»Die Welt ist aus den Fugen«

9. Oktober 2018 - 12:08 | Dieter Ferdinand

Das Staatstheater Augsburg gibt im Martini-Park »Die Orestie« von Aischylos (525–456 v. Chr.).

Dumpfe Töne, Sprechchor, auf der Bühne ein Hirschkopf, herumliegendes Geweih, so beginnt in Augsburg die auf knapp zwei Stunden gekürzte Trilogie »Die Orestie«. Begleitet wird das Spiel mit Klöppeln, Geweihteilen und slapstickhaften Bewegungen, welche die antike Tragödie zeitweise in die Lächerlichkeit ziehen. Die Bühne teilt sich in zwei Hälften, in der Mitte läuft durch eine Rinne Wasser, das sich im Verlauf zunehmend blutrot färbt.

Troja ist gefallen. Agamemnon kehrt heim nach Argos. Er hatte seine Tochter Iphigenie geopfert, damit er von Artemis günstigen Wind bekommt. Seine Frau Klytaimestra, Iphigenies Mutter, erwartet ihn und erschlägt ihren Mann und die Seherin Kassandra mit einem Beil. Klytaimestras Sohn Orestes kommt heim und erschlägt mit dem gleichen Beil seine Mutter und ihren Geliebten. Er flieht vor den Erinnyen, den Rachegöttinnen, zu Apollon, der ihm den Muttermord befohlen hatte. Am Ende entscheiden nicht mehr die Götter, sondern die Menschen. Athene setzt ein Gericht ein. Über den Prozess erfahren wir nur noch durch Rezitation. Den Umbruch kommentieren die am Alten festhaltenden Rachegöttinnen mit dem auch im Hinblick auf die gegenwärtige Weltlage aktuellen Satz: »Die Welt ist aus den Fugen.«

Klar und deutlich artikulierend präsentieren sich die Schauspieler*innen. Sebastian Baumgart stellt sein Zögern vor dem Muttermord und seine Flucht vor den Erinnyen glaubhaft dar. Katharina Rehn ragt heraus als getriebene Rächerin und klagendes Opfer ihres Sohnes. Der Chor ist durchdringend als Kommentator und Volk.

Regisseur Wojtek Klemm schuf keine blutrünstige Inszenierung. Er versuchte weitgehend erfolgreich, die antike Tragödie mit modernen Mitteln darzustellen. Die Morde mit Beil werden angedeutet und spiegeln sich in der Rotfärbung der Flüssigkeit in der Rinne. Wie jeder Richter im abschließenden Prozess sein eigenes Urteil spricht, sind die Besucher*innen ermuntert, sich ihre je individuelle Meinung zu Stück und Inszenierung zu bilden. Starker Applaus zum Schluss.

www.staatstheater-augsburg.de

Abbildung: Orestes (Sebastian Baumgart) und Klytaimestra (Katharina Rehn) vor dem Muttermord (Foto: Jan-Pieter Fuhr)

 

Weitere Positionen

17. September 2019 - 14:26 | Renate Baumiller-Guggenberger

Auch in die dritte Spielzeit startet Augsburgs Ballettdirektor Ricardo Fernando voller Tatendrang und Optimismus, mit sieben neuen Tänzern und einem bewegten Spielplan

15. September 2019 - 14:34 | Iacov Grinberg

In seiner Kunsthalle im abraxas zeigt der Berufsverband Bildender Künstler die Ausstellung »besSITZen – Objekt Stuhl«.

12. September 2019 - 14:34 | Renate Baumiller-Guggenberger

Ursula Anna Neuner feiert im Kulturhaus abraxas das 25-jährige Jubiläum ihrer »tanzwerkstatt«

11. September 2019 - 13:30 | lab binaer

Am Wochenende ging die Ars Electronica unter dem diesjährigen Motto »Out of the Box – The Midlife-Crisis of the Digital Revolution« zu Ende. Benjamin Stechele vom Augsburger Labor für Medienkunst LAB BINÆR berichtet für a3kultur vom Linzer Festival.

Freie Plätze
9. September 2019 - 10:25 | Gast

In einem Gastbeitrag fordert der Leiter des Augsburger Sensemble Theaters, Sebastian Seidel, einen großen kulturpolitischen Wurf für die freien darstellenden Künste.

9. September 2019 - 9:57 | Thomas Ferstl

Projektor – die a3kultur-Filmkolumne im September

23. August 2019 - 10:35 | Bettina Kohlen

Die Vergänglichkeit ist ein grundsätzlicher Bestandteil des Lebens, das einem permanenten Wandel unterliegt. Doch können wir nicht nur daneben stehen und unbeteiligt tun – Menschen gehören zu diesen Veränderungen, sind Teil, aber beeinflussen auch massiv. Was das mit Kunst zu tun hat? Viel. Diesmal in Augsburg und Bregenz.

22. August 2019 - 23:23 | Iacov Grinberg

Während der allgemeinen Ferienruhe hat die Galerie Krüggling uns Zuschauern eine neue Ausstellung beschert: Metamorphosis Floralis, welche die Arbeiten der Künstlerin Valeria Koxunov zeigt.

18. August 2019 - 18:13 | Martin Schmidt

Schneidemaschine, Jazz, Neues aus Noise – hochqualifizierte Verstöße gegen die allgemeine Pop-Verordnung. Das Augsburger Duo Schnitt legt das Album des Jahres vor. Eine Rezension von Martin Schmidt.

14. August 2019 - 9:08 | Patrick Bellgardt

Am 24. August gastiert Purple Schulz im Wittelsbacher Schloss in Friedberg. Die 80er-Jahre-Ikone präsentiert ihr neues Album »Nach wie vor« open air im Innenhof. Ein Interview