»Die welterzeugende Kraft der Sprache«

2. März 2018 - 13:32 | Martin Schmidt

Gestern Abend wurde das Brechthaus ästhetischer und diskursiver Umschlagsplatz für Poesie, für poetologische Einblicke und für die Kraft von Sprache und Literatur. Der neben den Autorinnen Monika Rinck und Sudabeh Mohafez eingeladene Dichter Ulrich Koch konnte wegen Zugausfall nicht kommen.

Der Abend der Augsburger Lyrik-Reihe »Rauchzeichen« – dieses Mal im Rahmen des ohnehin lyrikarmen Brechtfestivals 2018 als »Sonder-Rauchzeichen« – war mit rund 40 Besuchern ausverkauft, das Brechthaus bis auf den letzten Platz gefüllt. Die Kuratoren Max Sessner und Ulrich Ostermeir hatten ganze Arbeit geleistet und insbesondere mit Monika Rinck (siehe Bild), aber auch auch mit Sudabeh Mohafez und Ulrich Koch klingende Namen des deutschen – auch den gibt es, wurde später aus den Erzählungen der Autorinnen klar – Lyrikbetriebs eingeladen.

Sehr schade war, dass der Hugo-Ball-Förderpreisträger Ulrich Koch nicht teilnehmen konnte, seine Zugverbindungen aus dem Norden nach Augsburg waren eine nach der anderen ausgefallen. Somit standen sich die beiden lyrischen Stimmen Rincks und Mohafezs direkt gegenüber. Ergebnis war eine poetische Echokammer aus den emotionalen Textwelten der spürbar ursprünglich aus der Prosa kommenden Sudabeh Mohafez und der zerebralen, die Welt als Sprache aufnehmenden und wiedergebenden Monika Rinck. Die Autorinnen trugen ihre Texte dabei zum Teil im Stehen vor, was zur Dynamik des Abends beitrug. Eine schöne Idee war es, dass Rinck und Mohafez, aber auch Moderator Michael Schreiner, jeweils Texte des abwesenden Ulrich Koch vortrugen. Dessen sehr übers poetische Bild arbeitende Lyrik fand so Eingang in den von Rinck und Mohafez im Brechthaus entfalteten poetologischen Spannungsbogen. Dem Vernehmen nach soll Kochs Besuch im Brechthaus nachgeholt werden – unbedingt begrüßenswert!

Die unaufdringliche, aber stets Mehrwert abfragende Moderation durch Michael Schreiner rundete einen Abend ab, der von einem großen Gesprächsanteil geprägt war und Raum für Fragen aus dem Publikum ließ. Letztendlich fand auch die aktuelle Lyrikdebatte um Eugen Gomringers »Avenidas« und der Berliner Alice-Salomon-Hochschule Einzug – Rinck: »Man kann auch ein Poster abhängen, ohne dass Britney Spears dabei stirbt«.

Der zu Beginn deutlich niedrigen Raumtemperatur geschuldet saßen Rinck und Mohafez, auch aber Moderator Schreiner und das Publikum zum Teil in Winterjacke und mit Schal in Brechts Geburtshaus. Unvermeidlich freilich: Ein im Publikum lange vor sich hin klingelndes Handy, dessen Auffinden und Ausschalten seinem Besitzer ansehlich viel Zeit kostete. War es ein Anruf von Brecht? Man weiß es nicht. Dennoch: Die »Sonder-Rauchzeichen« – ein schöner, gelungener Lyrik- und Gesprächsabend mit Tiefenwirkung und innerem Nachhall; auch wenn die Veranstaltung erst nach 20 Minuten in ein ruhiges (und dann sehr konzentriertes) Setting wechseln konnte – die ungemein laut knarzende Eingangstür und laute, vom Flur eindringende Gesprächsfetzen irritierten zunächst auch die Autorinnen sichtlich.

Selten gibt es in Augsburg Veranstaltungen, in denen von der »welterzeugenden Kraft der Sprache« (Rinck) zum einen nicht nur geredet sondern auch unter der Lupe berichtet wird. Man kann sogar die Frage stellen, ob es in Augsburg überhaupt ein reines Literaturfestival gibt – und wenn nein: warum nicht? Deshalb: Gratulation an die Kuratoren Max Sessner und Ulrich Ostermeir, die, wenn auch mit sehr klassischem Ansatz, mit merklicher Konturgewinnung in Augsburg für das Literaturgenre Lyrik eintreten.

Unser Bild zeigt Monika Rinck bei ihrer Lesung im Brechthaus.

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