Wenn Worte nicht mehr ausreichen …

5. September 2015 - 9:43 | Julian Stech

… kommen Bewegungen ins Spiel. Das Augsburger Ballettensemble feiert seit Jahren Riesenerfolge. Grund genug für einen jungen Rocker wie mich, einen genaueren Blick auf die Kompanie und diese Kunstform zu werfen.

Ich soll ein Porträt über das Ballettensemble des Theaters Augsburg schreiben. Ich, der seine Fühler am liebsten in Richtung handgemachter Musik ausstreckt und dessen einziger Kontakt mit Ballett aus einem Couchabend mit »Black Swan« bestand. Genau ich soll mich jetzt Tutus und einstudierten »Tänzeleien« widmen? Ja, genau so dachte ich, als mich mein Chef fragte, ob ich diesen Job annehmen möchte. Denn genau so jemanden wie mich wollte er dafür. Jemanden, der wie ein Neugeborener diese Welt des Tanzes betritt. Na gut, wieso nicht ich?

Das Augsburger Ballettensemble hat nicht nur beim heimischen Publikum einen hervorragenden Ruf. Mit gerade einmal 16 Tänzern ist es eine vergleichsweise kleine Kompanie. Die spezielle Chemie der Truppe, die wohl nur in dieser Größenordnung entstehen kann, trägt sicher einen wesentlichen Teil zum Erfolg bei. Hier lassen gefeierte Choreografen gemeinsam mit wenigen, dafür aber hochtalentierten Tänzern unvergessliche Aufführungen entstehen. Rund 1.300 Bewerbungen jährlich aus allen Teilen der Erde auf vier bis fünf freie Stellen sprechen für das Ansehen des Augsburger Balletts. Der Bayerische Kunstförderpreis 2015 für den Tänzer Theophilus Veselý, seit der Spielzeit 2012/13 festes Ensemblemitglied, krönt diese Gesamtleistung wie die Kirsche die Eisbombe. Hier tanzen Stars neben Newcomern und jeder hat die gleiche Chance auf eine Solorolle, wie mir Robert Conn erzählt.

Conn ist seit 2007 Ballettdirektor am Stadttheater. Heutzutage ist es eher üblich, dass ein Choreograf die Stelle eines Direktors übernimmt. Doch in Augsburg ist das anders. Der US-Amerikaner widmete sich von Beginn an der Aufgabe, ein funktionierendes, abwechslungsreiches Konstrukt aus mehreren Choreografen und ehrgeizigen Tänzern zusammenzustellen. Sein eigenes Faible für die Choreografie stellt er dabei hinten an. Denn seine Devise für die Reflektion von dem, was Tanz eigentlich ist, heißt Abwechslung schaffen. Und diese ist nur möglich, wenn die Ideen und Vorstellungen mehrerer Menschen in der Vielfalt der Stücke einer Spielzeit zur Geltung kommen.

Genau diese Vielfalt konnte ich in den letzten Monaten spüren. »Dans Impulse«, »Medea«, »Destillationen IV« und »Blues Brothers« waren die Stücke, die mir das vielschichtige Gewand des Augsburger Balletts demonstriert haben. Beeindruckende Bewegungen, die zeigen, wozu ein trainierter Körper fähig ist. »Medea«, ein Stück, das Liebe, Eifersucht und seelische Zügellosigkeit behandelt, hat mir bewiesen, dass es nicht nur ein Schauspiel mit Worten gibt, sondern dass Tragik allein durch Gesten vermittelt werden kann. Die Erkenntnis, dass nur noch Bewegungen bleiben, wenn Worte nicht mehr ausreichen. Seien es nur kleine Zuckungen am Mundwinkel, geschlossene oder offene Augen, schnelle oder langsame Regungen des Körpers, die Symbiose mit der Musik. Hier haben Wörter keine Bedeutung mehr. Jede Bewegung sagt mehr aus, als alle Texte über einen Seelenzustand ausdrücken könnten. In dieser Kunstform können in einem Stück Traurigkeit und Wut ebenso vermittelt werden wie im nächsten Humor und Freude. Und das alles, ohne einen verständlichen Wortlaut zu verlieren. Für mich etwas absolut Neues und Beeindruckendes. Diese Hingabe der darstellenden Personen ist echt. Ich nehme sie ihnen hundertprozentig ab, und deshalb wundert es mich nicht, wieso diese Truppe in den letzten Jahren sehr oft vor ausverkauftem Haus gespielt hat.

