insbesondere aber auch das psychologisch durchwirkte, Fragen nach dem Prozess des Komponierens stellende Stück »Where is the Stillness« deutlich. Dafür hatte der in den Staaten lebende Peter Michael von der Nahmer seine Frau »eingeflogen«, die die Klänge mit einem Text begleitete, der nur leider akustisch kaum verständlich war. Eindrucksvoll blieben nicht zuletzt auch die beiden Jazz-Improvisationen von Benedikt Janel und Mike Garson (der amerikanische Pianist spielte u.a. mit David Bowie) im Ohr – letzterer hatte den zweiten Satz der »Pathetique« mit Raffinesse und sehr fantasievoll überschrieben. Der Münchner Komponist Peter Michael Hamel montierte und zitierte in seinem zum Finale präsentierten Stück »Freude für Beethoven«  Musik des Beethoven Zeitgenossen Tyagaraja aus Indien mit Anklängen an die seit der Kindheit erinnerten Beethoven-Melodien und erreichte damit einen verblüffend emotionalen Sog. Kein Wunder, dass nach dem Klassiker »Für Elise« die Hörer noch Zugaben einforderten – ein wirklich bemerkenswertes Klavier-Konzert-Projekt, für das die Initiatorin und Interpretin Susanne Kessel zu recht jubelnden Applaus in Augsburg und international und auf lange Sicht große Resonanz verdient hat.

www.tkva.de

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