»Wer fromm ist, muss auch politisch sein«

12. Mai 2017 - 10:24 | Dieter Ferdinand

Das Recherchestück »Unruhe im Paradies« auf der Brechtbühne des Theaters Augsburg fragt nach der Rolle von Glaube und Religion heute.

»Lasset die Geister aufeinander prallen, aber die Fäuste stille halten.« Dieser Vorschlag Martin Luthers stand über dem Stück »Unruhe im Paradies« von Christiane Wiegand und Harry Fuhrmann. Sie und Augsburger Schauspieler*innen sowie Puppenspiel-Studierende der Berliner Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch haben den Runden Tisch der Religionen besucht. Später wurden über 40 Menschen zur Frage interviewt: »Welche Rolle spielen Glaube und Religion im Zusammenleben der Menschen in der Friedensstadt Augsburg?«

Wir sehen auf der Brechtbühne einen langen Laufsteg, um den das Publikum sitzt. Von der offenen Decke hängt eine Art Erdball herunter, der Theatersaal ist golden ausgeschlagen. Eine Marionette als »Archetypus Mensch« setzt aus großen Leuchtbuchstaben das Wort EDEN zusammen. Die Schauspieler*innen stellen szenisch dar, was Menschen verschiedener  Weltanschauungen ihnen erzählt haben. Zu erleben sind Ängste, Misstrauen, Hassbotschaften; aber auch Mut, Empathie und Offenheit. Ein Atheist sagt: »Augsburg ist nicht nur Friedensstadt, sondern auch Rüstungsstadt.« Die Kirchenangestellte: »Wer fromm ist, muss auch politisch sein.«

Ergreifend fand ich, wie ein Alevit seinem alten Onkel zu erläutern versucht, dass seine Heimat jetzt hier ist. Eine intolerante Fanatikerin verlässt türenknallend das Spielfeld. Die discobegeisterte Muslima macht deutlich: »Mein Kopftuch ist meine Meditation.« Der betagte Priester versteht nicht, dass seine Messe immer weniger besucht wird. Die alte Nonne sagt zu Leuten aus dem Gebetshaus: »Glaube ist niemals Bühne.« Sie entpuppt sich als lebensgroße Figur der Puppenspieler*innen. Abschließend bewegt sich der Archetypus Mensch zu meditativer Musik wie ein Angehöriger vieler Religionen.

Theater bietet keine Lösungen. Im Raum stehen Fragen: Wo finde ich mich wieder? Kann ich meine Ängste und Vorbehalte in Interesse am anderen Menschen verwandeln? Alle Mitwirkenden erhalten starken Applaus.

Weitere Termine: 12., 19., 20., 26. und 27. Mai sowie 1., 10., 13., 16. und 25. Juni. Im Anschluss an die Vorstellung findet ein Publikumsgespräch statt.

www.theater-augsburg.de

Foto: Nik Schölzel

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