Tanz ist inzwischen in den Medien allgegenwärtig. Im Kino gibt es Spielfilme über Streetdance, im Fernsehen tanzen drittklassige Prominente. Bezogen auf den Nachwuchs waren und sind diese Parameter gut für die Tanzindustrie. Gerade der Streetdance hat Männer dazu bewegt, sich professionellem Tanz zu widmen und damit auch dem alten Vorurteil »Tänzer sind Schwuchteln« entgegenzuwirken. Die Musik, auf die getanzt wird, besteht nicht allein aus klassischen Werken. Gerade der Jungchoreografenabend »Destillationen IV« hat gezeigt, auf welche Art und Weise diese künstlerische Ausdrucksform musikalisch und tänzerisch lebendig, gegenwärtig und zukunftsorientiert ist. Mit wenigen Requisiten wird auf Aphex Twin, Massive Attack oder Bobby Vintons »Blue Velvet« getanzt, und jedes Stück verzaubert allein und einzigartig durch den Charme und die Leidenschaft der Tänzer. Und darin liegt auch die Zukunft: Der Tanz passt sich der Musik der Gegenwart an und nutzt den menschlichen Körper als Instrument zur anschaulichen, emotionalen Darstellung der Message von Klang, Musik und Lyrics, falls es welche gibt.

Ist Tänzersein nur ein Job, der gewisse körperliche Fähigkeiten voraussetzt und eine Person nach Feierabend in einen gewöhnlichen Alltag entlässt? Sicher nicht. Für unsere Augsburger Balletttänzer heißt es, sich ihres künstlerischen Daseins 24 Stunden am Tag bewusst zu sein. Eine kontrollierte Ernährung, die Vermeidung unnötiger Anstrengung und gezielte Erholungsphasen gehören genauso zum Arbeitsalltag wie, neben den Vorstellungen, die sechs bis neun Stunden andauernden Trainingseinheiten gemeinsam mit dem Team. Ein Job, der wie bei jedem Hochleistungssportler Ehrgeiz, Disziplin und Ausdauer verlangt. Bei einem Training durfte ich als stiller Beobachter agieren und ich konnte die Konzentration, die in der Luft lag, eindeutig fühlen. Eine Atmosphäre der Anspannung, die den Ballettsaal ausfüllte und mir einen Eindruck von der Tiefe dieser Kunstform vermittelte.

Die Tänzer lieben, was sie tun. Sie kommen aus allen Teilen der Welt, um in Augsburg ihrer Leidenschaft nachzugehen. Kuba, Kanada, Brasilien, Australien, Südkorea, um nur ein paar der Herkunftsländer zu nennen, machen das Ensemble zu einem Melting Pot und von Anfang 20 bis Mitte 30 ist auch altersbezogen alles vertreten. Wirkt sich die bevorstehende Theatersanierung irgendwie auf die Stimmung innerhalb der Gruppe aus? Die serbische Tänzerin Ana Dordevic erzählt mir: »Eher weniger. Da die meisten Verträge nur zwei bis drei Jahre laufen, werden viele der aktuellen Tänzer die Sanierung gar nicht mehr miterleben. Somit wird nicht viel darüber gesprochen. Doch wir freuen uns für die kommenden Generationen.« Anders sieht das bei Direktor Robert Conn aus. Er hat seinen Dreijahresplan so gut wie fertig und ist selbst gespannt darauf, was geschehen wird. »Natürlich wird auch im Chaos so gut wie nur möglich weitergemacht und auf alles Unvorhersehbare bestmöglich reagiert«, verspricht er mit seinem Sonnyboy-Lächeln.

Doch nun steht erst einmal die Spielzeit 2015/16 an. Neben der Wiederaufnahme von »Romeo und Julia« aus der letzten Saison wird ein weiteres Shakespeare-Stück Premiere feiern: »Hamlet«. Man darf gespannt sein, ob es an den riesigen Erfolg von »Romeo und Julia« anknüpfen kann. Ein weiteres Stück trägt den Titel »Von Göttern und Menschen«. Zu seinem Choreografenteam gehört auch Riccardo De Nigris. Der Italiener ist seit 2010 selbst Tänzer im Augsburger Ensemble und wird parallel dazu von Robert Conn, der ihm sehr großes Potenzial bescheinigt, als Nachwuchschoreograf gefördert. Bei der Operette »Die Csárdásfürstin« ist die Kompanie ebenfalls vertreten, und somit können sich die Ballettfans auf drei Inszenierungen im Großen Haus freuen. Auf der Brechtbühne wird der Ballettabend »Soto Danza« von Cayetano Soto aufgeführt. Ebenfalls zu erwähnen ist, dass die Ballettgala 2016 zweimal stattfinden wird und damit die Chance, für dieses jährlich ausverkaufte Event ein Ticket zu ergattern, doppelt so hoch ist. Es werden also eine Menge mehr Freudentränen fließen als die Jahre zuvor.

