Theater & Bühne

Wer spielt das Monster?

Patrick Bellgardt
9. Mai 2019

Als Mary Shelley 1818 ihren ersten Roman »Frankenstein« veröffentlichte, war sich die junge britische Schriftstellerin wohl kaum der Wirkung ihres literarischen Stoffs bewusst: Rund 200 Jahre später hat er sich ins kollektive Popkulturgedächtnis eingebrannt. Die makabre Geschichte um den Schweizer Studenten Viktor Frankenstein, der an der damals renommierten Universität Ingolstadt einen künstlichen Menschen erschafft, wurde in Theaterproduktionen, Videospielen, Serien und Filmen zuhauf adaptiert. 2015 landete das Buch gar auf Platz 9 der von der BBC in Kooperation mit über 80 internationalen Literaturkritikern zusammengestellten Rangliste der »100 greatest British novels«.

Das Sensemble Theater folgt diesen Spuren und macht mit »Frankenstein unlimited« doch alles anders: Der penible Spielleiter Theo (Jörg Schur) möchte Mary Shelleys Klassiker möglichst originalgetreu auf die Bühne bringen. Aber auch ein Brückenschlag zur heutigen Diskussion um Künstliche Intelligenz würde ihn reizen. Personell sieht es für das Theaterprojekt aber schlecht aus: Nur sein naiv-liebenswerter Freund Bernhard (Birgit Linner) steht ihm als Notnagel/Schauspieler zur Seite. Der verbindet Frankenstein bestenfalls mit den TV-Komödien »The Addams Family« und »The Munsters« aus den Sechzigern. Eine turbulente Zwei-Mann-Inszenierung über Liebe, Freundschaft und den drohenden Tod nimmt ihren Lauf – Musicaldarbietungen inklusive.

»Frankenstein unlimited« ist Schur und Linner auf den Leib geschrieben: Der Autor des Stücks, Sensemble-Chef Sebastian Seidel, gibt seinem Stammduo einen maßgeschneiderten Anzug an die Hand, der ihm schon beim vielbeachteten »Hamlet for you« oder dem Weihnachtsdauerbrenner »Der Messias« ausgezeichnet stand. Schauspieler spielen Schauspieler, die mit einigen Hindernissen und persönlichen Differenzen ein Stück inszenieren – diese Grundidee geht auch bei »Frankenstein unlimited« auf.

Schur und Linner beherrschen dieses temporeiche Spiel der Identitäten. Sie verfügen über einen feinen Sinn für Situationskomik und fallen gekonnt aus ihren Rollen, um in Sekundenschnelle wieder präsent zu sein. Das Premierenpublikum haben Bernhard und Theo mit ihrer schrägen Interpretation von »Frankenstein« jedenfalls bestens unterhalten. Da ist es fast schon egal, was die beiden Theaterchaoten diesmal auf die Bühne bringen möchten – man muss sie einfach gern haben. Daumen hoch für diesen monströsen Klamauk!

Weitere Termine bis Ende Juni unter:
www.sensemble.de

Weitere Positionen

23. Juni 2021 - 16:06 | Marion Buk-Kluger

Das gleichnamige Broadway Musical bestimmt die Freilichtbühnen-Spielzeit in Augsburg bis zum 31. Juli …und bringt Leichtigkeit gepaart mit durchaus Kritik an einer schnelllebigen, oberflächlichen Zeit mit sich!

22. Juni 2021 - 10:15 | Renate Baumiller-Guggenberger

Die »Brechtnacht« 2021 legte nach und präsentierte am Freitagabend mit der Poetry-Slammerin Tanasgol Sabbagh – begleitet von der Drummerin Steffi Sachsenmeier und dem Jazzer André Schwager an den Synthies - und der Allround-Musikerin Charlotte Brandi zwei charismatische Künstlerinnen auf der leider nur mäßig besuchten Kulturbühne im Gaswerk.

18. Juni 2021 - 13:55 | Renate Baumiller-Guggenberger

Mit einem energiegeladenen, jungen Darsteller-Quintett hat Staatstheater-Regisseur David Ortmann die berühmte romantische Verskomödie »Cyrano de Bergerac« von Edmond Rostand für lauschige Sommernächte auf dem »Kunstrasen« inszeniert und die Zuschauer »mit der Nase« auf die Bedeutsamkeit innerer menschlicher Werte gestoßen.

17. Juni 2021 - 19:00 | Martin Schmidt

Am 12. Juni war es soweit: Die Ständige Konferenz der Kulturschaffenden in Augsburg traf zusammen und diskutierte im Glaspalast rund sechs Stunden zum Thema »Kultur post Corona – Zurück an den Start oder wohin?«. Vier spannende Gesprächspanels mit Positionen, Einsichten, Kritik und Zustandsbeschreibungen. Hier die Video-Dokumentation – ebenfalls zu finden auf dem Youtube-Kanal von a3kultur!

16. Juni 2021 - 10:19 | Iacov Grinberg

Anlässlich des 300-jährigen Geburtstages von Johann Heinrich Schüle widmet das Grafische Kabinett der Kunstsammlungen und Museen Augsburg dem Kattunfabrikanten eine Ausstellung in ihren Räumen. Iacov Grinberg hat die Ausstellung für uns besucht.

14. Juni 2021 - 10:18 | Renate Baumiller-Guggenberger

In seinem bewusst mit »Plakat«(iven) - Mitteln und hohlen Phrasen operierenden Theaterstück »Wahlschlacht 2021« rückt Regisseur Sebastian Seidel im Krisen-und Wahljahr den internen Machtspielchen der fiktiven LWP-Regierungspartei(en) auf den Leib. Am Ende lässt er das Publikum über die Einführung des bedingungslosen Grundeinkommens als echte Alternative für die Zukunft abstimmen…

8. Juni 2021 - 14:52 | Renate Baumiller-Guggenberger

GMD Domonkos Héja erfüllte vor knapp 300 Zuhörenden, gemeinsam mit den energiereichen Augsburger Philharmonikern, auf wunderbare Weise sinfonische Publikumswünsche. Endlich durfte sich im 7. Sinfoniekonzert auch der junge Pianist Evgeny Konnov als souveräner Beethoven-Interpret präsentieren.

8. Juni 2021 - 14:32 | Anna Hahn

Das Staatstheater Augsburg lud nach langer Pause wieder zu einer Premiere in die Brechtbühne ein. Auf dem Programm stand die Stückentwicklung »Klang des Regens«. Mit Maske, Abstand und in kleiner Runde wurde gefeiert.

31. Mai 2021 - 13:14 | Bettina Kohlen

Das tim zeigt Fotografien von Nikolas Hagele, der in seinen Bildern Hybride – skulpturale Mischwesen aus Mensch und Textil – erstehen lässt.

31. Mai 2021 - 12:23 | Anna Hahn

Dem Büro für gesellschaftliche Integration der Stadt Augsburg ist es zum dritten Mal gelungen, die EU von einem Projekt zu überzeugen.