Politik & Gesellschaft

Die Welterbestätten in Bayern

Gast
1. August 2022

In die Region: Bayerische Welterbestädte. Ein Gastbeitrag von Sonja Wolf

UNESCO-Welterbe-Stätten – das sind Zeugnisse vergangener Kulturen, eine Spurensuche basierend auf Begegnungen, künstlerischen Meisterwerken und einzigartigen Naturlandschaften. Auf der UNESCO-Welterbe-Liste stehen zahlreiche einzigartige Kultur- und Naturdenkmäler. Schätze, deren Zerfall oder Zerstörung einen unersetzlichen Verlust darstellen würden. Am 16. November 1945 unterzeichneten 37 Staaten die Verfassung der UNESCO. Sie verpflichteten sich damit zur Erfassung und zum Erhalt des auf ihrem Gebiet befindlichen Welterbes. Seit diesen Tagen haben Kultur- und Naturstätten von herausragendem universellen Wert nicht nur die Chance auf einen renommierten Welterbetitel, sondern auch auf den damit verbundenen Schutz.

Gleich zehn der deutschen Welterbestätten liegen im schönen Bayern. Sie spiegeln den unverwechselbaren Landescharakter Bayerns wider, der sich vor allem in der Architektur der Römerzeit, Romanik, Gotik und des Rokoko bewahrt hat. Vor rund 41 Jahren erhielt Bayern – mit der »Residenz Würzburg mit Hofgarten und Residenzplatz« (UNESCO-Welterbe seit 1981) – seine erste Welterbestätte. Das Augsburger Wassermanagement-System wurde 2019 in die Liste aufgenommen, und mit der jüngsten Titelverleihung »Welterbe Donaulimes« machte die UNESCO im Jahr 2021 den bayerischen Zehner voll!

Nicht nur unter den bayerischen Welterbestätten stellt das »Augsburger Wassermanagement-System« eine absolute Besonderheit dar. Mit insgesamt 22 völlig unterschiedlichen »Wasser-Welterbe-Objekten«, die sich weitläufig über Stadt und Landkreis verteilen, bietet diese Welterbestätte eine wahrlich außergewöhnliche und absolut gelungene Mischung aus technikgeschichtlichen und kunsthistorischen Highlights. Das historische Wassersystem ist auch heute noch allgegenwärtig. Die offenen Lechkanäle der Altstadt prägen das idyllische Stadtbild und die weltweit einmalige kunsthistorisch bedeutende Brunnentrias versprüht den Charme italienischer Renaissance entlang der Prachtmeile (Maximilianstraße). Vor der malerischen Kulisse des Roten Tors stehen an der östlichen Stadtmauer die ältesten Wassertürme Mitteleuropas. Neben der herrlichen Brunnenkunst und zahlreichen Architekturdenkmälern der Industriekultur zählt auch die olympische Kanustrecke im Eiskanal zu den Welterbeobjekten. Die legendäre »Mutter aller künstlichen Wildwasserstrecken« war 1972 Austragungsort der Kanuslalom-Wettkämpfe im Rahmen der Olympischen Sommerspiele von München. In diesem Sommer wird sie nun wieder Schauplatz einer Kanuslalom-WM sein! Das Wasser der ältesten Stadt Bayerns ist – in Verbindung mit wegweisender Ingenieurwissenschaft und innovativem Erfindergeist – bereits seit dem Mittelalter eine spannende Erfolgsstory.

Neben den schon erwähnten Welterbestätten – Augsburg mit seinem historischem Wassermanagement-System (2019), Würzburger Residenz (1981) und Donaulimes (2021) – zählen die Wallfahrtskirche »Die Wies« im Pfaffenwinkel (1984), die Bamberger Altstadt (1993), der Obergermanisch-Raetische Limes (2005), die Regensburger Altstadt (2006), die Spuren prähistorischer Pfahlbauten im Alpenraum (2011), das Markgräfliche Opernhaus in Bayreuth (2012) und Bad Kissingen als bedeutende Kurstadt Europas (2021) zum bayerischen Welterbe.
Die Geschichte der Menschheit und des Planeten Erde ist weltweit anhand zahlreicher weiterer UNESCO-Spezifizierungen erlebbar.

So zählen in Bayern etliche Kulturformen von regionaler und von lokaler Bedeutung zum immateriellen Kulturerbe. Das Hohe Friedensfest Augsburg (8. August), die Landshuter Hochzeit und die Passionsspiele Oberammergau sind nur einige Beispiele für die lebendigen Traditionen, die Bayerns immaterielles UNESCO-Kulturerbe umfasst. Spannend auch das UNESCO-Weltdokumentenerbe. Es dokumentiert die Vielfalt an Beiträgen zur Kulturgeschichte. Ein Großteil des bayerischen Weltdokumentenerbes befindet sich in Bamberg und München.

Bayern verfügt zwar derzeit über keinen expliziten UNESCO-Weltnaturerbe-Titel, punktet dafür aber mit gleich zwei Biosphärenreservaten und zwei UNESCO Global Geoparks, anhand derer Bayerns unvergleichliche Natur- und Erdgeschichte erfahrbar wird!  

Im Süden Bayerns liegt das Berchtesgadener Land mit dem ersten und einzigen deutschen Alpen-Nationalpark (seit 1990 UNESCO-Biosphärenreservat). An der nördlichen Grenze Bayerns befindet sich das UNESCO-Biosphärenreservat Rhön, das »Land der offenen Fernen« im Dreiländereck Bayern, Hessen und Thüringen – ein Kraftort für den Menschen, im Einklang mit der Natur.

Eine absolute geologische Besonderheit ist der UNESCO Global Geopark Ries (rund 1.750 qm Fläche, größtenteils davon in Bayern)! Der Einschlagskrater »Nördlinger Ries« (Asteroideneinschlag vor rund 15 Millionen Jahren) ist der am besten erhaltene Krater Europas.

Mit insgesamt fünf UNESCO-Zertifikaten ist die Schwäbische Alb wohl ein Spitzenreiter! Zertifiziert wurden sechs Höhlen (Fundstellen mit Eiszeitkunst), der Limesgrenzwall, die vorgeschichtlichen Pfahlbauten des Steinzeitdorfs in Ehrenstein, der Geopark Schwäbische Alb mit Fossilienfundstätten sowie die alten Kulturlandschaften des Biosphärengebiets.

Begibt man sich auf eine Reise zu Bayerns UNESCO-Welterbe-Stätten, so wird man von der außergewöhnlichen Vielfalt an beeindruckenden Kul­tur­schätzen, eingebettet in eine reizvolle Landschaft, an atemberaubenden Naturschönheiten und der unvergleichlichen Authentizität stolzer, gelebter Traditionen begeistert sein.

Foto: Hochablass (Lechwehr) © Martin Augsburger / Stadt Augsburg

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