Hiermit komme ich nun zu den letzten Zeilen, die für mich auch das vorläufige Ende dieses »Experiments« bedeuten. Ich habe mich unvoreingenommen der Welt des Tanzes gewidmet und kann sagen, dass ich von der kompletten Ballettabteilung wahnsinnig freundlich empfangen und geleitet wurde. Ich bin jetzt immer noch alles andere als ein Tanzexperte, doch ich habe verstanden, wodurch die Faszination für diese Kunstgattung ausgelöst wird. Egal, ob Tänzer oder Choreograf – jeder dieser Menschen ist ein Künstler und verdient vollsten Respekt. Und was die Unterhaltsamkeit betrifft, stehen diese Tanzaufführungen einem Schauspiel, einem Musical, einer Oper oder einem Rockkonzert in nichts nach. Ich freue mich auf die neue Spielzeit und werde mir wohl in Zukunft vor einem Konzert auch ab und an mal ein Ballett ansehen. Denn was soll ich sagen? Ich finde es einfach gut!

Weitere Positionen

8. April 2020 - 11:34 | Bettina Kohlen

Im schwäbischen Donautal sind seit 2018 kleine ungewöhnliche Bauten am Wegesrand zu entdecken: Sieben Kapellen werden es am Ende sein – dank der Initiative der Siegfried und Elfriede Denzel Stiftung.

6. April 2020 - 16:30 | a3redaktion

Die Versorgung der Menschen mit Literatur ist in Zeiten von Corona wichtiger denn je. a3kultur hat Buchhändler*innen aus der Region um Tipps gebeten und gefragt, wie sie mit der Krise umgehen. TEIL 2: Buchhandlung Platzbecker

5. April 2020 - 10:49 | Jürgen Kannler

Um größten Schaden von unserer Gesellschaft abzuwenden, müssen nun auch in unserer Region Soforthilfeprogramme entwickelt werden. »Keine Zeit wie jede andere« – ein a3kultur-Bulletin zur Corona-Krise von Jürgen Kannler

4. April 2020 - 14:27 | Gast

Serie »75 Jahre Befreiung« – Teil 3: Amerikanifiziert in Bayern. Ein Gastbeitrag von Franz Dobler

2. April 2020 - 16:48 | a3redaktion

Die Versorgung der Menschen mit Literatur ist in Zeiten von Corona wichtiger denn je. a3kultur hat Buchhändler*innen aus der Region um Tipps gebeten und gefragt, wie sie mit der Krise umgehen. TEIL 1: Buchecke Diedorf

31. März 2020 - 11:00 | Gast

Serie »75 Jahre Befreiung« – Teil 2: Niederlage, Katastrophe, Befreiung oder gar »Stunde Null«? Ein Gastbeitrag von Dr. Karl Borromäus Murr

30. März 2020 - 11:47 | Gudrun Glock

Vor 45 Jahren wurde der Naturpark Augsburg Westliche Wälder e.V. gegründet. Das Naherholungsgebiet vor den Stadttoren Augsburgs soll den Bürger*innen die Natur wieder näherbringen. Gudrun Glock hat Eva Liebig, die stellvertretende Geschäftsführerin des Vereins, getroffen.

28. März 2020 - 16:33 | Patrick Bellgardt

In den frühen Morgenstunden des 28. April 1945 setzten amerikanische Soldaten der NS-Diktatur in Augsburg ein Ende. Start der neuen Serie auf a3kultur.de

27. März 2020 - 11:10 | Jürgen Kannler

Corona lehrt uns: Nichts ist wie es war. Unsere Gesellschaft ist verunsichert. Viele, gerade auch Kulturmacher, sind verzweifelt. Um die Krise in den Griff zu bekommen, braucht es verlässliche Strukturen und neue Wege. Wechsel bei Bürgermeistern und in Referaten kämen zur Unzeit.

24. März 2020 - 9:45 | Gast

Wie wird, was Brecht sagen, erzählen, beschreiben, abbilden und ändern wollte, umgesetzt, erläutert und verstanden? Gedanken zur Konzeption und Zukunft des Brecht-Preises und -festivals. Ein Gastbeitrag von Knut Schaflinger