Wenn ein 98-Jähriger 144 Stufen erklimmt

8. Juni 2018 - 10:18 | Gast

Zum Stand und zu den Chancen der Augsburger UNESCO-Bewerbung: Sind wir Welterbe? Ein Gastbeitrag von Martin Kluger

Es war beim »Augsburger Wassertag« im Mai. Ein 98-Jähriger erklomm die nicht eben barrierefreien 144 Treppenstufen bis unter den Kuppelsaal im Kleinen Wasserturm des Wasserwerks am Roten Tor – mit leuchtenden Augen, wie Wasserturmführerin Elisabeth Retsch später berichtete. Warum schreibe ich das an einer Stelle, an der doch der laufende Bewerbungsprozess kommentiert werden soll, insbesondere was das Engagement der Stadt im Zusammenhang mit ihrer Bewerbung um die Aufnahme ihrer historischen Wasserwirtschaft in die Liste des UNESCO-Welterbes angeht? Dazu später mehr.

Wie also ist der Stand der Bewerbung zu bewerten, die ja mittlerweile in »Das Augsburger Wassermanagement-System« umbenannt wurde? Wo steht Augsburgs Bewerbung wenige Tage vor der (vor)entscheidenden 42. Sitzung des World Heritage Committee, die vom 24. Juni bis 4. Juli in Manama im Königreich Bahrain stattfindet? Vorweg: Ja, manches hätte besser laufen können. Das kann es immer. Klar ist aber: Die Stadt Augsburg hat das Ihrige getan. Sicher hätte der Bewerbungsprozess zu Beginn etwas spritziger anlaufen können, sicher war die zwischenzeitliche Kritik an der Bewerbung ärgerlich bis unsinnig, und sicher hätte die Stadt die Protagonisten des begleitenden Rahmenprogramms und das Erscheinen begleitender Publikationen etwas weniger knausrig behandeln können.

Wie gesagt: Die Hausaufgaben sind dennoch erledigt. Das Bewerbungsbüro UNESCO-Welterbe der Stadt hat in einem engen Zeitfenster gerackert und am Ende ein dickes Bewerbungsdossier eingereicht. Die Kritiker der Bewerbung sind (fürs Erste?) verstummt. Praktische Aufgaben sind bewältigt: Die kostbaren Figuren des Augustusbrunnens sind nun vor betrunkenen Vandalen geschützt, weil die Originalbronzen heute im Viermetzhof des Maximilianmuseums ausgestellt werden, während den Brunnen Abgüsse zieren. Der Viadukt auf dem Aquädukt beim Wasserwerk am Roten Tor – eine der schönsten, jahrelang für Spaziergänger versperrten Ecken des alten Augsburgs – ist wieder zugänglich gemacht worden, weil die weitere Nichtzugänglichkeit Augsburgs Bewerbung Minuspunkte eingebracht hätte. Natürlich sollte die große Sonderausstellung der Kunstsammlungen und Museen Augsburg, »Wasser Kunst Augsburg. Die Reichsstadt in ihrem Element« ab 15. Juni die Massen anziehen und überregional auf die Bedeutung dieser Stadt hinweisen. Auch im Zusammenhang mit dem Katalog zur Ausstellung beschäftigen sich Wissenschaftler und Autoren intensiv mit der viel zu lange wenig beachteten Geschichte des Augsburger Wassers: Selbst die geheimnisumwobene Frühgeschichte der reichsstädtischen Trinkwasserversorgung und ihre Herkunft sind nun wohl enträtselt. Auch bei der vom Bewerbungsbüro UNESCO-Welterbe organisierten Vortragsreihe gehen Experten verschiedenster Couleur thematisch in die Tiefe. Das Kundenmagazin der Stadtwerke Augsburg widmet der historischen Wasserwirtschaft eine Serie. Eine prallvolle 48-seitige Programmbroschüre der Regio Augsburg Tourismus GmbH bewirbt die »Augsburger Wassertage« samt weiteren Veranstaltungen des Jahres 2018: Viele machen mit, und noch mehr kommen. Augsburg begleitet die UNESCO-Bewerbung über die Wassertage hinaus mit Veranstaltungen von der »Langen Nacht des Wassers« bis zum Straßentheater für Kinder. Was also die Stadt Augsburg und ihre Einrichtungen und die von ihr (mit)getragenen Gesellschaften betrifft, kann man sagen: Alles gut, Hausaufgaben gemacht.

