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22. Januar 2019 - 10:45 | Severin Werner

Das Staatstheater Augsburg präsentiert David Mamets »Oleanna – Ein Machtspiel« in einer Inszenierung von Axel Sichrovsky an der Universität Augsburg.

Wie erschafft man eine authentische Atmosphäre? Man begibt sich an den Ort des Geschehens. Für ein Stück wie »Oleanna« bedeutet dies konkret der Hörsaal II der Universität Augsburg. Der erste Akt beginnt mit der – für einen Studenten – bestens bekannten Szene: Der Professor (John), beschäftigt am Handy einen Anruf abwimmelnd, ruft zwischendurch den Satz zur Studierenden (Carol): »Bitte, setzen Sie sich.« Es geht um Machtverhältnisse, in diesem Fall um die klare Hierarchie zwischen Professor und Studierende*r.

Carol, sehr verschüchtert, versteht kein Wort, weder aus dem Buch, noch aus dem Seminar des Professors. Der Professor, beinahe zu verständnisvoll, stellt sogleich seine eigene Lehre in Frage: Dass sie nichts verstehe, könne auch daran liegen, dass seine Lehre schlecht ist. So legt John das artifizielle Konstrukt des Schüler-Lehrer-Verhältnisses ab, um ein Gespräch zwischen zwei Menschen mit Problemen zu ermöglichen. Auch er hat Probleme: mit dem Haus, der Frau, den Kindern. Sie hat Probleme mit dem Studium und der Lehre des Professors. Das Machtverhältnis scheint ausgehebelt. Aus Sympathie für Carol bietet der Professor an, mit ihr den Stoff des gesamten Semesters nochmal durchzugehen. Er fängt an zu monologisieren, sie fängt an zu notieren, die beliebte Reproduktion des autoritären Gedankengutes. Wenn John davon redet, dass die Prüfungen sinnlos seien, weil Studierende nur noch danach geprüft werden, ob sie sinnloses Zeug aufsaugen und wieder auskotzen könnten, so übersieht er doch, dass er solch einen Fall vor sich sitzen hat. Wenn er davon redet, dass höhere Bildung nur noch den Zweck des Aufstiegs aus einer sozialen Schicht diene, dann erfüllt Carol genau dieses Kriterium. Zu sehr damit beschäftigt sich selbstverliebt beim Theoretisieren zuzuhören, übersieht er, wen er vor sich sitzen hat. Verletzt von Johns Worten, möchte Carol den Raum verlassen, wird dabei aber vom Professor nicht nur mit Worten, sondern auch mit einer Berührung an der Schulter aufgehalten.

Der zweite Akt beginnt und die Machtverhältnisse haben sich um 180 Grad gedreht. Carol ist auf Bitte des Professors erschienen, denn ihm hängt eine Klage wegen sexueller Belästigung und Vergewaltigung am Hals – von Carol. Die hat nämlich – man könnte sagen hinterhältig – Zitate des Professors bei ihrem letzten Besuch so zusammengewürfelt, dass man daraus – wäre man nicht anwesend gewesen – eine klare Vergewaltigung liest. Dieser Vorwurf, ob nun wahr ist oder nicht, könnte John seine Professur, samt seines neu gekauften Hauses kosten. Die Macht liegt jetzt wieder bei Carol. Warum sie das tue, fragt John. Carol und ihre feministische Gruppe seien die sexistischen und diskriminierenden Äußerungen des Professors satt und würden im Sinne der Studentenschaft handeln. Ihre Forderung: eine Liste mit Büchern des Professors, die vom Lehrplan gestrichen werden sollen. Durch die Ausführungen Carols beginnt man zu zweifeln. Hat sie Recht? Ist er wirklich so ein Tyrann wie sie behauptet?

Aus diesem Perspektivwechsel schlüpfend, begibt sich das Stück auf eine Metaebene. Die beiden Schauspieler Andrej Kaminsky und Katja Sieder verlassen ihre Rollen, beziehen Stellung zu ihrer Figur, wechseln die Stereotypen, bis letztlich John im Kleid mit Lippenstift auf der Bühne steht, daneben Carol mit Bart, ihm auf den Arsch klatschend. Auf in den letzten Akt, das Skript wortwörtlich wiedergebend und mit dramatischer Musik unterlegt endet das Spiel im (Meta-)Höhepunkt: der Ermordung Carols durch John. Die Fragen nach Macht und artifiziellen Strukturen sowie die reflexive Auseinandersetzung mit dem Stück im Stück sorgt für viel Nachdenken und auch viel Gelächter. Auf welcher Seite stehen Sie?

Die weiteren Termine werden von einem umfangreichen Rahmenprogramm begleitet:
www.staatstheater-augsburg.de/oleanna

Foto: Jan-Pieter Fuhr

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