Wie wirkt das alles auf die Fachwelt? Lassen wir dazu beispielhaft einen hochrangigen Experten wie Prof. Dr. Joachim-Felix Leonhard – Kulturstaatssekretär a.D., Mitglied im Vorstand der deutschen UNESCO-Kommission sowie Vorsitzender des Nominierungskomitees für das UNESCO-Programm »Memory of the World« – zu Wort kommen. Was entscheidet seiner Ansicht nach über eine Welterbe-Bewerbung, was überzeugt die Experten? Grundsätzlich gilt: Dass sich Augsburg mit seiner historischen Wasserwirtschaft bewirbt, ist nach Auffassung des UNESCO-Experten »eine kluge Entscheidung«.

So formuliert es Leonhard bei einem Vortrag auf Einladung des Jakob-Fugger-Zentrums der Universität Augsburg im Fugger und Welser Erlebnismuseum. Doch Leonhard verwies auch auf einen entscheidenden Punkt: UNESCO-Welterbe manifestiert sich abseits aller Aktivitäten der Stadtverwaltung und noch so sinnvoller Verwaltungsakte letztlich in der »Frage des Umgangs mit unserer Umgebung«. Will heißen: Es geht um das (gesamt)bürgerschaftliche Engagement, das die Gutachter der UNESCO am Ende entscheidend beeinflussen könnte. Es zeigt sich darin, wie hiesige Medien und Kulturschaffende das Thema Wasserwirtschaft aufgreifen. Es zeigt sich darin, dass eine evangelische Pfarrerin einen spirituellen Weg entlang der Kanäle konzipiert oder dass ein Geschichtskreis in Göggingen Wasserkraftwerke an der Wertach besichtigt. Und neben all dem sind es vielleicht die eingangs erwähnten leuchtenden Augen eines 98-Jährigen, der nach 144 steilen Treppenstufen unter der barocken Kuppel des Kleinen Wasserturms steht – und der so am überzeugendsten eine Begeisterung für Augsburgs historische Wasserwirtschaft zum Ausdruck bringt, die sich ohnehin nicht via Kommunalpolitik und Stadtverwaltung oktroyieren lässt.

Wenn die Menschen dieser Stadt ihr potenzielles Welterbe nicht leben würden, wäre die Idee des Welterbes tot. Und selbst wenn die UNESCO-Bewerbung scheitern sollte, wäre Augsburg schlecht beraten, dieses globale Megathema der Menschheit sang- und klanglos von der Bildfläche verschwinden zu lassen. Denn sollte Augsburg scheitern, muss das weder am Thema noch an der Bewerbung gelegen haben. Hinter den Kulissen brodelt nämlich auch in UNESCO-Gremien eine nicht immer transparente politische Gemengelage. Dass Deutschland auf der UNESCO-Welterbe-Liste überrepräsentiert ist, ist Fakt und ein Handicap der Augsburger Bewerbung. Dass Deutschland nicht überall beliebt ist und dass speziell die atemberaubend unsensiblen Dresdner Aktionen um die Waldschlösschenbrücke die ganze Kulturnation beschädigt haben, ist auch kein Geheimnis. Was ist also die aktuelle Erwartungshaltung? Ulrich Müllegger, Koordinator der UNESCO-Welterbe-Bewerbung, sieht das so: »Nachdem das Thema Wasser und Nachhaltigkeit bei der UNESCO von immens hoher Bedeutung ist, habe ich durchaus ein gutes Gefühl. Wir stoßen mit unserer Bewerbung geradezu in eine Lücke. Trotzdem sollten sich die Erwartungen im Rahmen halten, da bei der UNESCO nicht immer das Thema und die Qualität der Bewerbung die entscheidenden Kriterien sind. Die weltpolitische Stimmung hat oft viel mehr Einfluss darauf, ob ein Objekt Welterbe wird oder nicht.«

Egal, wie also die Bewerbung ausgeht: Augsburg hat nicht allzu viel falsch, aber vieles richtig gemacht. Doch ganz unabhängig davon, ob Augsburgs historische Wasserwirtschaft nun UNESCO-Welterbe wird oder nicht, sollte eines klar sein: Auch nach der Entscheidung kann man noch vieles falsch, aber auch vieles richtig machen.


Martin Kluger, Leiter des context verlags Augsburg, begleitet als Autor Augsburgs Weg zur Aufnahme der Wasserwirtschaft in die UNESCO-Welterbeliste von Anfang an.

Im context verlag erschienen zuletzt: »Augsburg und die Wasserwirtschaft. Studien zur Nominierung für das UNESCO-Welterbe im internationalen Vergleich« (Hrsg.: Stadt Augsburg) und »Augsburgs historische Wasserwirtschaft. Auf dem Weg zum UNESCO-Welterbe« (Autor: Martin Kluger).

www.context-mv.de

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